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Droht eine Austrittswelle? : Trotz Kirchen-Krise sprudeln die Einnahmen

Kollekte sammelt die katholische Kirche jeden Sonntag ein. Bild: dpa

Die Kirchen stehen finanziell blendend da. Zugleich treten viel mehr Menschen aus als ein – und die Gläubigen könnten bald schon die Minderheit sein.

          Die seit Jahren gute wirtschaftliche Lage in Deutschland, die zuletzt für die Kirchen zu stetig steigenden Einnahmen aus der Kirchensteuer geführt hat, verhindert deren Reformbereitschaft. Davon sind Kritiker der Glaubensgemeinschaften überzeugt. „Die Kirchen schwimmen im Geld. Da gibt es wenig Interesse, etwas zu ändern. Dies ist einer der Gründe für die Entfremdung“, sagt Sebastian Dittrich, Vorsitzender des ökumenischen Netzwerks „Initiative Kirche von unten“, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Klaus Max  Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          So könnte aber eine neue Austrittswelle drohen. In einer Studie des Kompetenzzentrums Kinderschutz in Ulm zu sexuellem Missbrauch wird für beide Kirchen mit jeweils 100.000 Opfern gerechnet. Die Forscher gehen zudem von einer hohen Dunkelziffer aus. An diesem Dienstag wird die Bischofskonferenz in Fulda hierzu eine selbst in Auftrag gegebene Untersuchung vorstellen.

          Es geht um Milliarden

          Wie sich die Berichte über die Missbrauchsfälle auf die Mitgliederzahlen auswirken, ist laut Bischofskonferenz nicht absehbar. Zahlen lägen noch nicht vor. Die katholische Kirche muss sich seit Jahren der Missbrauchsdebatte stellen. Hinzu kamen Negativschlagzeilen wie die um die Eskapaden des ehemaligen Limburger Bischofs Tebartz-van Elst.

          Derweil sind im Jahr 2017 die Einnahmen aus der Kirchensteuer weiter gestiegen, obwohl die Zahl der Mitglieder sank. Deren Rückgang wurde überkompensiert durch die positive Konjunkturentwicklung, denn die Kirchensteuer fließt proportional zur Einkommensteuer.

          Im vergangenen Jahr nahmen beide großen Kirchen zusammen etwa 12 Milliarden Euro ein, die katholische etwas mehr als die Hälfte. Beide Kirchen steigerten ihre jeweiligen Einkünfte aus der Steuer – obwohl beide sinkende Mitgliederzahlen ausweisen. Die evangelische Kirche verlor knapp 2 Prozent ihrer Mitglieder, weil mehr Menschen starben als getauft wurden und weil 200.000 austraten, aber nur 25.000 ein. In der katholischen Kirche fiel der Rückgang mäßiger aus. Sie stellt nun noch 23,3 Millionen Menschen und damit inzwischen die Mehrheit, gegenüber 21,5 Millionen Protestanten. Insgesamt verloren beide Kirchen im Jahr 2017 etwa 660.000 Mitglieder.

          Kirchensteuerpflichtige Katholiken zahlten in Deutschland voriges Jahr immerhin knapp 5 Prozent mehr Kirchensteuer als im Vorjahr: 6,427 Milliarden Euro. Dabei zahlt nur eine Minderheit der Mitglieder überhaupt etwas: Weil die Steuer an die Lohn- und Einkommensteuer gekoppelt ist, bekommen Geringverdiener, manche Rentner, Arbeitslose, Schüler, Studenten, Lehrlinge, auch Ordensleute die Mitgliedschaft gratis. Nur gut ein Drittel der Katholiken zahlt so Kirchensteuer: Etwa 37 Prozent steuern 97 Prozent des Kirchensteueraufkommens bei. Die evangelische Kirche gibt den Anteil der Zahler unter den Mitgliedern mit 40 Prozent an.

          Zu Zeiten der Wiedervereinigung gehörten noch 70 Prozent der Deutschen einer der beiden großen Kirchen an. Jetzt ist es gut die Hälfte, und in etwa fünf Jahren könnten die Kirchenangehörigen erstmals in der Minderheit sein. Dazu kommt: Die Babyboomer, geboren Mitte der fünfziger bis Mitte/Ende der sechziger Jahre, tragen besonders viel zum Aufkommen bei. Sobald sie in Rente gehen, dürften die Einnahmen stark schrumpfen.

          Die Steuer ist nicht die einzige Geldquelle. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) rechnet vor, sie erziele knapp die Hälfte ihrer Einnahmen aus der staatlich eingetriebenen Steuer. Etwa ein Viertel kommt aus Fördermitteln Dritter, 8 Prozent kommen aus Entgelten für Dienstleistungen, 7 Prozent aus Vermögenseinnahmen und der Rest aus sonstigen Einnahmen.

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