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Freihandel : Die neue alte Angst vor der Globalisierung

Die Wucht der Globalisierung ist vielfach unterschätzt worden. Ihre Schattenseiten werden spürbarer. Bild: Lepetit/Le Figaro Magazine/laif

Nicht nur durch Amerika weht ein protektionistischer Wind. Ökonomen nehmen die Verlierer des Freihandels in den Blick. Vor den Schattenseiten die Augen zu verschließen hätte fatale Folgen.

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          Es ist sommerlich in der alten Stahlstadt Pittsburgh, doch die Stimmung schmeckt nach Rost. Donald Trump spricht, die Menge johlt. Nach den üblichen Liebeserklärungen an den jeweiligen Ort, an dem Trump gerade redet, lautet der erste inhaltsschwere Satz: „Wir werden die Kohleindustrie zurückbringen, und wir werden die Stahlindustrie zurückbringen. Denkt daran, Leute.“ Applaus, Gejohle. „Nur wenige Orte wurden mehr durch unsere Handelspolitik verwüstet als Pittsburgh. Aber keine Angst, wir bringen das alles zurück.“

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Wieder Gejohle. Trump liest etwas umständlich von einem Zettel: „Pittsburgh hat ein Drittel seiner Industriearbeitsplätze eingebüßt seit 2001. Und nebenbei erwähnt, das war das Jahr, in dem China die Welthandelsorganisation betreten und begonnen hat, uns abzuzocken.“ Frenetisches Gejohle. Im einstigen Schwerindustrie-Gürtel im Norden der Vereinigten Staaten, heute „Rostgürtel“ genannt, kommen solche Sätze gut an. Seit Jahrzehnten ist der Niedergang dort zu beobachten.

          Ärger wurzelt im Versagen der Globalisierung

          Auch wenn die Anti-Freihandels-Rhetorik des republikanischen Präsidentschaftskandidaten schärfer als bei anderen ist, so liegt sie doch im Trend. Der Linksaußen der Demokraten Bernie Sanders klingt überraschend ähnlich. Anhänger des Freihandels können auch nicht mehr auf Hillary Clinton bauen, die neuerdings eine merkwürdig neo-merkantilistische Rhetorik anstimmt. Warum müssen bestimmte Präzisions-Maschinen eigentlich aus Deutschland kommen, fragt sie ihr Publikum, wo doch Amerika die besten Arbeiter der Welt habe? Vom Freihandelsabkommen TPP mit den Pazifik-Anrainern von Asien bis Australien will die Demokratin Clinton schon längst nichts mehr wissen. Und wenn China Dumpingpolitik betreibe, werde sie nicht vor drakonischen Strafzöllen zurückschrecken. Selbst Präsident Barack Obama gibt seit jüngster Zeit den Falken in Handelsfragen gegenüber China.

          Politiker sind Marktforscher in eigener Sache. Sie greifen Stimmungen und Missmut auf mit dem Ziel, sie in Stimmen umzuwandeln. Es ist klar, wo der neue Populismus herkommt, gehört er doch zur Grundausstattung erfolgreicher Politiker. Der Ärger, den sie aufgreifen, wurzelt im Versagen der Globalisierung, der amerikanischen Arbeiter- und Mittelklasse fühlbare Vorteile zu verschaffen, sagt der frühere Weltbank-Ökonom Branko Milanovic. Die Mittelklasse habe nicht nur Arbeitsplätze verloren, sondern auch ihren Traum des sozialen Aufstiegs.

          Klare Aussage einer Demonstrantin in Hannover (Archivfoto aus dem April)

          Der renommierte Arbeitsmarktforscher David Autor vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) spricht von dreieinhalb lausigen Jahrzehnten, die Amerikas Arbeiter hinter sich haben. Während der letzten fünfzehn Jahre hatte nach seiner Analyse die Konkurrenz aus China eine zerstörerische Wirkung auf Teile des amerikanischen Arbeitsmarktes. Zwischen 1999 und 2011 seien anderthalb Millionen Arbeitsplätze in Regionen verlorengegangen, die vor allem chinesischer Importkonkurrenz ausgesetzt waren. Arbeiter vermochten sich viel schlechter an die neuen Verhältnisse anzupassen, als erwartet worden war. Viele endeten in der Arbeitslosigkeit oder meldeten sich erwerbsunfähig. Obwohl der MIT-Forscher betont, dass er langfristig große Vorteile durch Freihandel sehe, können seine kritischen Untersuchungen als Munition für die Gegner von mehr Freihandel gesehen werden.

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