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Wirtschaftsrätsel : Wo bleibt die Inflation?

Rabattschlacht statt Preiserhöhungen Bild: dpa

Die Wirtschaft boomt, die Notenbanken machen das Geld billig. Doch die Preise steigen nicht – und niemand kann das erklären. Höchste Zeit für eine neue Inflationstheorie.

          9 Min.

          Besser könnte es kaum laufen. Zumindest für Deutschland nicht. Die Wirtschaftsleistung wird im kommenden Jahr wohl noch mal um mehr als 2 Prozent zulegen. Die Arbeitslosigkeit befindet sich mit weniger als 2,4 Millionen Erwerbslosen auf einem historischen Tiefstand. Auch das Umfeld lässt nicht viel zu wünschen übrig. Europa scheint sich von der Finanz- und Staatsschuldenkrise zu erholen. Der wirtschaftliche Aufschwung hat inzwischen alle EU-Länder erfasst, sogar Griechenland. Und in den Vereinigten Staaten sieht es nicht schlechter aus. Eigentlich genügend Grund zur Freude. Wäre da nicht die Sache mit der Inflation.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die müsste nämlich langsam anziehen. Doch sie tut es nicht, obwohl viele Unternehmen mit dem Produzieren kaum hinterherkommen, die Zinsen niedrig sind und die Notenbanken seit nunmehr einem Jahrzehnt die Volkswirtschaften mit sehr viel Liquidität versorgen.

          Dass die Preise trotzdem kaum steigen, kommt den Verbrauchern entgegen. Die Wirtschaftsfachleute aber stört es ganz erheblich. „Das Mysterium der ausbleibenden Inflation“ überschrieb der amerikanische Starökonom Nouriel Roubini unlängst einen Artikel und brachte damit das Unwohlsein seiner Zunft auf den Punkt: Die Wirtschaftswissenschaftler haben keine Erklärung dafür, warum die Preise nicht steigen. Ihre Modelle funktionieren nicht. Die Frage ist nun, ob sie nur gerade jetzt versagen – oder grundsätzlich nichts taugen. Roubini formuliert es so: „Ist niedrige Inflation nur ein vorübergehendes Phänomen? Oder ist die neue Lage jetzt normal?“

          Die Philipps-Kurve ist nicht mehr zu sehen

          Zwei Standarderklärungen haben bisher die Diskussion um die Preisentwicklung bestimmt. Sie sind viele Jahrzehnte alt. Da ist zum einen das Modell der Phillips-Kurve, benannt nach dem britischen Volkswirtschaftler Alban William Phillips (1914–1975). Sie beschreibt den Zusammenhang zwischen Löhnen und Arbeitslosenquote: Wenn die Arbeitslosigkeit sinkt, steigen die Löhne. Tatsächlich hat der Wissenschaftler dies für die Jahre zwischen 1861 und 1957 in Großbritannien nachgewiesen. Später haben die amerikanischen Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson und Robert Solow diesen Zusammenhang auf die Inflationsrate bezogen. Sie sagen: Wenn die Wirtschaft boomt, dann brauchen die Unternehmen mehr Arbeitskräfte. Das beschert den Arbeitnehmern in den Gehaltsverhandlungen bessere Chancen. Die Löhne steigen und mit ihnen die Kosten der Unternehmen. Diese wälzen sie über höhere Preise auf ihre Kunden ab. Die Inflation zieht an.

          Diese modifizierte Phillips-Kurve zeigt in einem Koordinatensystem, dass mit zunehmender Arbeitslosigkeit die Inflation sinkt und umgekehrt. Allzu stabil war dieser Zusammenhang zugegebenermaßen noch nie. Doch seit Anfang dieses Jahrhunderts ist fast überhaupt nichts mehr davon zu sehen. Weder gelingt es den Gewerkschaften, substantiell höhere Löhne auszuhandeln, obwohl die Unternehmen vielfach an der Kapazitätsgrenze produzieren und der Arbeitsmarkt vielerorts regelrecht leergefegt ist. Noch sehen sich die Unternehmen dazu in der Lage, Kostensteigerungen direkt an ihre Kunden weiterzugeben.

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