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WTO-Chef Azevêdo : Der Protektionismus pirscht sich an

Sieht immer noch das Gute am Welthandel: Roberto Azevêdo Bild: Bloomberg

Der Freihandel hat es schwer in diesen Tagen. Ceta, TTIP, Brexit - alles Grund genug, um Roberto Azevêdo einen Besuch abzustatten. Als Generaldirektor der WTO ist er von Amts wegen Freihandels-Fan. Und sieht ihn als Sündenbock missbraucht.

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          Der Freihandel hat in der Politik derzeit keinen leichten Stand. Ceta? Dieses Abkommen zwischen Kanada und der EU ist gerade nach unsäglichem Geschacher nur mit Ach und Krach unterzeichnet worden. In trockenen Tüchern ist das Ganze freilich immer noch nicht: Die nationalen und die regionalen Parlamente in der EU müssen noch zustimmen; in Deutschland könnte der Bundesrat das Vorhaben blockieren. TTIP? Das geplante Transatlantische Freihandelsabkommen steht nach Lesart des deutschen Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel vor dem Aus. Oder TTP? Die mühsam ausgehandelte Transpazifische Partnerschaft zwischen Amerika und einer ganzen Reihe von Pazifikanrainern lehnen beide Präsidentschaftskandidaten der Vereinigten Staaten ab.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Ursprünglich befürwortete Hillary Clinton TTIP. Doch im Buhlen um die Wähler am linken Spektrum ihrer Partei drehte sie bei. Bei ihrem rechten Kontrahenten Donald Trump kommt dasselbe Ergebnis heraus, nur geht er noch einen Schritt weiter: Er plädiert offen für die Einführung von Zöllen, um beispielsweise den heimischem Stahlmarkt vor Importen aus China zu schützen. Derzeit ist Freihandel politisch offenbar kein Gewinnerthema; Protektionismus umso mehr.

          Das ist Grund genug, um Roberto Azevêdo einen Besuch abzustatten. Als Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO) in Genf ist der Brasilianer gleichsam von Amts wegen der höchste Fürsprecher und Kämpfer für Freihandel auf diesem Planeten. Er sitzt mit 650 Mitarbeitern aus aller Herren Ländern in einem imposanten Gebäudekomplex direkt am Ufer des Genfer Sees. „Es war nie leicht, Handelsabkommen durchzusetzen, gleichgültig, ob es sich um bilaterale oder multilaterale Abkommen handelt“, sagt Azevêdo, der aus eigener, zum Teil bitterer Erfahrung weiß, wie mühsam es ist, die auseinanderlaufenden Handels- und Marktinteressen verschiedener Länder unter einen Hut zu bringen. Das Gerangel um Ceta illustriere diese Schwierigkeiten. Die Stimmung in der Öffentlichkeit gegenüber derlei Abkommen habe sich aber inzwischen weiter verschlechtert. Das mache es heute noch schwerer, im Bemühen um den Abbau von Handelsbarrieren erfolgreich zu sein.

          „Der Protektionismus pirscht sich an“, sagt Azevêdo, ohne die Namen der beiden amerikanischen Präsidentschaftskandidaten auch nur in den Mund nehmen zu wollen. Der WTO-Chef sieht den Freihandel als eine Art Sündenbock für Entwicklungen, die auf diesen freilich nicht oder zumindest nicht hauptsächlich zurückgehen. Dabei hat er durchaus Verständnis für die Ängste der Leute: „Mehr Menschen als früher verlieren ihre Arbeit. Wer keine Ausbildung hat, der findet schwerer einen Job, weil er sich gegen die Automatisierung und gegen Leute aus anderen Ländern behaupten muss. Auf dieser Ebene ist die Verunsicherung groß. Und diese Verunsicherung wird von den Regierungen nicht richtig angegangen. Das schafft einen fruchtbaren Boden für Stimmungsmache gegen Handel oder gegen alles, was fremd ist.“ Der Handel, insbesondere die Einfuhr, sei aber nur in kleinerem Umfang die Ursache von Arbeitsplatzverlusten in den Industrieländern. Mehr als 80 Prozent der Stellenstreichungen gingen vielmehr auf das Konto von produktivitätssteigernder Innovation und technologischem Fortschritt. Natürlich sorge auch der Handel für eine gewisse Verdrängung. Diese bewege sich aber in einer gut handhabbaren Größenordnung. „Handel ist nur eine relativ kleine Kraft im wirtschaftlichen Strukturwandel.“ Mit Protektionismus zu reagieren sei die falsche Medizin. Importe zu verhindern bedeute ohnehin nicht, dass dann auch die arbeitssparenden Innovationen ausblieben.

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