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„Tyrannei des Marktes“ : Die Kirche verachtet die Reichen

Dem Heiligen Geist eine Option für den Wohlstand zugestehen

Dem neuen Papst Franziskus dagegen ist diese Tradition, sollte er überhaupt von ihr Kenntnis haben, zutiefst suspekt. Er ist geprägt von der Wirtschaftsgeschichte Argentiniens und der in Lateinamerika verbreiteten spätmarxistischen „Theologie der Befreiung“, die auch hierzulande bis heute viele Menschen anzieht. Man organisiert „Basisgemeinden“ und sieht sich als „Anwalt der Armen“. Seit der Zweiten Generalversammlung der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz im Jahr 1968 im kolumbianischen Medellín gilt die „Option für die Armen“ als Auftrag für Kirche und Theologie. Damit ist gerade nicht beabsichtigt, die Armen aus ihrer Armut zu befreien und zu Reichtum zu führen. Das unterläge dem biblischen Verdikt, wonach das Kamel nicht durch das Nadelöhr und der Reichen nicht in den Himmel kommen. Eher schon geht es um eine mal vage, mal konkret ausgemalte Umwälzung der Wirtschaft in Richtung einer sozialistischen Gesellschaft der Gleichen.

Bis heute, bald 25 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, ist die katholische Kirche nicht bereit einzugestehen, dass die Theologie der Befreiung Lateinamerikas dramatisch gescheitert ist. Denn sie vermochte es nicht, die Armen in ein urchristliches Reich des innerweltlichen Egalitarismus zu überführen. Zugleich verbot ihr das antikapitalistische Ressentiment, dass mit ihrer Hilfe den Armen der Aufstieg in bessere Einkommensschichten gelingen konnte. Dass den Katholiken Lateinamerikas scharenweise die Gläubigen davon- und zu den Pfingstkirchen überlaufen, bringt die Kirche nicht in Zusammenhang mit diesem Versagen.

„Religionssoziologen haben gezeigt, dass fromme Pfingstler dank der dichten Kommunikationsstrukturen in den Gemeinden ungleich mehr Sozialkapital bilden und akkumulieren als die Katholiken“, berichtet der Theologe Friedrich Wilhelm Graf. In den Pfingstgemeinden werden harter Fleiß und die Fähigkeit zu sozialem Aufstieg religiös prämiert und nicht befreiungstheologisch diskreditiert. Der traditionelle Katholizismus Südamerikas kann darin nur abschätzig „Health and Wealth Christianities“ erkennen, Sektierer, die Gesundheit, Glück, Aufstieg und Erfolg theologisch überhöhen und dem Heiligen Geist eine Option für den Wohlstand (anstatt der Option für die Armen) zugestehen.

Er hat nur Barmherzigkeit und Almosen anzubieten

Als langjähriger Bischof von Buenos Aires hat Papst Franziskus das Los der Verelendung seiner Landsleute stets angeprangert und sich theologisch auf die Seite der „Option für die Armen“ geschlagen. Auf die Idee, dass die Staatspleite Argentiniens in den Jahren 2001 und 2002 mit ihren verheerenden sozialen Folgen eine Konsequenz von Staatsversagen sein könnte, kommt er nicht. Für ihn ist das alles Marktversagen, ein Zeichen der „Tyrannei der Märkte“ und eines ungezügelten Kapitalismus: „Diese Wirtschaft tötet.“ Dass sich in anderen Ländern Lateinamerikas im Gefolge marktwirtschaftlicher Reformen Armut und Ungleichheit verringert haben, nimmt er nicht zur Kenntnis.

Kein Wort steht im päpstlichen Sendschreiben davon, dass heute in der Welt grob gerundet eine Milliarde Menschen weniger unter extrem unmenschlichen Bedingungen von Hunger und Krankheit leben als vor zwanzig Jahren. Verantwortlich dafür sind die Wachstumserfolge einer kapitalistischen Wirtschaft. Allein in China fanden durch die Marktöffnung Deng Xiaopings seit den späten siebziger Jahren fast 700 Millionen Menschen einen Ausweg aus der Armut.

Weil Papst Franziskus die theologisch begründeten Ressentiments des Christentums gegenüber den Reichen teilt, hat er den Armen nur Barmherzigkeit und Almosen anzubieten. Es ist das Konzept der Mutter Teresa in Kalkutta. Dass es zur Überwindung der Armut Marktwirtschaft und Kapitalismus braucht, kann dieser Papst nicht sehen.

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