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Kommentar : Verteidigt den Handel!

  • -Aktualisiert am

Befürworter des Handelsabkommen der EU mit Amerika (TTIP) bekennen sich selten dazu in der Öffentlichkeit. Bild: dpa

Die Globalisierung hat viele Menschen aus der Armut befreit. Dass es dabei auch Verlierer gibt, hat die Politik viel zu lange nicht beachtet. Das muss sich ändern.

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          Wenn man nach der reinen Zahl der Handelsabkommen gehen würde, müsste man den Zustand des Freihandels in der Welt als prosperierend beschreiben. Dutzende Verträge wurden in den vergangenen Jahren unterzeichnet. Meist allerdings lediglich zwischen zwei Staaten oder Wirtschaftsräumen. Der Grund: Die Verhandlungen innerhalb der Welthandelsorganisation (WTO) stockten lange Zeit. Vor kurzem unterzeichneten jedoch die 160 Mitgliedstaaten eine globale Vereinbarung zur Vereinfachung des Handels.

          Doch der Freihandel hat weiter einen schweren Stand. Zwar hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in Sachen Liberalisierung einiges getan, der Wohlstand vieler wurde vermehrt und die Armut stark verringert. Zum Jubeln gibt es in diesen Tagen kaum einen Grund. Der Welthandel wächst, aber in relativ geringem Maße. Die WTO kommt nicht richtig voran, gleichzeitig nimmt der Protektionismus der einzelnen Staaten und Staatenverbünde zu.

          So simpel es ist: Alle Regierungen möchten wiedergewählt werden. Weil die Globalisierung die Industrieländer zunehmend unter Druck setzt, wächst deren Neigung, sich durch Zölle, Kontingente und Subventionen gegen unerwünschte Konkurrenz von außen abzuschotten. Auch Entwicklungs- und Schwellenländer versuchen, ihr Land vor allzu starkem Wettbewerb zu schützen. Seit Jahren nimmt der offene und versteckte Protektionismus zu, belegen Zahlen. Und die Bürger sind diesem leider nicht abgeneigt, wie die anschwellenden Proteste gegen das Freihandelsabkommen der EU mit Amerika und die jüngsten gegen den Handel mit Kanada zeigen.

          Mehr Handel - weniger Arbeitslosigkeit

          Um es ganz klar zu sagen: Der Protektionismus ist schädlich und die Proteste gegen Freihandel weitestgehend unbegründet. Ifo-Ökonom Gabriel Felbermayr und seine Kollegen lieferten schon im Jahr 2011 empirische Belege dafür, dass David Ricardos Thesen stimmen. Steigender Außenhandel, so der Befund der Studie, die im „European Economic Review“ erschienen ist, senkt die Arbeitslosigkeit, statt sie zu steigern. Die Wissenschaftler haben detaillierte Daten aus 20 Jahren und rund 100 Industrie-, Schwellen und Entwicklungsländern analysiert und festgestellt:

          Die Arbeitslosenquote geht im Durchschnitt um einen Dreiviertelprozentpunkt zurück, wenn der Anteil der Im- und Exporte an der Wirtschaftsleistung um zehn Prozentpunkte wächst. Unter dem Strich entstehen durch die Globalisierung also offenbar mehr neue Stellen, als dass alte verschwinden. Das verbessert auch die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer, sich gute Löhne zu erhandeln.

          Ein weiteres Beispiel: In einer Studie der Deutschen Bank wird das Freihandelsabkommen der EU mit Südkorea unter die Lupe genommen. Dieses trat im Juli 2011 in Kraft und umfasst einen weitgehenden Abbau von Zöllen sowie von nichttarifären Handelshemmnissen. Im ersten Halbjahr 2015 lagen die gesamten deutschen Warenausfuhren nach Südkorea  nominal um etwa 51 Prozent über dem Niveau des ersten Halbjahres 2011. Nach der Analyse konnten fast alle großen deutschen Industriebranchen ihre Ausfuhren nach Südkorea seit Abschluss des Freihandelsabkommens steigern.

          Es gibt nicht nur Gewinner

          Dass es bei Freihandel nicht nur Gewinner gibt, haben zwar schon Ökonomen vor langer Zeit gesagt. Aber erst mit den Protesten gegen TTIP und Ceta sind die Argumente einer breiten Masse von Bürger und Entscheidungsträgern zugänglich geworden. Und das ist einer der wenigen guten Aspekte des größtenteils hysterischen Protestes.

          So forderte der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson, bereits vor mehr als zehn Jahren, „das Tempo der Globalisierung zu drosseln“ und ihre Belastungen  besser zu verteilen. „Die Befürworter des Freihandels behaupten, dass die Gewinne gewissermaßen axiomatisch auch den Verlierern zugänglich gemacht werden. Unterm Strich profitiert langfristig also jeder. Das ist jedoch einfach falsch“. Sein Schüler Paul Krugman kommt zu einem ganz ähnlichen Ergebnis: „Freihandel war in den vergangenen Jahrzehnten unter dem Strich für viele Arbeiter in Amerika eine deprimierende Erfahrung“, sagt der Wirtschaftsprofessor der Universität Princeton, der ebenfalls den Wirtschaftsnobelpreis erhielt.

          Sowohl Samuelson als auch Krugman warnen jedoch davor, die Zugbrücken hochzuziehen und den Freihandel mit neuen protektionistischen Handelsbarrieren abzuwürgen. „Durch Protektionismus versiegt die Lebensader der Wirtschaft“, betonte Samuelson.

          Verlierer mit Protektionismus zu schützen macht keinen Sinn

          Freihandel zu drosseln, würde nur bedeuten, viele Menschen von den Vorteilen auszuschließen. Aber Verlierer auch klar zu benennen und sie zu unterstützen, finanziell und mit Qualifizierung, könnte helfen, eine neue Akzeptanz zu schaffen. Das wird allerdings schwierig. Denn die Vorteile der Globalisierung sind für den einzelnen Menschen schwieriger wahrnehmbar als die Nachteile. Wer seinen Job verliert, weil sein Arbeitgeber ins Ausland abwandert, steckt oft in einer existenzbedrohenden Situation - und hat einen starken Anreiz, Proteste zu organisieren oder sie gutzuheißen.

          Die Vorteile dagegen sind nur sehr diffus wahrzunehmen. Wer macht sich schon groß Gedanken darüber, dass Kleidung oder Elektrogeräte heute viel billiger zu haben sind als früher? Wem ist das wichtig? Wer sieht, welche neuen Ideen und Produkte noch entstehen könnten, wenn ein großer Weltmarkt nur genügend Kunden dafür bringt?

          Doch die Verlierer-Branchen mit Protektionismus zu schützen verzögert nur den Schmerz, der mit einer Insolvenz oder Entlassungen sowieso irgendwann kommen wird. Begründete Ängste muss man ernst nehmen, aber die komplette Abneigung von Freihandel ist durch die Fakten nicht gerechtfertigt. Dies klarzustellen ist Aufgabe der politischen Entscheidungsträger und der Eliten aus der Wirtschaft. Sie haben lange geschlafen und dann von oben herab reagiert und teilweise auch Foul gespielt, indem sie beispielsweise Wachstumseffekte schöngerechnet haben. Das wäre gar nicht notwendig, denn die Globalisierung ist im Großen und Ganzen eine Erfolgsgeschichte.

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