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Ärgerliche Wähler : Aufstand der bösen Männer

Die Leerstelle als glaubwürdige Instanz nehmen stattdessen zum Beispiel Dokumentarfilmer ein, die vermeintliche Verschwörungen mit kraftvollen Bilder aufzudecken vorgeben. Der Film „Gasland“ über das Fracking in den Vereinigten Staaten ist nicht das einzige Beispiel, aber das schlagendste. Obwohl Wissenschaftler längst nachgewiesen haben, dass der Filmer sein Publikum betrog, der brennende Wasserhahn mit Fracking-Maßnahmen nichts zu tun hatte, bleibt er eine Autorität.

Anti-Stimmung vertreibt Investoren

Die neuen Aktivisten werden zahlreich. Der Politologe Walter erwartet, dass sich in Deutschland zwischen 2015 und 2035 hunderttausende hochmotivierte und rüstige Rentner in den öffentlichen Widerspruch begeben. Sie bleiben nicht ungehört. Vielmehr treffen sie sich mit jungen Leuten, die gegen Freihandel, globale Ausbeutung und amerikanische Konzerne mobil machen. Schon heute finden diese misstrauischen Leute Gehör in der Bevölkerung, die für die Vorstellung, sie sei das Opfer von Verschwörungen aller Art, doch viel empfänglicher zu sein scheint, als man es von einem aufgeklärten Souverän erhoffen darf.

Die Politik reagiert darauf fast zwangsläufig. Fracking, eine seit den frühen 60er Jahren hierzulande ohne schwerwiegenden Vorkommnisse praktizierte Bergbaumethode, wird in Deutschland fast zur Unmöglichkeit, weil die Politik sie konträr zum Sachverstand der eigenen Wissenschaftler blockiert – angesichts des öffentlichen Widerstands. Das geschieht, obwohl die Unternehmen einen Rechtsanspruch auf ein anständiges Genehmigungsverfahren haben.

Die Firmen selbst stellen im Moment selbst keine Anträge, sie wollen es sich nicht mit Politik und Öffentlichkeit verderben, obwohl sie in der Bergbaumethode eine besondere Chance für sich sehen, große Gasvorkommen auszubeuten. Deutschland könnte, rechnet Exxon vor, statt zehn Prozent seines Gaskonsums 20 Prozent aus eigenen Quellen decken. Doch das Argument, dass man die Kuh, die man zu melken trachtet, besser nicht schlachtet, findet kaum noch Gehör. Kein Wunder, dass Firmen bestimmte Technologie-Sektoren in Länder verlegen, die heiterer in die Zukunft blicken

Das Meinungsklima ist verbiestert

Das Paradoxe an dieser Entwicklung ist, dass die Protestler selbst offenbar ihre Triumphe nicht genießen können. Sie gewinnen nicht die Einsicht, dass ihr Engagement Eingang in den politischen Willenbildungsprozess gefunden hat. Kurz: Sie fangen offenbar nicht an, plötzlich an die Parteiendemokratie zu glauben. Stattdessen liebäugeln sie mit starken charismatischen Politikern, die auf ihre Person fachliche Kompetenz und Autorität vereinigen.

Die unbeantwortete Frage ist, wo eigentlich die pessimistische, zynische Grundströmung herkommt, die doch beträchtliche Teile der durchaus gebildeten Leute erfasst hat. So elendig waren sie ja nicht, die letzten Jahre. Oder vielleicht doch? Auch eine zweite Frage harrt einer Antwort: Wie verhindert man, dass ziemlich verbiesterte Leute das Meinungsklima in diesem Land dominieren?

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