https://www.faz.net/-gqe-a2mvr

Notfall-Genehmigung denkbar : Impfstoff für Amerika noch vor der Wahl?

Operation Warp-Geschwindigkeit: Die Trump-Regierung drückt auf die Tube bei der Entwicklung eines Impfstoffes. Bild: Reuters

Die Tests für den Impfstoff von Astra-Zeneca laufen, noch in diesem Jahr sollen Resultate vorliegen. Deshalb prüft die amerikanische Regierung nun offenbar eine Notfall-Genehmigung. Fachleute halten den Zeitplan für unrealistisch.

          3 Min.

          Amerikas Präsident Donald Trump prüft offenbar, das übliche Zulassungsverfahren für Medikamente auszuhebeln, um noch vor der Wahl am 3. November einen Impfstoff gegen das Coronavirus präsentieren zu können. Das berichtet die „Financial Times“ (FT) unter Berufung auf drei anonyme Quellen.

          Ilka Kopplin

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Offenbar erwägt das Weiße Haus eine Notfallgenehmigung. Das amerikanische Genehmigungsrecht sieht in Katastrophen Notzulassungen vor, wenn die Bedrohung tödlich ist und eine Kosten-Nutzen-Analyse klärt, dass die Vorteile des Mittels potentielle Risiken übersteigen. Zudem darf es keine geeignete Alternative geben. Schließlich muss die Forschung gute Gründe liefern, dass der Impfstoff wirkt.

          Resultate noch in diesem Jahr

          Das Weiße Haus zielt laut FT auf das Entwicklungsprojekt des britischen Pharmakonzerns Astra-Zeneca zusammen mit der Oxford-Universität. Der Aktienkurs von Astra-Zeneca stieg am Montag an der Londoner Börse zeitweilig um fast 4 Prozent und damit deutlich stärker als der Gesamtmarkt.

          Ein Sprecher sagte indes, dass Astra-Zeneca keine Gespräche mit der amerikanischen Regierung über eine Notfall-Genehmigung geführt habe. Astra-Zeneca hat mit zahlreichen Staaten und multinationalen Organisationen Verträge geschlossen, ihm liegen Bestellungen für eine Kapazität von bis zu 3 Milliarden Impfdosen vor. Von der amerikanischen Regierung erhält er mehr als eine Milliarde Dollar Zuschüsse.

          Derzeit laufen in mehreren Ländern großangelegte Tests, um die Wirksamkeit und Verträglichkeit des Impfstoffs AZD1222 zu prüfen. In Großbritannien nehmen an den entscheidenden Phase-II/III-Tests derzeit mehr als 10.000 Freiwillige und in Brasilien mehr als 5000 Freiwillige teil. In den Vereinigten Staaten seien Testreihen mit mehr als 30.000 Personen geplant. „Wir erwarten die Resultate später in diesem Jahr“, sagte ein Sprecher von Astra-Zeneca.

          Testreihen können dauern

          Sehr skeptisch über die Aussichten für die Verfügbarkeit eines Corona-Impfstoffs noch in diesem Jahr äußerte sich dagegen einer der wichtigsten medizinischen Regierungsberater in Großbritannien. Chris Whitty, der Chefmediziner für England, sagte am Wochenende, es wäre „dumm“, sich bei der Planung auf einen Impfstoff im kommenden Winter zu verlassen.

          Gerade Phase-III-Tests können zeitraubend sein: Um herauszufinden, ob ein Impfstoff wirkt, wird jeder zweite einer großen Gruppe von Freiwilligen geimpft. Dann werden sie in ihrem normalen Alltag beobachtet, um zu sehen, ob dank der Impfung weniger von ihnen an Covid-19 erkranken. Weil aber die meisten Menschen ohnehin nicht an Covid erkranken und zudem selbst gute Impfstoffe nicht immer perfekt wirken, kann sich die nötige Beobachtungszeit über viele Monate ziehen, um Unterschiede zwischen den Geimpften und den Nichtgeimpften herauszufiltern.

          30 Impfstoff-Kandidaten in der klinischen Entwicklung

          Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) hat schon zweimal nach Drängen des Weißen Hauses Notfallgenehmigungen für Arzneimittel erteilt. Im Juni genehmigte die Behörde das Malaria-Mittel Hydroxychloroquin und Chloroquin für die Behandlung von Covid-Patienten. Die Genehmigung wurde Mitte Juli aber wieder zurückgezogen, um nach neuen Erkenntnissen über gefährliche Nebenwirkungen zu fahnden.

          Am Sonntag verkündete Trump die FDA-Genehmigung für die Verwendung von Blutplasma von genesenen Covid-19-Patienten. Er sprach von einer machtvollen Therapie und einem medizinischen Durchbruch. Das Plasma soll das Immunsystem von Patienten stimulieren und wurde schon an 70.000 Personen getestet. Der frühere Chef der FDA, der Republikaner Scott Gottlieb, sprach von eher kleinen Fortschritten.

          Trump verdächtigt die FDA, die Entwicklung von effektiven Medikamenten und Impfstoffen aus politischen Gründen zu verschleppen. Das machte er gegenüber der Presse und auf Twitter deutlich. Mit 170.000 Corona-Toten und täglich rund 50.000 neuen Fällen sieht sich Trump zu Beginn des Nominierungsparteitages der Republikaner heftiger Kritik seines demokratischen Widersachers Joe Biden ausgesetzt.

          Von den global rund 170 Impfstoff-Projekten, die die Weltgesundheitsbehörde zählt, sind 30 in der klinischen Entwicklung. Neben Astra-Zeneca und Moderna ist beispielsweise auch das Mainzer Biotechunternehmen Biontech weit fortgeschritten in der Entwicklung. Biontech, das in Amerika mit Pfizer und in China mit Fosun zusammenarbeitet, hat schon mehrere Lieferkontrakte abgeschlossen, darunter auch mit Amerika.

          Seit Ende Juli wird das Vakzin in einer großen klinischen Erprobung getestet, im Oktober soll der Zulassungsantrag folgen. Das Tübinger Biotechunternehmen Curevac, das vor kurzem an der Technologiebörse Nasdaq debütiert hat, ist in der Entwicklung noch nicht so weit, verhandelt aber mit der Europäischen Kommission schon über die Lieferung des Vakzins.

          Weitere Themen

          Unerwartetes Wirtschaftswachstum Video-Seite öffnen

          „moderat aber positiv“ : Unerwartetes Wirtschaftswachstum

          Nach dem historischen Einbruch in der Corona-Krise ist die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal wieder kräftig gewachsen. Für Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) liegen diese Zahlen „weit oberhalb der Erwartungen“.

          Topmeldungen

          Der republikanische Senator Lindsey Graham spricht am 17. Oktober auf einer Wahlkampfkundgebung

          Senatswahl in Amerika : Die Angst der Republikaner

          Können die Demokraten Weißes Haus, Repräsentantenhaus und Senat in ihre Hand bringen? Die Republikaner fürchten den Verlust ihrer Mehrheit, weil sogar einst sichere Sitze in Gefahr sind.
          Angst vor Anschlägen: Ein Polizist bewacht am Freitag vor dem Freitagsgebet die Große Moschee in Paris.

          Lehren aus Nizza : Woher kommt dieser Hass?

          Mit Attentaten wie in Nizza versuchen Islamisten freiheitliche Gesellschaften in den „Clash of civilizations“ zu treiben. Welche Ursachen hat das – und was kann getan werden, um es zu verhindern?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.