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„Tyrannei des Marktes“ : Die Kirche verachtet die Reichen

„Das Elend des Reichtums“ ist dieser Kupferstich aus dem 16. Jahrhundert überschrieben. Er setzt das Gleichnis vom Nadelöhr, durch das kein Kamel passt, ins Bild

Das sind keine guten Voraussetzungen für eine positive Einstellung zu Markt, Wettbewerb, Reichtum oder gar Luxus. Die im Diesseits von Menschen erwirtschafteten Güter unterliegen für die Christen allemal einem Vorbehalt. Der Markt schafft Wohlstand und verführt zur Orientierung am Diesseits und am Konsum, der unfrei macht. Aber schlimmer noch: Der Markt schafft Ungleichheit. Denn der Wohlstand wird nicht gleich verteilt. Zwischen Arm und Reich klafft eine Kluft. „Ebenso wie das Gebot ,Du sollst nicht töten‘ eine deutliche Grenze zieht, müssen wir heute ein ,Nein‘ zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen sagen“, heißt es bei Franziskus.

Genau darin liegt für die Kritiker des Christentums – von Edward Gibbon bis Friedrich Nietzsche – der Skandal: Es ist eine Religion, die den Menschen ihren wirtschaftlichen Erfolg madig macht. Für Nietzsche steht fest, dass es das Christentum war, jene egalitäre Religion der Zukurzgekommenen, die das Römische Reich – eine Welt globalen Wohlstands („Commonwealth“) – mit seiner Moral der Zukurzgekommenen zu Fall gebracht hat. Das von der Religion erzeugte schlechte Gewissen kann den Erfolgreichen die Freude vergällen. Kreativität und das ehrgeizige Streben nach Reichtum wurden fürderhin als amoralisch denunziert.

Die Christen predigten Armut - und in Europa gingen die Lichter aus

Das kommt den Christen gerade recht, bestärkt es doch die Konzentration auf eine „andere“, jenseitige Welt. Augustinus’ Antwort auf die Zerstörung Roms war der „Gottesstaat“: als Linderung und Relativierung der irdischen Geschehnisse. Das Ressentiment wendet sich von der Gegenwart ab. Der Christ lebt in Distanz zur Welt, zu irdischem Tand, Besitz und Luxus. „Das Christenthum war der Vampyr des Imperium Romanum“, heißt es bei Nietzsche. Es hat die Nachgeborenen um die Ernte der antiken Kultur gebracht und „die ungeheure That der Römer, den boden für eine grosse Cultur zu gewinnen, die Zeit hat, über Nacht ungethan gemacht“. Der Welt predigten die Christen Armut – und in Europa gingen seit dem 5. Jahrhundert die Lichter aus. Das schlechte Gewissen wirkte als Wohlstandsbremse, brachte aber zugleich auch eine große neue Ungleichheit zwischen Arm und Reich hervor. Richtig reich waren im Mittelalter nur Klerus und Mönche, die Laien blieben bettelarm.

Nur ganz selten – in der spanischen Spätscholastik des 16. Jahrhunderts oder in der praktischen Kaufmannsethik der toskanischen Frührenaissance – finden sich Ansätze zu einem positiven Reichtumsbegriff, der sowohl mit natürlichem wie auch mit göttlichem Recht vereinbar ist: Der Schutz des Privateigentums, schreiben die spanischen Scholastiker, garantiere, dass die Menschen die Schöpfung nicht verkommen lassen. Alle Nächstenliebe und aller christliche Altruismus setzen die Möglichkeiten des wirtschaftlichen Erfolges notwendig voraus. Denn verteilen könne nur, wer etwas hat. Genauso setzt auch das Gebot, nicht zu stehlen, das Privateigentum voraus. Die altruistische Ethik ist angewiesen auf das egoistische Ethos des Gewinnstrebens.

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