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Tübingen : So enstand die erste Ökonomen-Fakultät in Deutschland

Seit Monaten gibt es in Tübingen Festvorträge. Bild: ZB

In Tübingen feiert man gerade das 200. Gründungsjubiläum der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Von Weltwirtschaft und Ökonomie war damals allerdings kaum die Rede.

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          Was hat ein Vulkanausbruch auf Indonesien mit der Gründung der ersten wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Deutschland, an der Universität Tübingen, vor zweihundert Jahren zu tun? Die Geschichte geht so: Mit der Eruption des Tambora auf der Insel Java 1815 wurde eine gewaltige Menge Staub in die Atmosphäre geschleudert und dadurch die Sonneneinstrahlung so abgeschirmt, dass sich die Erde abkühlte. 1816 wurde ein „Jahr ohne Sommer“ (mit Schnee im Juni in Deutschland). Es kam zu Missernten und Hungersnöten in ganz Europa, vor allem im Südwesten Deutschlands. Etwa 17.000 Menschen aus dem Königreich Württemberg emigrierten, die meisten nach Amerika. Der erst seit kurzem regierende König Wilhelm I. wollte wissen, ob und wie die Emigrationswelle gestoppt werden könnte. Er beauftragte Friedrich List, Rechnungsrat im Innenministerium, mit einer Untersuchung.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          List, der später als Ökonom, Freihandels- und Eisenbahn-Visionär bekannt wurde, befragte etwa 200 Auswanderer – wohl die erste demoskopische Untersuchung der Welt, wie der List-Forscher Eugen Wendler betont. Wenige Tage später legte List dem König ein Gutachten vor. Und dann nutzte der liberale Reformer die Gelegenheit, um dem Monarchen die Gründung einer neuen „Staatswirtschaftlichen Fakultät“ an der Universität Tübingen schmackhaft zu machen. An dieser sollten künftige Verwaltungsbeamte eine bessere Ausbildung erhalten. List war ein scharfer Kritiker der als inkompetent und teils korrupt geltenden Amts-Schreiber in Altwürttemberg, die kaum eine Ausbildung hatten. Das agrarisch-rückständige Königreich sollte moderner werden. „Für List war bessere Bildung ein Programm zur Armutsbekämpfung“, erklärt der Tübinger Wirtschaftshistoriker Jörg Baten.

          Zuerst Lehrstühle für Kameralistik

          König Wilhelm stimmte einer neuen Fakultät zu; außerdem startete er Initiativen zur Stärkung der Landwirtschaft. Die Fakultät in Tübingen wurde per Dekret am 27. Oktober 1817 gegründet. Sie ist damit die älteste durchgehend bestehende Fakultät für Wirtschaftswissenschaften in Deutschland und feiert nun ihr 200. Gründungsjubiläum. Schon seit Monaten gibt es in Tübingen Festvorträge. Ein Redner war Bundespräsident a. D. Horst Köhler, der bekannteste Absolvent des Tübinger Wirtschaftsfachbereichs und Honorarprofessor dort. Sein Thema: „Braucht die Weltwirtschaft eine neue Vision?“

          Zu Lists Zeit war in Deutschland von Weltwirtschaft und Wirtschaftswissenschaft noch kaum die Rede. Während in Frankreich, in Schottland und England seit Mitte des 18. Jahrhunderts ein ökonomischer Diskurs geführt wurde und Männer wie Adam Smith und Thomas Malthus, später kamen David Ricardo und John S. Mill hinzu, wichtige Theorien zur (politischen) Ökonomie aufstellten, hinkte die deutsche Wissenschaft auf diesem Gebiet weit hinterher. Es gab allenfalls einige Lehrstühle für Kameralistik, die ersten wurden in den 1720er Jahren vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. in Halle und Frankfurt an der Oder eingerichtet. Die ersten Professoren schrieben deskriptive Wälzer über die preußische Verwaltungspraxis. In Tübingen gab es seit 1796 einen Kameralistik-Lehrstuhl an der Philosophischen Fakultät.

          Sehr pluralistisch und eklektisch

          Die Kameralistik, eine Variante des Merkantilismus, befasste sich mit Verwaltungslehre, vor allem mit den öffentlichen Finanzen. „Im Vordergrund stand die Frage, wie man den Staat und die Staatsfinanzen organisieren kann“, erklärt Baten. Der Begriff Kameral-Wissenschaft leitet sich von „Camera“ (lateinisch für Zimmer) im Sinne der fürstlichen Schatzkammer ab; heute noch gibt es in Kommunen einen Kämmerer. Die ersten Vertreter des Fachs, vor allem Juristen und Historiker, arbeiteten deskriptiv oder historisch und steckten das Feld sehr weit ab. Es war eine eher lose Sammlung rund um Staatswissenschaft, Politik, Jura, Geschichte, Demographie, Naturwissenschaften sowie praktischen ökonomischen und landwirtschaftlichen Fragen.

          „Die frühe Wirtschaftswissenschaft war sehr pluralistisch und eklektisch“, betont Baten. In Wien gab es aufgeklärte Reformer wie Joseph von Sonnenfels oder Johann Heinrich Justi, die das Fach moderner interpretierten und sich Gedanken über einen modernen Staat, Wirtschaftspolitik – man sprach von „Policey“-Wissenschaft – und über Wirtschaft allgemein machten. Der Versuch, an der Universität Mainz eine Staatswissenschaftliche Fakultät zu errichten, scheiterte mit der Schließung der Universität.

          Heute 2000 Studenten in Tübingen

          Somit hat Tübingen die älteste durchgehend bestehende Fakultät, andere wichtige Universitäten wie Wien, Berlin oder München zogen erst später nach. Die Tübinger Fakultät startete 1817, von den anderen „klassischen“ Fakultäten misstrauisch beäugt, mit fünf Lehrstühlen: Theorie der Staatswissenschaft (Kameralistik), Staatsverwaltungspraxis (Wirtschaftspolitik), Technik, Landwirtschaft und Forstwirtschaft. Wichtig war den Gründern – neben List der bedeutende Staatsrechtler Robert von Mohl –, dass die künftige höhere Beamtenschaft eben nicht von Juristen dominiert würde.

          Das bisherige Juristenmonopol sollte aufgebrochen werden. Es müsse „bei den wichtigsten Bedürfnissen der Gesellschaft Noth und Verlegenheit eintreten, wenn bloß Juristen statt staatswirthschaftlich und staatswissenschaftlich gebildete Männer an der Spitze der Geschäfte stehen“, schrieb Mohl. In der von ihm gegründeten „Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft“ veröffentlichte 1960 der Spieltheoretiker und spätere Nobelpreisträger Reinhard Selten einen bahnbrechenden Aufsatz; heute heißt die Zeitschrift „Journal of Institutional and Theoretical Economics“.

          Friedrich List lehrte nur kurz in Tübingen. Er wurde schon 1819 Opfer einer Intrige. Anschließend wurde er Landtagsabgeordneter, fiel aber wegen einer Denkschrift über die Bürokratie und Wirtschaftspolitik beim König in Ungnade und wurde zu Festungshaft verurteilt. 1825 emigrierte er nach Amerika, wo er die Idee einer Industrialisierung durch „Erziehungszölle“ entwickelte. Am Tübinger Fachbereich lehren heute 19 Wirtschaftsprofessoren, und es gibt 2.000 Studenten.

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