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Energie : Der Ölpreis ist verrückt

Drum herum tobt der Krieg, doch die Ölförderung bleibt konstant – ein Ölfeld im kurdischen Teil des Irak. Bild: Reuters

Gewöhnlich wird Rohöl teurer, wenn Kriege in wichtigen Weltregionen toben. Diesmal nicht. Die Gründe sind nicht nur erfreulich.

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          Kriege halten die Welt in Atem: Im Irak, in Syrien, im Gazastreifen, in der Ukraine. In Libyen bekämpfen sich die Milizen. Überall sind Länder involviert, die die Welt mit Öl versorgen, mit Russland sogar der zweitgrößte Exporteur nach Saudi-Arabien. Gewöhnlich verteuert sich der Rohstoff, wenn die Weltpolitik von Krisen beherrscht wird. Die Industrie deckt sich ein, um ihre Versorgung zu sichern. Die Hamsterkäufer treiben die Preise.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Aber diesmal? Nichts davon. Ein Fass Öl (159 Liter) kostete in dieser Woche mit rund 95 D0llar so wenig wie seit anderthalb Jahren nicht mehr. Die Händler an den Ölmärkten erleben den schärfsten Preisverfall seit Jahren.

          Ist der Förderhöhepunkt schon erreicht?

          Das ist für solche Zeiten der politischen Anspannung so ungewöhnlich, dass man eine gravierende Veränderung des globalen Ölmarktes als Ursache vermuten muss. Thomas Heidorn, Professor an der Frankfurt School of Finance, spricht von einer Entwicklung, für die er keine historischen Vorbilder kennt. Tatsächlich müssen wohl alte Vorstellungen über den Haufen geworfen werden.

          Bis heute beherrscht die Vorstellung das Denken der Öffentlichkeit, dass das Angebot gerade so reicht, um die globale Nachfrage zu decken und dass über kurz oder lang unsere Quellen versiegen werden. Alle bedeutenden Vorkommen seien bekannt, sagen vor allem die sogenannten „Peak-Oil-Pessimisten“. Viele bedeutende Quellen hätten ihren Förderhöhepunkt, ihren Peak, schon hinter sich. Ein Angebot, das aus physikalisch zwingenden Gründen sinkt, trifft dabei auf eine steigende Nachfrage. Denn die Käuferseite entfacht, so die allgemeingültige Vorstellung, zusätzlichen Druck. Die energiehungrigen Aufsteigerländer bestellten immer mehr von dem Rohstoff.

          Amerika entmachtet die OPEC

          Das führe wiederum zwingend dazu, dass die Preise mittelfristig nur noch eine Grundrichtung kennen: Sie zuckeln nach oben, möglicherweise rennen sie auch. Die Anhänger solcher Vorstellungen haben sich durch die Preisentwicklung von 2000 bis 2010 bestätigt gefühlt. Abgesehen von der Finanzkrise und dem Preisabsturz 2008 und 2009, wurde Öl tatsächlich immer teurer.

          unübliche Entwicklung – trotz vielen Kriegschauplätzen geht der Ölpreis nicht durch die Decke

          Doch seitdem stagnieren die Preise und gehen langsam nach unten – und zwar gerade in den Jahren, in denen, begonnen mit dem arabischen Frühling, geopolitisch die Post abging.

          Der wichtigste Grund dafür, dass sich auf der Angebotsseite eine Menge getan hat: Das alte Ölkartell der Opec-Staaten, der große Preistreiber, erlebt gerade seine Entmachtung, vor allem durch die Vereinigten Staaten und durch Kanada. Amerika hat mit der Förderung seines sogenannten unkonventionellen Öls aus Schiefergestein und aus Teersänden im kanadischen Alberta die krisenbedingten Produktionsunterbrechungen in Iran, in Libyen, in Südsudan und in Syrien mehr als ausgeglichen. Es war fast ein Wunder. Das unkonventionelle Öl kam gerade rechtzeitig. Allerdings ging das alles in rasendem Tempo.

          Ölpreis und nicht Vorkommen ist der limitierende Faktor

          Vor 2011 gab es gerade mal ein paar hundert Schieferölvorkommen, die von Produzenten in den Vereinigten Staaten ausgebeutet wurden. 2012 notierte Leonardo Maugeri, ein Harvard-Forscher, schon mehr als 4000 Vorkommen. Amerika hatte damit in jener Zeitspanne mehr Ölquellen zugänglich gemacht als der ganze Rest der Welt.

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