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Freihandesabkommen TTIP : Da läuft etwas aus dem Ruder

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Die Bild-Zeitung unter den Nichtregierungsorganisationen

Das wurde Maritta Strasser von Campact. Im Herbst 2013 formierte sich das deutsche Bündnis gegen TTIP. Dann startete Strasser ihre Kampagne. Journalisten und Politiker hatten sich damals erst einmal scheinbar spannenderen Dingen zugewandt. Im Bundestagswahlkampf 2013 war TTIP kein großes Thema. Noch im Koalitionsvertrag vom Dezember 2013 war das Ja zum geplanten Vertrag den Parteien gerade einen Halbsatz wert. Auch in den Redaktionen dachte kaum einer, das spröde Kürzel TTIP könnte die Leute interessieren. Während des Ringens um ähnliche Verträge hatten Wirtschaftsredakteure jahrelang vergeblich versucht, die Leute für solche Themen zu begeistern.

Ausgerechnet eine Satiresendung entdeckte Ende 2013 als eine der Ersten das Thema für sich: „Pelzig hält sich“ im ZDF. Doch dort musste man noch im Januar 2014 damit leben, dass der geladene Experte - der Wirtschaftsweise Peter Bofinger - zum Handelsabkommen weniger wusste als der Moderator. Als der anbot, mal eine Vorlesung bei ihm zu halten, sagte Bofinger: „Ich weiß nicht, ob meine Studenten das so interessiert.“

Anderswo stieg die Aufregung. Campact war früher denn je mit der Kampagne gestartet. Eigentlich ist die Organisation so etwas wie die Kavallerie. Sie mobilisiert, wenn eine Sache kurz vor der endgültigen Entscheidung steht - um sie noch zu verhindern. Dieses Mal beschloss Campact, dass man früher beginnen solle. Weil TTIP so viele Themen betrifft, bei denen Campact sowieso schon aktiv war. Und weil ein Test Ende 2013 phänomenal ausging. Strasser schickte an 5000 Personen eine E-Mail. Gewohnt reißerisch, denn Campact ist so etwas wie die Bild-Zeitung unter den Nichtregierungsorganisationen, informierte sie über Gefahren von TTIP: Würden Sie gegen dieses Abkommen unterschreiben? „Der Rücklauf war gigantisch“, sagt Strasser.

TTIP wird zum Thema im Europawahlkampf

Also legte Campact schon 2013 los, mit all ihren Mitteln, die zunächst einmal über E-Mail und soziale Netzwerke funktionieren. Ende Dezember 2013 hat die Organisation schon 250.000 Unterschriften gegen TTIP gesammelt. „Als ich gesehen habe, wie das abgeht, habe ich gedacht: Wow!“, erzählt Maritta Strasser. Heute ist TTIP mit beinahe 1,5 Millionen Unterschriften die mit Abstand größte Kampagne, die Campact je hatte. Mit ihr wuchs die Organisation. Hatte sie Ende 2013 noch einen Verteiler mit 800 000 Mailadressen, so sind es nun 1,6 Millionen. Das heißt: Fast jeder, der bei Campact im Verteiler steht, hat gegen TTIP unterschrieben.

Als die ersten 400 000 Unterschriften zusammen waren, wollte Strasser sie an den zuständigen EU-Handelskommissar Karel De Gucht überreichen. Doch der gab ihr keinen Termin, sie musste sich mit seinem Kabinettschef begnügen. Noch immer unterschätzte die Politik die Bewegung, auch die Zeitungen berichteten kaum.

Maritta Strasser und Felix Kolb überreichen Martin Schulz (M.) vor der Europawahl 2014 ihre Petition. Strasser hat die Kampagne ihrer Organisation Campact gegen TTIP angeführt. Sie sammelte Hunderttausende Unterschriften und machte lautstark den damaligen EU-Handelskommissar de Gucht auf den Protest aufmerksam.

Doch Strasser machte weiter, sie machte TTIP zum Thema im Europawahlkampf - mit all ihren Mitteln und natürlich zusammen mit den Verbündeten, die immer zahlreicher wurden. Sie organisierte spontane Demos (Flashmobs). Sie ließ Türhänger verteilen, die über die Position der Parteien zu TTIP informierten. Im Mai 2014 gelang der Aktivistin schließlich der Coup. Auf einer Veranstaltung im Berliner Wirtschaftsministerium sprach sie direkt zu Sigmar Gabriel und De Gucht. Auch der amerikanische Verhandlungsführer Michael Froman war dabei.

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