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Freihandelsabkommen TTIP : Ist der Schwarzwälder Schinken in Gefahr?

  • -Aktualisiert am

Schwarzwälder Schinken ist laut EU eine „geschützte geographische Angabe“, dabei haben 90 Prozent der verarbeiteten Schweine den Schwarzwald noch nie gesehen. Bild: dapd

Die Hersteller des Schwarzwälder Schinkens fürchten um ihr Produkt. Doch die Qualität des „Black Forest Ham“ wird unter TTIP nicht leiden, denn auf den Geburtsort der Schweine kommt es ohnehin nicht an.

          Noch eine Katastrophe: Der Schwarzwälder Schinken ist in Gefahr. Zum Wochenende haben die Hersteller uns aufgerüttelt: Kommt TTIP, das transatlantische Freihandelsabkommen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten, könnten nicht mehr alle regionalen Wurst- und Käsesorten geschützt werden. Nein, so schlimm werde es schon nicht kommen, beschwichtigen dagegen alsbald die Freunde von TTIP. Die EU werde schon dafür sorgen, dass es hinreichend Ausnahmen gebe, damit wir Nürnberger Würstchen aus Nürnberg und schwäbische Maultaschen aus Maulbronn essen können.

          Das Muster ist mittlerweile bekannt. Auf das Katastrophenszenario einer verängstigen Branche folgen beruhigende Worte der TTIP-Freunde. Auf diese Weise meinen sie, dem TTIP-Widerstand die Spitze nehmen zu können, um das Abkommen doch noch zu retten. In Wirklichkeit wird genau diese Strategie dem Freihandel schaden und den Sieg der TTIP-Gegner nicht aufhalten können, womöglich sogar noch befördern. Das muss schon aus logischen Gründen so sein.

          Je mehr Bereiche von TTIP ausgenommen werden, um so weniger Bereiche gibt es, in denen Handelshemmnisse abgebaut werden. Dabei besteht kein Zweifel daran, dass Markenzeichen wie die des Schwarzwälder Schinkens protektionistische Wirkung haben – noch dazu auf besonders scheinheiliger Grundlage: Denn 90 Prozent der Schweine, aus denen der Schwarzwälder Schinken besteht, haben den Schwarzwald nie zu Gesicht bekommen. Nicht der Geburtsort des Schweines sei entscheidend, sondern die Qualität des Fleisches, sagen die Schwarzwälder Produzenten und nennen damit ungewollt das beste Argument gegen ihren Schutzzaun: Zu behaupten, dass die Qualität von „Black Forest Ham“ leide, wenn dieser in Alabama und nicht im badischen Freiburg hergestellt wurde, ist Quatsch.

          Das Urteil darüber sprechen die Verbraucher. Produzentenschutz („Protektionismus“) ist dafür nicht erforderlich, erst recht nicht, wenn die Verbraucher auf ihrem Schinken nachlesen können, wo er gebeizt und geräuchert wurde. Der phänomenale Aufstieg des „griechischen Joghurts“ in Amerika und Europa in den vergangenen Jahren verdankt sich einem nach Amerika ausgewanderten Türken namens Hamdi Ulukaya. Mit Griechenland hat das alles nichts zu tun. Wo soll das Problem sein? Den Leuten schmeckt’s, und Griechenland stünde heute auch nicht besser da, hätte es den Begriff „griechischer Joghurt“ schützen lassen. Profitiert hätten die Griechen, gäbe es in Griechenland selbst einen Unternehmer vom Schlage Ulukayas.

          Der TTIP-Widerstand hat sich nicht für den Verbraucher formiert

          Daraus folgt: Die Freunde des Freihandels müssen offensiv vorgehen. Es reicht nicht, abstrakt zu beteuern, Freihandel sei gut, führe zu mehr Wettbewerb und Druck auf die Produzenten, was die Produktivität verbessere, Verbraucherpreise senke und den Wohlstand der Nationen hebe. Es ist zudem kontraproduktiv, so zu tun, als ob sich die Erfolge von TTIP in eine exakt bezifferbare Anzahl neuer Arbeitsplätze oder BIP-Prozentpunkte umrechnen ließen. Die TTIP-Gegner (Beatrix von Storch von der AfD und Thilo Bode von Foodwatch sind hier traut vereint) kontern das stets mit der Formel: „Wir sind ja auch für Freihandel, aber TTIP hat in Wirklichkeit mit Freihandel gar nichts zu tun, sondern mit dem Imperialismus und der Kulturbarbarei des amerikanischen Kapitalismus.“

          Das sollte man den TTIP-Gegnern, von Foodwatch über die Gewerkschaften bis zur AfD, nicht durchgehen lassen: Natürlich sind sie gegen den Freihandel. Ihr Widerstand ist nicht, oder allenfalls am Rande, von der Sorge um den Verbraucher getrieben. Die Gewerkschaften kämpfen für die Arbeitsplatzbesitzer, die sie finanzieren, und kümmern sich aus verständlichen Gründen nicht um jene Leute, denen der Freihandel zusätzlich Arbeit gibt. Die AfD vermutet zu Recht – leider –, dass sich mehr Leute mit TTIP-Ängsten mobilisieren lassen als mit einem Bekenntnis zum Liberalismus. Und Thilo Bode, der alte Profi, dem TTIP lange wurscht war, hatte später, aber immerhin noch nicht zu spät, den richtigen Riecher dafür, dass ihn das heiße Thema zurückbringen werde in die Charts und die Talkshows. Wie gesagt, das sind alles legitime Anliegen. Bloß sollten sich die Verbraucher nicht einreden lassen, der TTIP-Widerstand habe sich ihrethalben formiert.

          Jetzt schon ist absehbar, dass die anhaltenden Anti-TTIP-Kampagnen dem Freihandel dauerhaft schaden werden: Das kostet Wohlstand und Gerechtigkeit – denn Protektionismus ist immer ungerecht. Es ist umso trauriger, dass der Eindruck nicht von der Hand zu weisen ist, dass dafür nicht nur die Kampagnenprofis der Gegner verantwortlich sind. Sondern zu einem Gutteil auch die Anhänger des Liberalismus, die die Welle erst verschlafen und dann falsch reagiert haben.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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