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Übernahme durch Tesla-Chef : Twitter startet in die Ära Musk

Elon Musk legt für Twitter mindestens 44 Milliarden Dollar auf den Tisch und nimmt das Unternehmen von der Börse. Bild: EPA

Der Tesla-Chef sichert sich eine besondere Trophäe und verspricht einige Veränderungen. Aber warum kaufte Musk Twitter? Und was könnte sich nun ändern? Die wichtigsten Fragen.

          4 Min.

          Warum kauft Elon Musk Twitter?

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Offenbar nicht in erster Linie, weil er Twitter für eine attraktive Investition hält. Der Vorstandschef des Elektroautoherstellers Tesla und des Raumfahrtunternehmens SpaceX hat gesagt, ihm gehe es hier nicht ums Geld. Er hat seinen Übernahmeversuch als eine Art Feldzug für freie Meinungsäußerung beschrieben. Er wirft Twitter übermäßige Zensur von Inhalten vor und hat suggeriert, dies werde sich unter ihm ändern.

          Ist der Zensurvorwurf berechtigt?

          Twitter hatte einmal ähnliche Ansprüche, wie sie jetzt Musk formuliert, und sich sogar als „der Flügel der freien Rede in der Partei der freien Rede“ bezeichnet. Aber angesichts einer zunehmenden Zahl an kontroversen und toxischen Inhalten hat sich Twitter – genauso wie Facebook und andere Plattformen – zu verstärkter und strengerer Moderation gezwungen gesehen. Dazu gehören auch Sanktionen gegenüber einzelnen Nutzern, etwa der Rauswurf von Donald Trump. Twitter hat heute ein umfangreiches Regelwerk, das zum Beispiel Hassrede, Gewaltverherrlichung oder auch gezielte Einschüchterung anderer Nutzer verbietet.

          Wird Musk Trumps Sperre aufheben?

          Das hat er bisher nicht konkret gesagt. Gemessen an der von ihm vertretenen Philosophie wäre es aber naheliegend. Die Frage bekäme größere Dringlichkeit, sollte Trump noch einmal für das Präsidentenamt kandidieren. Trump hat jetzt selbst gesagt, er wolle nicht zu Twitter zurück, obwohl dies einst sein bevorzugtes Sprachrohr war. Viele Beobachter sind überzeugt, dass er Twitter gerne wieder nutzen würde. Seine eigene Plattform Truth Social kämpft mit Anlaufschwierigkeiten, und Trump hat hier bislang selbst kaum Einträge veröffentlicht.

          Wie reagiert die Politik?

          Musk schlägt mit seinen Aussagen rund um freie Rede ähnliche Töne an wie Vertreter der Republikanischen Partei, die Twitter und anderen Diensten vorwerfen, konservative Positionen zu unterdrücken. Insofern waren die Reaktionen der Republikaner eher positiv. „Freie Rede macht ein Comeback“, twitterte zum Beispiel Jim Jordan aus dem Abgeordnetenhaus. Der prominente und politisch weit rechts stehende Fernsehmoderator Tucker Carlson hat Musk „unsere letzte Hoffnung“ genannt. Dagegen sagte Senatorin Elizabeth Warren von den Demokraten, die Übernahme sei „gefährlich für unsere Demokratie“.

          Wo steht Musk selbst politisch?

          Auch wenn er nun gerade von Republikanern Applaus bekommt, ist er politisch nicht so leicht einzuordnen. Er wird oft als Libertärer beschrieben, der für möglichst viel individuelle Freiheit und möglichst wenig staatlichen Einfluss ist. Er hat selbst gesagt, er sei nicht konservativ, sondern politisch moderat. Oft reflektiert er Positionen, die gerade im konservativen Lager vertreten werden, etwa mit Kritik an Corona-Restriktionen, einer gewerkschaftsfeindlichen Haltung oder wenn er sich über „Wokeness“ beklagt. Andererseits hat er sich gerade in der Trump-Ära ausdrücklich gegen die Politik von Republikanern gestellt, etwa in Einwanderungs- oder Klimafragen.

