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Protektionismus : Fünf Gründe fürs Abschotten

2. Alte Industrien und Strukturwandel

Handel erschließt vielen Unternehmen und Branchen neue Absatzmärkte, steigert deren Profitabilität und schafft Arbeitsplätze. Andere hingegen schrumpfen, weil sie vergleichsweise weniger mithalten können mit Anbietern aus dem Ausland. Wieder je nachdem, um wie viele Menschen es geht, kann eine Regierung entscheiden, sie schützen zu wollen oder den Strukturwandel zumindest zu bremsen. Die Stahlbranche ist ein aktuelles Beispiel: Regelmäßig beschweren sich Entscheider in Brüssel, Berlin und Washington in Peking über die hohe Produktion und niedrigen Preise chinesischer Hersteller. Der (berechtigte) Vorwurf lautet auf Dumping. Sie haben dabei die durch die günstige Konkurrenz aus Fernost bedrohten Arbeitsplätze im Blick und gewichten dies offenkundig höher als die Vorteile der Verbraucher durch die niedrigeren Preise.

Politisch kann sich das auszahlen unter der Annahme, dass die potentiellen „Handelsverlierer“ eben stark in einer Branche oder sogar regional (Stichwort „Rust Belt“) konzentriert sind und sich politisch eher engagieren als eine breit gestreute und kunterbunte Koalition der Handelsgewinner. Dafür, dass Stahl ein brisantes Thema werden dürfte, spricht etwa das Personal, dass Trump für die Handelspolitik vorgesehen hat: Sein designierter Handelsbeauftragter Robert Lighthizer setzte sich sowohl in der Regierung des früheren Präsidenten Ronald Reagan als auch als Anwalt dafür ein, gerade die Stahlbranche für ausländischer Konkurrenz zu schützen. Eine andere, am Freihandel orientierte Perspektive, könnte in Bezug auf Dumping freilich auch sein: Wenn jemand mit eigenen Mitteln dafür sorgt, dass wir Waren günstiger kriegen, ist das womöglich auch akzeptabel.

3. Aufstrebende Firmen schützen

Eine neue Zukunftsbranche entsteht nicht von jetzt auf gleich. Häufig fangen einige (kleine) Firmen an, probieren aus, müssen über Versuch und Irrtum erst lernen, wie ihre Produkte am besten ankommen und wie sie diese so günstig wie möglich herstellen. Das braucht Zeit und in der Wirtschaftslehre gibt es darum das Argument, sie währenddessen vor vielleicht längst etablierten großen ausländischen Konzernen und möglichen Wettbewerbern zu schützen (“Infant Industry Protection“). Die Empfehlung richtet sich immer wieder zumal an aufstrebende Volkswirtschaften und Entwicklungsländer. Ist die heimische neue Branche dann einmal gewachsen, hat sie vielleicht nicht nur „gelernt“, wie sie am besten produziert, sondern realisiert auch noch Skalenerträge und wird hierdurch umso wettbewerbsfähiger auf dem Weltmarkt.

4. Sicherheitsinteressen

Neben wirtschaftlichen Erwägungen spielen natürlich auch geostrategische politische Überlegungen in die Handelspolitik. Es gibt Branchen, die nur mit Erlaubnis und streng kontrolliert ihre Erzeugnisse ins Ausland liefern dürfen, zum Beispiel Rüstungskonzerne. Gleiches gilt für manche Schlüsseltechnik, die auch militärisch genutzt werden kann. Hinzu kommen Güter, bei denen viele Länder schlicht nicht vom Ausland abhängig und damit theoretisch erpressbar sein wollen – Nahrungsmittel sind ein prominentes Beispiel, die Hilfen für Bauern sind allzu bekannt.

5. Große wirtschaftsstarke Länder sind anders

Die Argumente für Freihandel sind gerade für kleine Länder gewichtig, deren Wirtschaftskraft und Produktion faktisch keinen Einfluss auf die Preise auf den Weltmärkten haben. Für große, wirtschaftsstarke Länder - wie die Vereinigten Staaten - ergibt sich aufgrund ihrer Größe zumindest ein Anreiz zu versuchen, durch Protektionismus den eigenen Wohlstand zu vergrößern –  auf Kosten des Auslands. Die Idee verbirgt sich in der Wirtschaftslehre unter dem sperrigen Begriff „Optimalzoll“ und meint folgenden Gedanken: Ein großes Land hat womöglich so großen Einfluss, dass es etwa durch einen Einfuhrzoll das Preisverhältnis auf den Weltmärkten zu seinen Gunsten verbessern könnte, seine Wohlfahrt also mehrt während dies des Auslands sinkt.

Nicht klar ist, ob Trump und seine Berater das im Hinterkopf haben. Einigermaßen dazu passt hingegen dieser Satz aus seinem Interview mit der „Bild“-Zeitung: „Zum Teil wurde die EU gegründet, um die Vereinigten Staaten im Handel zu schlagen, nicht wahr?“ Und auch seine Rhetorik, bessere „Deals“ anzustreben in vielen einzelnen Handelsabkommen. Denn dieser Idee liegt eine Annahme zugrunde, die in der Gegenwart nicht gegeben ist: Dass das Ausland darauf nicht reagiert. Gerade wenn es sich ebenfalls um ein großes Land handelt, würde eine entsprechende Reaktion jedoch jeden Vorteil wieder neutralisieren. „Bei diesem nicht-kooperativen Verhalten beider Länder schrumpft der Handel, und beide Länder verlieren“, bringt Ökonom Lorz das auf den Punkt.

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