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Europas Energieversorgung : Trumps Lügen schaffen Klarheit: Er will Russland aus dem Markt boxen

  • -Aktualisiert am

Russland, Portowaja: Ein russischer Bauarbeiter telefoniert neben einem Rohrstück für die Gas-Pipeline Nord Stream. Ukraine hofft nach Trump-Protest auf Stopp der Pipeline Bild: dpa

Der amerikanische Präsident attackiert die geplante neue Gasleitung Nord Stream 2 offen und unverblümt. Jetzt ist quasi offiziell, was eigentlich dahintersteckt. Ein Kommentar.

          3 Min.

          Man muss dem Mann vielleicht dankbar sein. Donald Trump hat durch seine von Unwahrheiten begleitete rüde Intervention gegen den Bau der neuen Gasleitung von Russland nach Deutschland Klarheit in das komplexe Interessengeflecht gebracht: Es geht dem Präsidenten offenkundig nicht um Europas Energiesicherheit. Er will die neuen amerikanischen Gasproduzenten auf dem alten Kontinent ins Geschäft bringen. Dazu muss er Russland als dominierenden Anbieter aus dem Markt boxen.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Nun ist es nicht so, als hätten die Europäer kein Interesse an amerikanischem Gas, das verflüssigt in Tankern über den Atlantik kommt. Das wachsende Flüssiggas-Angebot (LNG) hat die Preise für Leitungsgas unter Druck gesetzt, die Konditionen wurden flexibler. Wettbewerb hilft. Dennoch sind die Importkapazitäten Europas nur zu einem Bruchteil genutzt. Warum meiden die LNG-Tanker aus Amerika, Norwegen, Algerien oder Qatar Europa?

          Die Antwort ist einfach: Die Asiaten zahlen besser. In Japan kostet die Kilowattstunde LNG aktuell 3 Cent, an der britischen Gasbörse 2,2 Cent. Anders als die Japaner haben die Briten günstigere Bezugsquellen, eigene, wenn auch schnell schrumpfende Vorkommen vor der Küste und Pipelinegas vom Kontinent.

          Die Folgen der Sanktionen

          An den deutschen Grenzen kostete Importgas im April 1,8 Cent die Kilowattstunde. Es kam nur durch Pipelines ins Land, vor allem aus Russland, Norwegen und den Niederlanden. Es liegt auf der Hand, dass der Wechsel des Anbieters ein schlechtes Geschäft wäre. Das ist keine Momentaufnahme. Die Preise in Asien sind seit Jahren deutlich höher als in Europa, und sie werden es nach Analysen der Internationalen Energieagentur wegen der hohen Nachfrage bleiben. Damit ist klar, in welche Richtung die LNG-Tanker fahren werden.

          Es zeugt von der Borniertheit Trumps, solche Zusammenhänge nicht zu sehen oder zu verstehen. Weil er seine Ziele nicht mit Marktmitteln erreichen kann, erscheint es sogar realistisch, dass er – wie im Fall Irans – exterritoriale Sanktionen gegen Unternehmen verhängt, die irgendwie mit Nord Stream 2 zu tun haben. Konzerne wie BASF, Uniper oder Shell hängen zu sehr an Amerika, als dass sie die Sanktionen negieren könnten. Damit wäre das Projekt tot, selbst wenn der staatliche russische Energiekonzern Gasprom die 9 Milliarden Euro teure Leitung bis Greifswald allein finanzierte. Irgendjemand müsste ihm das Gas dort ja abnehmen.

          Es gäbe manche, die Beifall klatschen würden, denn sie könnten durch Nord Stream 2 Einnahmen aus dem Gastransit verlieren: Polen, die Slowakei, Ukrainer. Aber darüber hinaus wäre der wirtschaftliche Schaden immens. Verbraucher in ganz Europa litten, denn ein größeres Gasangebot führt automatisch zu einem größeren Preisdruck. Andersherum kann der Markt im Fall von Versorgungsengpässen mit Pipelinegas umschalten und auf das teurere Flüssiggas zurückgreifen.

          Merkel pocht auf Transiterlöse für Ukraine

          Viel wird darüber debattiert, ob sich die neue Zwillingsröhre, die samt Zu- und Ableitungen einen zweistelligen Milliardenbetrag kosten wird, für die Investoren lohnt. Das aber hängt auch davon ab, wie sich Eigenerzeugung und Gasnachfrage in Zeiten der Energiewende in Europa entwickeln werden – und welche Spielräume sich für ausländische Anbieter ergeben. Das sind Unwägbarkeiten, die die Investoren bewerten müssen. Für Kunden ist das zweitrangig. Am Ende stellen die Gasbörsen den Preis nach Angebot und Nachfrage. Mehr Pipelines erhöhen die Versorgungssicherheit. Neue Leitungen sind sicherer als alte aus Sowjet-Zeiten. Nur eine ausgelastete Röhre verspricht Gewinne. Daran ist der russische Staat interessiert, dessen Haushalt auf den Deviseneinnahmen des Öl- und Gasgeschäfts ruht.

          Die Versorgungssicherheit in Europa wächst auch, weil das europäische Netz dichter wird und mehr Leitungen in zwei Richtungen betrieben werden. Der Eigenbedarf der Ukraine zum Beispiel wird inzwischen komplett aus dem Westen gedeckt. Das Gas, das sie in großen Mengen aus Russland importiert, wird nur noch durchgeleitet. Entsprechend hat sich ihre Argumentation gegen den Bau der Ostsee-Leitung, die das Land umgeht, geändert: Statt der Sorgen um die Versorgungssicherheit betont sie die Sorge um 2 Milliarden Dollar Transiterlöse, die wegfielen, wenn der Transit eingestellt würde. Deshalb bedrängt Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Russland, weiterhin über die Ukraine zu exportieren und das zu garantieren.

          Die beste Versicherung Europas gegen Gas-Lieferbeschränkungen ist die Öffnung nach außen und die weitere Liberalisierung des Binnenmarktes, samt Speicherbetrieb und Ausbau des Versorgungsnetzes. Hier stehen einige osteuropäische Staaten wie Polen auf der Bremse, die ihre Märkte abschotten. Darüber hinaus wäre es wünschenswert, das ukrainische Transportnetz zu ertüchtigen. Denn nur so kann das Land mit seinen gewaltigen Gasspeichern auch künftig eine aktive Rolle im Gashandel spielen. Dass das eher nicht im Sinne des Geschäftemachers auf dem amerikanischen Präsidentensessel ist, sollte die Europäer ermutigen, nicht abschrecken.

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