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Trotz Hitze : Deutschland hat Wasser im Überfluss

Eine junge Frau nimmt Wasser von einem Trinkbrunnen. Bild: dpa

Deutschland schwitzt – und braucht Wasser. Doch selbst im heißen Hochsommer droht keine Trinkwasserknappheit. Aber auch wenn Fachleute beruhigen: Das Problem bewusst machen muss man sich schon.

          Die Hitze macht nicht nur Feldern und Wiesen zu schaffen, sondern lässt in Deutschland auch die Trinkwasservorräte schrumpfen – und schon bald könnte es aus dem Wasserhahn nur noch spärlich tröpfeln. Zu diesem Schluss kann man mit einigem Hang zum Alarmismus kommen. Denn quer durchs Land hört man derzeit von extrem niedrigen Grundwasserständen.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Etwa im Niedrigwasser-Lagebericht Bayern. Laut Landesamt für Umwelt ist es im langjährigen Vergleich sechs Monate in Folge zu trocken geblieben; ebenso wie an 60 Prozent aller Grundwassermessstellen verzeichneten einige bayerische Seen niedrige bis sehr niedrige Pegelstände, und weil auch in der nächsten Zeit wenig Regen zu erwarten ist, setze sich die Niedrigwasserbewirtschaftung unverändert fort. Auch aus dem für Regenarmut nicht gerade berüchtigten Westerwald ertönen Bitten um einen sparsamen Wasserverbrauch. Andree Stein, Erster Beigeordneter der Verbandsgemeinde Montabaur, taxierte den hitzebedingten Mehrverbrauch auf 45 Prozent – deutlich mehr, als die Quellen und rund zwei Dutzend Tiefbrunnen im Gebiet zu befördern vermögen.

          Noch sei die Lage nicht akut, auch ein paar Tropfen fielen am Samstag auf den eigentlich saftig grünen Westerwald. Doch präventiv sollten die Bürger vorübergehend davon absehen, dass Auto zu waschen, den Rasen zu sprengen und das Planschbecken im Garten neu zu befüllen. Bleibt es dabei, drohen als Ultima Ratio Verbote – ein Novum in Montabaur, sagt der Gemeindevertreter.

          Wasser im Überfluss

          Doch der nüchterne Blick auf die Lage zeigt: die Versorgung mit Trinkwasser ist bis auf ganz wenige lokale Ausnahmen absolut sicher. Darin sind sich Behörden und Versorger einig. Rund 70 Prozent aller Deutschen beziehen ihre Vorräte aus dem Grund- und Quellwasser. Zwar sinken die Pegelstände derzeit, aber nur ausgesprochen langsam, beteuert Volker Mohaupt, Leiter des Fachgebiets Binnengewässer im Umweltbundesamt. Man zehre immer noch vom regenreichen Winter und Frühjahr, und wenn es vereinzelt zu regionaler Knappheit komme, dann könne man in Deutschland auf die gut ausgebaute Fernwasserinfrastruktur vertrauen – zum Beispiel auf Leitungen, die Bodenseewasser in die schwäbischen Industriezentren rund um Stuttgart und Heilbronn bringen.

          Ähnlich äußert sich der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) auf F.A.Z.-Nachfrage. Laut Martin Weyand, dem Hauptgeschäftsführer Wasser/Abwasser, nutzten öffentliche Versorger gerade einmal 2,7 Prozent der 188 Milliarden Kubikmeter Wasser, die Deutschland im Jahr zur Verfügung stehen. Rechnet man alle Verbräuche zusammen, würden nicht einmal ein Fünftel der Ressourcen beansprucht. Kurzum: Die Bundesrepublik hat selbst im Hochsommer Wasser im Überfluss.

          Ballungsräume wie Berlin sind besonders gesegnet. Weil die heutige Millionenstadt in der letzten Eiszeit ein Gletscher überdeckte, beherbergt das Berliner Urstromtal nahezu unerschöpfliche Wasserquellen. Trotz erhöhter Verbräuche fielen im Jahresmittel nicht einmal höhere Kosten an, heißt es bei den Wasserbetrieben. Das gilt auch für große Teile des Ruhrgebiets, das über den im Sauerland entspringenden, namensgebenden Fluss und das größte zusammenhängende Talsperrensystem Deutschlands versorgt wird.

          Vor einer Woche habe der Füllstand noch mehr als 78 Prozent betragen, und die vergangenen heißen Tage hätten diesen Wert zwar verringert, aber gerade mal auf 75,9 Prozent, beschwichtigt Britta Balt, Sprecherin des Ruhrverbands. Keiner der rund 4,6 Millionen Menschen, die von der Ruhr und ihren Talsperren zehren, müsse sich Gedanken um seine Wasserversorgung machen.

          Giftige Blaualgen

          Selbiges gilt für Bayern. Die niedrigen Grundwasserstände seien das eine, die Sicherheit der öffentlichen Wasserversorgung das andere, betont das dortige Landesamt für Umwelt gegenüber der F.A.Z. Engpässe seien bisher nicht bekannt. Ebenso wenig im Stader Land bei Hamburg, wo der Trinkwasserverband schon vor einigen Tagen das Gartenbewässern offiziell untersagte – als reine Vorsichtsmaßnahme. Und auch im Westerwald will man die Rufe nach einem bewussteren Umgang nicht falsch verstanden wissen. Es gehe vor allem darum, für die potentiellen Gefahren zu sensibilisieren.

          Mit Blick auf kleine, flache Gewässer, die nicht als Trinkwasserquelle, wohl aber als Badeorte dienen und sehr wohl hitzebedingten Belastungen ausgesetzt sind, erscheint das nicht ganz verkehrt. Im Fokus stehen Blaualgen, die sich bei zunehmender Stickstoffarmut in den Gewässern – eine Folge der hohen Temperaturen – leichter bilden. Weil zwei Drittel der Gewässer noch immer eine zu hohe Phosphorkonzentration aufweisen, erklärt Mohaupt vom Umweltbundesamt, könnten Blaualgen vielerorts zum Problem werden. Sie bilden Gifte, die Hautreizungen, Übelkeit und Durchfälle auslösen können.

          Und auch der Sauerstoff droht in flachen Gewässern knapper zu werden. Zu spüren bekommen das die Fische. „Die sind gerade erst mit stressigem Laichen fertig sind“, sagt Mohaupt, selbst wenn das im Sommer ein recht normaler Prozess sei. Entlang des Mains hat die Regierung von Unterfranken dennoch Vorsicht walten lassen und angeordnet, in den folgenden Tagen alles zu unterlassen, was zu zusätzlichen Belastungen im Fluss führen könnte.

          Dies gilt etwa für Baggerarbeiten im Main und seinen Nebengewässern. Kläranlagen müssen fortan durchlaufen und dürfen selbst für kurze Zeit keinen Revisionsarbeiten unterzogen, heißt abgeschaltet werden. Wie das Baggern würde auch das mehr organische Stoffe in den Main leiten und den Sauerstoffgehalt im Gewässer noch weiter reduzieren – zum Leidwesen der Fische.

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