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Türkische Wirtschaft : Der Sog am Bosporus

  • -Aktualisiert am

Weltkulturerbe Hagia Sophia in Istanbul: Die meisten Touristen in der Türkei kommen aus Deutschland. Bild: Jan Hauser

Lange Jahre legte die Wirtschaftsleistung meist enorm zu. Doch das Wachstum in der Türkei lässt nach. Der Boom scheint beendet.

          5 Min.

          Im Alter von zwei Jahren kommt Ali Ihsan Günes aus der Türkei nach Deutschland. Er wächst in Dortmund auf, geht zur Schule und zum Fußball ins Westfalenstadion, anschließend studiert er in der Stadt Betriebswirtschaftslehre. Als aber das Berufsleben ruft, zieht es ihn zurück in die türkische Heimat - nach Sakarya, fast 150 Kilometer östlich von Istanbul gelegen, hier wurde er 1968 geboren. Mit 4000 DM geht Günes Ende der neunziger Jahre zurück in die Türkei. Er gründet 1997 ein kleines Familienunternehmen, das automatische Türen und Tore einbaut, und baut das Geschäft in den Jahren danach aus.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Wenn ich in Deutschland geblieben wäre, hätte ich der Wirtschaft keinen so großen Beitrag geleistet wie ich es jetzt kann“, ist er sich sicher. Die grelle Mittagssonne erhellt sein Gesicht, während er in einem Istanbuler Hinterhof von seinem Weg erzählt, der ihn zurück in das nunmehr aufstrebende Wirtschaftsland geführt hat. Sein Unternehmen setzt heute mit 60 Mitarbeitern mehr als 5 Millionen Euro im Jahr um. „Es ist so viel Potential nach oben da, weil das Land 80 Jahre geschlafen hat.“

          Das Bruttoinlandsprodukt hat sich innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt

          Seit mehr als einem Jahrzehnt schläft die Türkei nicht mehr. Von 2002 bis 2011 steigerte sich die Wirtschaftsleistung durchschnittlich um mehr als 5 Prozent im Jahr. Das Bruttoinlandsprodukt hat sich in dem Zeitraum mehr als verdoppelt. 2011 erhöhte es sich um 8,8 Prozent - so viel wie kaum ein anderes Land vorweisen konnte. Doch im vergangenen Jahr ging das Wachstum deutlich zurück: Nur noch um 2,2 Prozent legte die Wirtschaftsleistung zu, wie das türkische Statistikamt mitteilte. 2012 wuchsen zwar die Exporte noch im zweistelligen Prozentbereich, doch der Konsum steigerte sich nicht so deutlich.

          Türkei Bilderstrecke

          Kein Grund zur ernsthaften Sorge für die Unternehmerin Sevda Kayhan Yilmaz, Vorstandsmitglied des türkischen Maschinenbauverbands MAIB: Ihrer Meinung nach sei der geringere Anstieg des Bruttoinlandsproduktes im vergangenen Jahr durchaus beabsichtigt gewesen - auch wenn das keiner verrate. „Die Wachstumsrate war nach der Krise so hoch“, sagt sie. „Wir haben währenddessen aber mehr importiert und zu wenig exportiert.“ Das Leistungsbilanzdefizit der Türkei ist gemessen an seinem Anteil am Bruttoinlandsprodukt eines der höchsten der Welt und immer noch ein Risiko für die Volkswirtschaft. Im vergangenen Jahr ist es auf ungefähr 6 Prozent von zuvor 10 Prozent zumindest zurückgegangen.

          Das hohe Defizit liegt vor allem am wachsenden Energiehunger der Türkei, der mit dem Wachstum einhergeht und weiter zunehmen wird. Zwei Drittel des Energieverbrauchs müssen durch Lieferungen aus dem Ausland gedeckt werden, vor allem Öl und Gas importiert die Türkei. Die Regierung will aber unabhängiger werden und die heimische Energieproduktion mit vielen inländischen Kraftwerken ausbauen.

          Ein hohes Defizit in der Leistungsbilanz, ein niedriges Wachstum: In diesen Bereichen hat das Land Nachholbedarf. Die Inflationsrate ist hoch; das Ziel, sie unter 5 Prozent zu bringen, wurde nicht erreicht. Auch gilt die Schattenwirtschaft in der Türkei als ausgeprägt.

          Die Finanzpolitik unter der mehr als zehn Jahre amtierenden islamisch-konservativen AKP-Regierung von Premierminister Recep Tayyip Erdogan gehört dagegen zur positiven Wirtschaftsseite des Landes: Die Staatsschulden sind zwar tendenziell leicht gewachsen, liegen als Anteil am Bruttoinlandsprodukt allerdings seit 2004 schon unter 60 Prozent, seit 2006 unter 50 Prozent und inzwischen um die 40 Prozent. Die Neuverschuldung liegt unter 3 Prozent. Die Arbeitslosigkeit sinkt. Die Ratingagentur Fitch stufte das Land im vergangenen November herauf und gab den Staatsanleihen den „Investment Grade“-Status. Zuvor galten die Papiere als hochspekulativ.

          Jeder Zweite ist nicht älter als 30 Jahre

          Außerdem ist die Bevölkerung jung: Jeder Zweite ist nicht älter als 30 Jahre. Es droht der Türkei nicht, dass ihre Wirtschaftsleistung wesentlich einbricht, aber sie wird ohne weiteres nicht mehr die hohen Zuwachsraten der vergangenen zehn Jahre vorweisen können. Der Boom dürfte einen Gang herunterschalten. In diesem Jahr wird zwar ein höheres Wachstum erwartet, aber keines aus den vorherigen Rekordjahren. Sevda Kayhan Yilmaz, deren Unternehmen hydraulische Zylinder mit einer Länge von bis zu 15 Metern herstellt, rechnet mit einem Zuwachs von 4,5 Prozent - und gehört damit zu den Optimisten.

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