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Recep Tayyip Erdoğan : Der tiefe Fall eines Reformers

Recep Tayyip Erdogan bei einer Großkundgebung in Ordu am Samstag Bild: dpa

Präsident Erdoğan hat den Türken viel Wohlstand gebracht. Jetzt zerstört er sein eigenes Werk. Wie konnte das passieren?

          6 Min.

          Recep Tayyip Erdoğan kann nicht verlieren. Er ist es auch nicht gewohnt. Wahlen gewinnt er seit Jahren, erst vor wenigen Wochen ist er wieder zum Präsidenten der Türkei gewählt worden. Im Inland hat er keine Gegner mehr zu fürchten, die Opposition ist weitgehend entmachtet, kritische Journalisten eingesperrt, die Kurden unterdrückt. Außenpolitisch hat er im Syrienkonflikt an Gewicht gewonnen und militärische Stärke gezeigt. Man kann ihn nicht ignorieren.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch der vergangene Freitag wurde für ihn zu einer Niederlage, wie er sie noch nie erlebt hat. Es war nicht die Politik, die sie ihm beigebracht hatte, sondern die Finanzwelt. 21 Prozent verlor die türkische Währung Lira an einem Tag an Wert. So etwas passiert am globalen Devisenmarkt äußerst selten. Es war ein heftiges Misstrauensvotum gegen Erdoğan. Das erste Votum, das er verlor. Und eines, das ihn sogar aus seinem Amt fegen könnte: der Autokrat – besiegt nicht von den Wählern, sondern von den Anlegern. Das wäre eine echte Überraschung.

          Dieser Freitag markiert für alle sichtbar eine Wende, die sich schon viel früher angekündigt hatte. Eine Wende vom umjubelten Wirtschaftsreformer zum nationalistischen Alleinherrscher, dem die Wirtschaft heute um die Ohren fliegt. Wer das verstehen will, muss sich Erdoğans wundersame Wandlung noch einmal vor Augen führen.

          Warum fliegt Erdoğan die Wirtschaft heute um die Ohren?

          Die AKP, Erdoğans Partei, kam 2002 an die Macht. Erdoğan war zunächst Ministerpräsident, später Präsident. Die Regierung übernahm ein politisch instabiles Land, das mehrere Staatsstreiche, Militärdiktaturen und ständig wechselnde Regierungen erlebt hatte. Die Inflation betrug mehr als 40 Prozent, die Arbeitslosigkeit war hoch, das Pro-Kopf-Einkommen niedrig. Das Land war fast pleite, nur Kredite des Internationalen Währungsfonds konnten es retten.

          Die damit verbundenen IWF-Auflagen setzte die neue AKP-Regierung unter Ministerpräsident Erdoğan streng um, er privatisierte viele Staatsunternehmen, senkte die öffentliche Verschuldung, und die Inflation fiel in den einstelligen Bereich. Die türkische Lira hat abgewertet, das half dem Export. Erdoğan schuf Arbeitsplätze auch in unterentwickelten Regionen und für Geringqualifizierte. Auch viele Frauen fingen jetzt zu arbeiten an, die bisher zu Hause blieben. Immer mehr Menschen standen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung, was erklärt, warum die Zahl der Arbeitslosen trotz neuer Stellen weiter hoch blieb. Es entwickelten sich ein erfolgreicher Mittelstand, exportorientierte Branchen, aber auch große Unternehmen wie Turkish Airlines, die zu einer der am schnellsten wachsenden Fluglinien der Welt wurden. Übrig blieb eine rückständige Landwirtschaft, die noch immer 20 Prozent der Menschen beschäftigt.

          So war die Türkei zum Vorzeigeentwicklungsland geworden. Der Wirtschaftsaufschwung seit der Fast-Pleite zur Jahrtausendwende verdreifachte das Pro-Kopf-Einkommen. Es übertrifft bereits einige osteuropäische EU-Länder. Diese Wohlstandsgewinne schufen Loyalität bei den Bürgern: Sie sind ein Hauptgrund, warum Erdoğan trotz seines zunehmend autoritären Regierungsstils so viele Anhänger auf seiner Seite hat und die Wahlen regelmäßig ohne große Manipulationen gewinnt. Mit Erdoğans Wirtschaftsreformen erlebte die Türkei eine bis dahin nie gekannte politische Stabilität. Die Zeit ständig wechselnder Regierungen war vorbei. 2007 und 2011 wurde die AKP mit hohen Mehrheiten wiedergewählt. Zu Beginn der Euro-Krise Anfang dieses Jahrzehnts wurde die Türkei dem maroden Griechenland als Vorbild präsentiert.

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