          Wie würde Musk die Regeln ändern?

          Das hat er noch nicht im Detail ausgeführt. Er hat gesagt, Twitter müsse sich in jedem Land an die Gesetze halten, aber grundsätzlich sei es zum Beispiel seine Präferenz, Einträge zu erlauben, wenn sie sich in einer „Grauzone“ befänden. EU-Kommissar Thierry Breton sagte am Dienstag ausdrücklich, Twitter müsse sich an europäische Regulierungen halten. Erst am Wochenende haben das Europaparlament und die Mitgliedsstaaten sich auf den Digital Services Act (DSA) geeinigt, ein Gesetz, das unter anderem auf die Eindämmung von Falschinformationen und Hetze abzielt.

          Musk will Twitters Algorithmen offenlegen. Was meint er damit?

          Demnach soll es für die Allgemeinheit ersichtlich sein, wie Twitter funktioniert, also zum Beispiel warum manche Inhalte prominent angezeigt werden und andere nicht. Das solle „Manipulation hinter den Kulissen“ verhindern.

          Was will Musk sonst noch verändern?

          In einer Mitteilung hat er gesagt, er wolle Twitter „besser denn je“ machen, etwa mit der Bekämpfung von „Spam“ oder mit neuen Funktionen. Er hat in den vergangenen Wochen schon suggeriert, Twitter könnte es künftig ermöglichen, Einträge mit einer „Edit“-Funktion nachträglich zu bearbeiten. Viele Twitter-Nutzer fordern das seit Jahren. Er hat auch angedeutet, er könnte künftig stärker auf gebührenpflichtige Angebote setzen. Twitter hat heute schon ein Premiumangebot, das Geld kostet, macht aber den mit Abstand größten Teil seines Umsatzes mit Werbung.

          Wie geht es Twitter wirtschaftlich?

          Twitter wird seit Jahren vorgeworfen, sein wirtschaftliches Potenzial nicht auszuschöpfen. So gewaltig die öffentliche Präsenz des Dienstes ist: Dem Unternehmen ist es oft schwergefallen, seine Nutzerzahlen und Umsätze auszubauen. Verglichen etwa mit dem Facebook-Mutterkonzern Meta ist es ein Zwerg. Das spiegelt sich auch an der Börse wider.

          Wie wird die Übernahme finanziert?

          Musk ist zwar mit einem geschätzten Vermögen von 257 Milliarden Dollar der reichste Mensch der Welt, aber der Preis von 44 Milliarden Dollar ist auch für ihn nicht leicht zu stemmen, zumal ein großer Teil seines Reichtums an Tesla-Aktien geknüpft ist. Er hat sich aber umfangreiche Kreditzusagen von Banken wie Morgan Stanley gesichert, die zum Teil mit seinen Tesla-Aktien abgesichert sind. Er will auch selbst 21 Milliarden Dollar an Eigenkapital beisteuern, wobei denkbar ist, dass er dafür noch Beteiligungsgesellschaften mit ins Boot holt. Schätzungen zufolge könnten die Kredite mit jährlichen Zinszahlungen in Milliardenhöhe verbunden sein.

          Was passiert nun als Nächstes?

          Die Übernahme steht unter dem Vorbehalt der Genehmigung durch Regulierungsbehörden, auch die Twitter-Aktionäre müssen noch zustimmen. Beides gilt als wahrscheinlich. Twitter-Vorstandschef Parag Agrawal sagte in einer Mitarbeiterversammlung, die Transaktion könnte in sechs Monaten vollzogen werden. Twitter soll dann von der Börse verschwinden. Wer das Tagesgeschäft dann führen wird, ist noch unbekannt, aber da Musk dem bisherigen Management sein Misstrauen ausgesprochen hat, wäre zu vermuten, dass es zu einem Wechsel an der Spitze kommen wird. Agrawal sagte, er wisse nicht, welchen Kurs Twitter nach der Übernahme einschlagen werde.

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