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„Tyrannei des Marktes“ : Die Kirche verachtet die Reichen

Die italienischen Kaufleute der Renaissance bedienten sich zur Legitimation des Reichtums eines schöpfungstheologischen Arguments: So hart wie Gott gearbeitet hatte, um seine Schöpfung so gut wie möglich – also perfekt – zu machen, so sehr sollten auch die Florentiner Kaufleute sich anstrengen, um am Ende dafür eine gerechte materielle Belohnung zu erhalten. Kaufmännische Arbeit ist Nachahmung des göttlichen Schöpfungsaktes, also gut und gottgefällig.

Auch die Protestanten haben ein gebrochenes Verhältnis zum Kapital

Doch all das bleibt theologische Ausnahme. Der abendländische Mainstream des Christentums fließt woanders. Auch die protestantischen Reformatoren haben ein gebrochenes Verhältnis zum privaten Kapital. „Wenn wir auch von Natur aus nicht ruchlos wären, so wäre doch das Eigentum Sünde genug, dass Gott uns verdammte. Denn was er uns frei gibt, machen wir zu Eigentum“, schreibt der Züricher Reformator Huldrych Zwingli: Gott hat den Menschen die Erde hinterlassen, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen. Ein Geschenk kann man aber nicht in Besitz umwandeln, es bleibt immer Leihgabe. Wer auf das, was ohne Ansprüche übereignet wurde, Ansprüche erhebt, begeht eine Sünde. Kein Wunder, dass eine marktwirtschaftliche Ordnung es bei Christen nicht leicht hat, denn sie beruht auf dem Pathos des Individualismus und dem Respekt vor dem Privateigentum. Wo aber der Besitzt suspekt ist, da können auch Unternehmertum und Gewinnmaximierung nicht gedeihen. Und jeglicher Profit wird als Übel denunziert.

Das sieht in der katholischen Soziallehre nicht anders aus. Zu ihren Charakteristika gehört es, dass sie in der Frage der Wirtschaftsordnung stets extrem skeptisch bleibt. Die großen Sozialenzykliken der Päpste – von „Rerum Novarum“ (Leo XIII., 1891) bis „Centesimus Annus“ (Johannes Paul II., 1991) – haben ein gebrochenes Verhältnis zum Privateigentum. Dankbar bediente man sich angesichts der verstörenden Erfahrung der Industrialisierung der eigentumsfeindlichen Rhetorik des frühen Christentums. Das Hauptübel seiner Zeit sah Papst Leo XIII. in der vom Liberalismus verursachten Ausbeutung der übergroßen Mehrheit der Menschen durch wenige Reiche. Am ehesten noch konnte sich Johannes Paul II. zu einem verhalten positiven Verhältnis zum Markt durchringen: Karol Wojtyła hatte im polnischen Krakau den Kommunismus erlebt und im Westen die Überlegenheit freier Märkte erfahren. Bei ihm heißt es, fast mit Anklängen an die Freiburger Schule des Neoliberalismus, die Marktwirtschaft setze „die Sicherheit der individuellen Freiheit und des Eigentums sowie eine stabile Währung“ voraus.

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