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Trotz Krise mit Amerika : Russland baut „Disneyland“ in Moskau

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Die Illustration zeigt das geplante Moskauer "Disneyland": Ende des Jahres soll das 200 Millionen Dollar teure Projekt in Angriff genommen und 2017 fertiggestellt sein. Bild: dpa

Wegen der Ukraine-Krise ist das russische Verhältnis zu Amerika so schlecht wie lange nicht. Doch wenn es um Unterhaltung geht, träumen viele Russen von amerikanischen Vorbildern.

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          Die wichtigste Stadt Russlands setzt auf die glitzernde Märchenwelt der Vereinigten Staaten: Ein Vergnügungspark nach dem Vorbild von „Disneyland“ soll bald Millionen Besucher nach Moskau locken. Seit Jahren plant die russische Hauptstadt bereits eine moderne Freizeitstätte vor allem für Familien mit Kindern. Der Zoo oder auch das sowjetisch geprägte Areal des Allrussischen Ausstellungszentrums wirken längst nicht mehr zeitgemäß. Nun drückt die größte Stadt Europas aufs Tempo: Bereits Ende des Jahres soll der Bau des ersten „Disneylands“ auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion beginnen.

          Vorgesehen als russische Heimat von Shrek und Co ist ein brachliegender Park direkt am Moskwa-Fluss. Bis 2017 soll hier eine zauberhafte Kulisse aus fahnenbesetzten Türmchen und wasserspeienden Fontänen entstehen. So zeigen es jedenfalls Entwürfe, die das Moskauer Komitee für Architektur und Städtebau veröffentlicht hat. Geplant ist - außer einem modernen 3D-Kino, einem riesigen Konzertsaal und einem Hotel - auch eine eigene neue Station der berühmten Metro.

          „Zu Gast bei Micky Maus und Shrek - mit der U-Bahn“, schreibt die Boulevardzeitung „Komsomolskaja Prawda“. Und das Konkurrenzblatt „Moskowski Komsomolez“ jubelt auf der Titelseite: „Wir bauen unseren neuen Park.“ Der Auftrag für den Bau - nach offiziellen Angaben als Franchise der amerikanischen Filmfabrik DreamWorks („Antz“, „Madagascar“) - kommt direkt vom kremltreuen Bürgermeister Sergej Sobjanin.

          Der enge Vertraute von Präsident Wladimir Putin hat der Millionenmetropole eine Generalüberholung verordnet. Fußgängerzonen im Zentrum - bis vor kurzem in Moskau noch so gut wie unbekannt - sollen die Betonwüste auflockern und familienfreundlicher machen. Damit will Sobjanin, so meinen Beobachter, auch die traditionell Putin-kritischen Moskauer als Wähler zurückgewinnen.

          Offensiv geht die Stadt mit dem neuen Erlebnispark auf ihre Zielgruppe zu: „Nagatino wird den Kindern übergeben“ ist die Pressemitteilung mit Verweis auf den Stadtteil Nagatino überschrieben. Vorgesehen sind kinderfreundliche Cafés und Restaurants sowie ein Eislaufring und eine Jachtschule für Kinder.

          Auffällig ist aber: Ausgerechnet in der schwersten Krise mit den Vereinigten Staaten seit dem Ende des Kalten Krieges setzt Russland geradezu demonstrativ auf genuin amerikanische Vorbilder. Wegen der Ukraine-Krise ist das bilaterale Verhältnis auf dem Tiefpunkt.

          Schon länger setzt Russland auf Importe aus dem Land des einstigen Klassenfeindes - eigene Ideen sind selten. So sind Caféketten wie Starbuck’s und Schnellimbissläden wie McDonald’s nicht nur in Moskau und St. Petersburg an fast jeder Ecke zu finden und haben längst zahlreiche einheimische Nachahmer gefunden.

          Immer wieder kamen Megaprojekte in Russland letztlich doch nicht zustande. Allein für das Gelände des künftigen Parks gab es in den vergangenen zehn Jahren mehrfach Überlegungen - etwa für einen futuristischen Turm von Stararchitekt Sir Norman Foster oder eine Formel-1-Strecke. Auch die „Disneyland“-Idee ist in Moskau keinesfalls neu, sondern kursiert bereits seit den 1990er Jahren.

          „Wir erwarten etwa vier Millionen Besucher pro Jahr“, meint der städtische Chefarchitekt Sergej Kusnezow. Wenn alles glatt laufe, seien die Bauarbeiten in drei Jahren beendet, bei Kosten von rund zehn Milliarden Rubel (gut 200 Millionen Euro). Rote Zahlen, wie sie beim Pendant in Paris fast die Regel sind, fürchten die Macher nicht.

          Der besondere Clou: Nicht nur amerikanische Figuren aus „Shrek“ und „Madagascar“ sollen im Park zu sehen sein. Einen großen Anteil erhalten auch Stars der sowjetischen und russischen Zeichentrickserien. Helden wie Hase und Wolf aus „Nu, pogodi“ („Warte bloß“) sollen auch jene Besucher anlocken, die mit den amerikanischen Vorbildern nichts anfangen können.

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