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Freihandel : Offene Märkte, offene Gesellschaft

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Diese Spezialisierung setzt aber voraus, dass die Nischen groß genug sind. Der Zugang zum Weltmarkt ermöglicht dies. Je weniger Behinderungen den Handel stören, desto größer sind die Chancen der wirtschaftlichen Entwicklung. Wenn der Offenheitsgrad einer Volkswirtschaft um 12,5 Prozentpunkte steigt, geht das mit einem um 1 Prozentpunkt höheren Wachstum des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf einher. Gerade ein Handelsland wie Deutschland sollte die Chancen der Handelsintensivierung durch Freihandelsabkommen erkennen und unterstützen.

Mehr als ein Wohlstandsproduzent

Aber freier Handel ist mehr als ein Wohlstandsproduzent für die beteiligten Länder, ihre Unternehmen und Mitarbeiter. Freier Handel im Äußeren ist ein Ausdruck einer offenen Gesellschaft im Inneren. Er schafft neue und frei zu gestaltende Kooperationsmöglichkeiten über Landesgrenzen hinweg. Damit wird es Menschen und Unternehmen ermöglicht, Partner an den Orten und mit den Kompetenzen zu suchen, die gewünscht und benötigt werden. Handel bringt Offenheit für neue Ideen, neue Produkte und neue Prozesse, die im Ausland kennengelernt und ins Inland übertragen werden können.

Viele neue Ideen basieren auf Anregungen aus anderen Ländern, Kulturen und Erfahrungshintergründen. Silicon Valley ist ein Ort geworden, an dem sich viele Unternehmen umschauen und Ideen kreieren, die sie zu Hause nicht entwickeln könnten. Japan war lange das Modell für kontinuierliche Verbesserungsprozesse in Unternehmen. Und Deutschland will ein Vorbild für klimaschonende Produkte und Produktionsweisen sein.

Nur durch offene Märkte können diese Ansätze international verbreitet werden. Handel und Austausch ohne Beschränkungen bringen die Vielfalt, die zu einer offenen Gesellschaft gehört – Vielfalt der Produkte, der Perspektiven, der Ideen. Geschlossene Volkswirtschaften sind letztlich auch geschlossene Gesellschaften. Die Ordnung der Sozialen Marktwirtschaft ist eine Ordnung einer offenen Gesellschaft. Es ist nicht zufällig, dass Walter Eucken die Wahrung offener Märkte im Inneren wie im Äußeren, also freien internationalen Handel, als eines der konstituierenden Prinzipien der Wettbewerbsordnung identifiziert hat.

Generelle Ablehnung von Freihandel passt nicht zu offener Gesellschaft

Offene Gesellschaften leben vom Austausch der Menschen in den unterschiedlichsten Kontexten: In der Forschung wird durch internationale Zusammenarbeit der wissenschaftliche Fortschritt vorangebracht; Spitzenforschung ist auf rein nationaler Ebene kaum denkbar. Die Kultur ist längst internationalisiert; Strömungen aus der ganzen Welt werden aufgegriffen und in neuen Konzepten verarbeitet. In einer eng vernetzten Welt ist internationale Kooperation der Regierungen und der Gesetzgeber von hoher Bedeutung. Und auch Unternehmen tauschen sich aus und gewinnen dadurch ein Mehr an Wohlstand, Innovation, Produktivität, Effizienz und Wettbewerb.

Die unternehmerische Freiheit, international Handel zu betreiben, ist keine spezifische Besonderheit wirtschaftlicher Tätigkeiten, sondern sollte dem Normalzustand einer offenen Gesellschaft entsprechen. Wie können gerade diejenigen, die überall für offene Grenzen, Weltoffenheit und den unbeschränkten Austausch eintreten, Befürchtungen von dem Austausch von Unternehmen haben? Internationale Handelsabkommen berühren viele Details und sind sorgfältig zu verhandeln.

Eine aufmerksame und auch kritische Begleitung ist notwendig; Verbesserungen entstehen aus dem Diskurs. Aber eine generelle Ablehnung von Freiheit im Austausch von Waren und Dienstleistungen passt nicht zu der offenen Gesellschaft, in der wir leben und leben wollen.

Zum Autor

Der Autor Hubertus Bardt ist der Leiter Wissenschaft und Geschäftsführer am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Der 1974 in Bonn geborene Volks- und Betriebswirt hat außerdem einen Lehrauftrag an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg zum Thema Umwelt, Energie und Rohstoffe aus Unternehmersicht. Das IW, an dem Bardt seit 15 Jahren arbeitet, wurde 1951 auf Initiative des Wuppertaler Textilfabrikanten Carl Neumann gegründet. Es wird von der Wirtschaft finanziert und versteht sich als Anwalt der Sozialen Marktwirtschaft.

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