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TTIP : Sorge um den Schwarzwälder Schinken

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Schwarzwälder Schinken auf einem Holzbrett Bild: dpa

Der Schwarzwälder Schinken gilt als Delikatesse und als Markenzeichen einer Region. Doch TTIP und weitere Debatten ums Fleisch beunruhigen die Hersteller. Bedroht fühlen sie sich von mehreren Seiten.

          Wer Schwarzwälder Schinken produziert, muss Schwein haben. Und Geduld: Die Herstellung dauert mindestens drei Monate. Sie folgt Rezepten, die seit mehr als drei Jahrhunderten überliefert sind. Produziert und verpackt werden darf bisher nur im Schwarzwald. „Es ist traditionsreiches Handwerk“, sagt Metzgermeister Hans Schnekenburger. „Und es ist ein naturgereiftes Produkt.“ Doch die Schinkenproduzenten spüren Gegenwind, die Branche steht unter Druck.

          „Wir sind in einer turbulenten Zeit. Die Rahmenbedingungen verschlechtern sich“, sagt Schnekenburger. Gefahr droht dem regionalen Lebensmittel vom geplanten Freihandelsabkommen TTIP sowie von juristischen Auseinandersetzungen über das Urheberrecht.

          Beides könnte dazu führen, dass die Schwarzwälder Spezialität künftig überall in der Welt hergestellt werden könnte. Hinzu kommen kritischer gewordene Konsumenten, die beim Fleisch genauer hinschauen sowie Verbraucherschützer, die von mangelnder Transparenz sprechen.

          Der meistverkaufte geräucherte Rohschinken Europas

          Wirtschaftlich steht die von Mittelständlern geprägte Branche gut da, sagt Schnekenburger, der Chef des Schutzverbandes Schwarzwälder Schinkenhersteller ist. Seit 25 Jahren gehen die Verkäufe nach oben.

          Im vergangenen Jahr, dessen Bilanz sie am Freitag in Freiburg vorstellten, setzten die Hersteller nach eigenen Angaben insgesamt 8,94 Millionen Stück oder knapp 45 Millionen Kilogramm ab. Etwa 4,5 Millionen Schweine mussten dafür ihr Leben lassen. Schwarzwälder Schinken ist damit laut dem Verband der meistverkaufte geräucherte Rohschinken Europas und der absatzstärkste Rohschinken Deutschlands.

          Doch das geplante transatlantische Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Vereinigten Staaten ist ein Risiko. Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) hatte gesagt, durch TTIP könnten nicht mehr alle regionalen Wurst- und Käsesorten geschützt werden. Schwarzwälder Schinken dürfte dann beispielsweise auch in Amerika produziert werden.

          Die Schweine kommen schon heute zu 90 Prozent nicht aus dem Schwarzwald

          „Wir setzen auf die Politik, dass regionale Produkte auch weiterhin geschützt werden. Es dient dem Verbraucher als verlässlicher Herkunftsnachweis“, argumentiert Schnekenburger. Würden sich die Vereinigten Staaten durchsetzen, sei die Existenz der Branche hierzulande bedroht.

          Kämpfen müssen die Schinkenhersteller auch an anderer Front: Der Begriff Schwarzwälder Schinken ist seit 1997 urheberrechtlich geschützt. Er darf nur verwendet werden, wenn im Schwarzwald hergestellt, geschnitten und verpackt wird.

          Ein Konkurrent aus Norddeutschland geht juristisch dagegen vor. Das Bundespatentamt in München prüft derzeit, ob die Regelung rechtmäßig ist. Es folgt damit einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs vom September 2014. Die Karlsruher Richter hatten Zweifel an der jetzigen Praxis erkennen lassen. Eine Entscheidung in München steht noch aus.

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          „Wir lernen, dass wir für uns werben müssen. Wir wollen weg von der Masse, hin zum Image“, sagt Schnekenburgers Vorstandskollegin Elisabeth Adler-Gößmann. Spuren hinterlassen hat auch ein Streit mit der Verbraucherorganisation Foodwatch. Hintergrund: Die Schweine, die zur Schinkenproduktion verwendet werden, kommen zu 90 Prozent nicht aus dem Schwarzwald, sondern aus ganz Europa.

          Foodwatch-Sprecher Andreas Winkler kritisiert daher: „Wir sehen eine irreführende Regionalitätswerbung.“ Nötig sei eine verpflichtende Kennzeichnung der Hauptzutaten. Die Schinkenhersteller könnten schon jetzt freiwillig diese Anhaben auf die Verpackung schreiben. „Das brächte jene Klarheit, die viele Verbraucher vermissen.“ Die Debatte um TTIP bezeichnete der Sprecher dagegen als eher „scheinheilig“.

          Die Schinkenhersteller halten dagegen: „Nicht die Geburtsurkunde des Schweines ist entscheidend, sondern die Qualität des Fleisches“, sagt Schnekenburger. Doch einen Nachweis, woher das Fleisch kommt und unter welchen Bedingungen die Tiere gehalten wurden, bekommt der Verbraucher nicht. Daran soll sich auch nichts ändern.

          Unverändert bleibe auch die Herstellung, sagt Adler-Gößmann. Ihr Betrieb in Bonndorf im Schwarzwald, der in diesem Jahr 95 Jahre alt wird, ist mit 270 Mitarbeitern und mehr als 100 Millionen Euro Jahresumsatz nach eigenen Angaben der größte Schinkenproduzent. „In industrieller Massenfertigung ohne Bezug zum Produkt oder der Region ist das nicht zu machen.“ Auch das Produkt werde nicht geändert, sagt Metzgermeister Dietmar Kalbacher: „Einen veganen oder vegetarischen Schinken kann es naturgemäß nicht geben. Eine generelle Entwicklung weg vom Fleisch können wir im Markt nicht erkennen.“

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