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Türkische Karriere : Allein unter Männern. In Anatolien.

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Stark vom Islam geprägt: Die Stadt Afyon in Anatolien Bild:

Nergis ist Fabrikchefin in der türkischen Provinz. Was sie sagt, ist Gesetz - innerhalb der Firma. Draußen hat sie Probleme, sich eine eigene Wohnung zu mieten; sie muss lügen, wenn sie Urlaub am Meer machen will. Sich mit Männern zu treffen ist sowieso tabu. Necla Kelek über eine türkische Karrierefrau.

          Nergis hat es geschafft. Nach ihrem Chemiestudium leitet die 32-Jährige heute eine Fabrik mit 45 Mitarbeitern in Afyon, Anatolien. Die Fabrik produziert Kunststoffrohre für Kläranlagen und Wasserleitungen. Sie ist dort, wo die Frauen ihren Mann mit "Effendi", mein Herr, anreden und dabei zu Boden schauen.

          Auf Nergis hören fünf Frauen in der Verwaltung, fünf Betriebsingenieure und 35 Männer in der Produktion. Sie leitet das Werk, organisiert Arbeitsabläufe, überwacht Qualität, Kosten und Termine. Sie verdient gut, hat einen Dienstwagen und eine eigene Wohnung.

          Alleinstehende als Provokation

          Nein, das stimmt nicht ganz: Sie hatte eine eigene Wohnung, die hat sie inzwischen aufgegeben und wohnt seit zwei Jahren in der Gästewohnung auf dem Fabrikgelände. "Ich hatte große Probleme, überhaupt eine Wohnung zu bekommen", sagt sie. Als unverheiratete und alleinstehende Frau ist es fast unmöglich, eine Wohnung zu mieten.

          Auf Zuruf bringt ein Junge Tee: Nergis bei der Arbeit

          Eine türkische Frau in ihrem Alter ist normalerweise verheiratet oder lebt bei ihrer Familie. Ein Single-Dasein, sagt Nergis, sei in der Türkei einfach eine Provokation. Besonders für die Nachbarn. Als sie die Wohnung mieten wollte, musste der Betrieb bürgen und ihr Vater den Mietvertrag unterschreiben. Trotz der schönen Wohnung fuhr sie jedes Wochenende nach Hause, nach Ankara zu ihren Eltern. Insofern konnte sie die Wohnung ohnehin kaum nutzen, und so löste sie das Problem pragmatisch, sparte Miete und beendete das Gerede der Nachbarn.

          Respekt ist ein Synonym für Gehorsam

          Afyon ist eine Provinzstadt mit 100.000 Einwohnern, in Westanatolien, etwa vier Autostunden von Ankara wie auch von Istanbul entfernt. Afyon heißt "schwarzes Opiumschloss" und wurde am Fuße eines schroffen, mit schwarzem Trachyt überzogenen Felsen errichtet, auf dessen Spitze eine Zitadelle aus der Zeit der Hethiter steht. Von Afyon aus wagte Atatürk im Bürgerkrieg den entscheidenden Vorstoß gegen die Griechen, die er 1922 bei Smyrna, heute Izmir, besiegte und ins Meer jagte.

          Die von Nergis geleitete Fabrik gehört einer österreichischen Firmengruppe. Deren Manager haben die junge Frau zur Chefin gemacht, weil sie die Einzige war, die über die nötigen Fähigkeiten, Sprachkenntnisse und über Flexibilität verfügte. Für ihre Arbeiter ist sie der Boss. Was sie sagt, ist Gesetz. Sie haben Respekt vor ihr, denn sie weiß, wovon sie spricht. Respekt hat man in dieser Gesellschaft vor dem Alter oder vor dem Amt, nicht aber vor Frauen. Respekt ist ein Synonym für Gehorsam.

          Ein Junge bringt Tee auf Zuruf

          Nergis sieht gut aus, trägt ein ausgesucht schönes Kostüm, über das sie einen weißen Kittel zieht, wenn sie in die Produktion geht. Sie ist klein, zierlich und trinkt ständig Tee, den ein Junge auf Zuruf bringt und einschenkt. Jeder Betrieb hat so einen Teejungen, der Tee kocht und bringt und auch sonstige Besorgungen macht.

          Einmal im Jahr muss Nergis all das hinter sich lassen. Dann fährt sie ins Ausland, im letzten Jahr war sie für zehn Tage in China. Allein. Auch von Afyon aus fährt sie manchmal für ein Wochenende allein ans Meer. Im Betrieb erzählt sie dann, sie fahre zu ihren Eltern, ihren Eltern sagt sie, sie müsse arbeiten.

          Leben im Kollektiv

          Auch in Afyon ist sie allein. Ganz ohne Bitternis, eher amüsiert, erzählt sie von ihrem Leben in der türkischen Provinz. Sie sagt: "Ich bin hier die Direktorin, aber nicht als Frau. Ich kann nicht mit einem fremden Mann ausgehen oder Besuch von einem Mann erhalten. Die Direktorin kennt jeder. Und alle achten darauf, was sie tut. Nicht weil sie die Direktorin, sondern weil sie eine Frau ist."

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