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Protest gegen Ceta : Es ist nicht nur Wallonien

Gegner der Freihandelsabkommen auf einer Demonstration in Brüssel. Bild: Reuters

Wallonien hält das Freihandelsabkommen mit Kanada auf. Doch die Südbelgier sind nicht allein. Die Kritik hat tiefere Gründe. Und hat auch mit Donald Trump zu tun.

          2 Min.

          Es ist ja nicht nur Wallonien. Wären nur die Wallonen gegen das Freihandelsabkommen Ceta, dann würden sie ihren Widerstand vielleicht nicht so lange durchhalten. Vielleicht würden sie dann eher nachgeben, als die komplette Europäische Union aufzuhalten. Aber es sind nicht nur die Wallonen. Mag auch die Mehrheit der EU-Bürger die Freihandelsabkommen mit Kanada und Amerika befürworten – es gibt eine nennenswerte Zahl von Leuten, die die Verträge ablehnt. Der wallonische Regierungschef Paul Magnette kann sich fühlen wie der Anführer einer Widerstandsgruppe, die durch halb Europa reicht.

          In Wallonien hatten die Gegner zufällig die Mehrheit. Doch hinter dem Widerstand steht ein Gefühl des Unbehagens, das die Europäische Union nur zu gut kennen müsste. EU-Bürger, die sich von der Globalisierung abgehängt und von der Migration überrannt fühlen, haben schon ganz anderes erreicht.

          In Großbritannien waren es Regionen wie Wallonien, geplagt von Strukturwandel und niedrigen Einkommen, fernab der Weltstadt London, die für den Austritt aus der EU gestimmt haben. In Deutschland sind dies die Regionen, aus denen sich die Pegida-Bewegung speist. Auch die Vereinigten Staaten kennen diese Regionen: Es sind die, in denen Donald Trump seine Wähler findet.

          Gefühl der Ohnmacht

          In diesen Regionen breitet sich ein Gefühl der Ohnmacht aus, ein Gefühl des Abgehängtseins und ein Gefühl, dass die Welt in die falsche Richtung läuft. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Globalisierung stärkt die gut ausgebildeten Städter. Konzerne schließen ihre Industriestandorte auf dem Land, in den Städten entstehen die neuen, hippen Startups – und manches davon bringt seinen Gründern richtig viel Geld. Junge Leute, die ihre Zukunft ergreifen wollen, ziehen in die Stadt. Dort unterscheidet sich der Lebensstil enorm vom Leben auf dem Land.

          Nicht nur der Lebensstil unterscheidet sich, auch der Werte, der Blick auf die Welt – und, ganz wichtig, die Interessen. Doch es gibt kein gemeinsames Verständnis mehr für diese Unterschiede. Denn man redet nicht mehr miteinander. Die Diskussionen teilen sich auf, sowohl in traditionellen als auch in sozialen Medien. Und das Unverständnis wächst. In vielen Ländern klagen die Kinder jedes Jahr lauter über die Diskussionen, die am weihnachtlichen Familientisch entstehen.

          Meist bestimmen die Städter die politische Agenda. So entsteht das Gefühl von Ohnmacht. Auf dem Land ergibt sich Misstrauen gegen Ausländer, gerade in den Regionen, in denen es wenig Zuwanderung gibt. Es entsteht ein Misstrauen gegenüber großen Konzernen, gerade wenn dort kaum noch jemand bei einem arbeitet. Es entsteht ein Misstrauen gegenüber der städtischen Elite. Im Fall von Wallonien aber schlägt die Provinz zurück: Sie ist stärker geworden.

          Zumal sie sich für Ceta mit Städtern verbünden konnte, die ganz anders ticken: viele städtische oder linke Ceta-Gegner halten die Welt sowieso für reich genug und lehnen weiteres Wachstum eher ab.

          Geld hilft nicht

          Die Politik sieht die Spaltung der Gesellschaften in den Statistiken. In Deutschland schießen die Immobilienpreise in den Städten durch die Decke, während man auf dem Land gelegentlich ein vollständiges Haus zum Preis eines Kleinwagens bekommt, und zwar nicht nur im Osten. In anderen Ländern sehen die Statistiken eine steigende Ungleichheit der Einkommen. Doch wer dann die Sozialhilfe und die Rente erhöht, der doktort nur an den Symptomen herum. Niemanden bringen 50 Euro mehr dazu, den Protest aufzugeben. Der Protest speist sich aus anderen Quellen.

          Wer die gespaltenen Gesellschaften wieder zusammenführen will, muss erst mal alle Seiten ernst nehmen. Es hilft nichts, Ceta-Gegner, Pegida-Marschierer und Trump-Wähler als Idioten zu verlachen. Die Probleme, auf die sie hinweisen, sind real. Natürlich gibt es immer wieder Integrationsprobleme, und es ist nur eine Frage der Mathematik, dass mit mehr Zuwanderung auch mehr Integrationsprobleme entstehen. Und natürlich sind internationale Konzerne nicht immer die größten Altruisten, manchmal müssen sie zum Beispiel dazu gezwungen werden, ihre Steuern zu zahlen.

          Wer die gegenseitigen unterschiedlichen Perspektiven anerkennt, der kann auch mal wieder miteinander reden. Dann nützt das Gespräch nämlich. Und dann wächst auch das Verständnis.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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