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Trinkgeld : Zahlen, bitte!

  • -Aktualisiert am

Den Namen nennen lohnt sich Bild: AP

Ein alltäglicher Vorgang und gleichzeitig ein ökonomisches Problem: Warum eigentlich geben wir Trinkgelder? Aus Dankbarkeit? Oder auch aus Eigennutz? Hanno Beck hat nachgeforscht, welche Gedanken sich Ökonomen dazu gemacht haben.

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          Wahre Dankbarkeit, so sagt der Volksmund, lässt sich mit Worten nicht ausdrücken. Aber sie lässt sich mit Geld ausdrücken, jedenfalls dann, wenn man Trinkgeld gibt: Guter Service ist immer einen Extrabetrag für den Bedienenden wert - und das weltweit. Auf den ersten Blick ist so ein Trinkgeld also eine anreizkompatible Veranstaltung: Die Bedienung weiß, dass von der Qualität ihrer Arbeit auch ein Teil ihres Einkommens abhängt, und strengt sich dementsprechend an. Somit sichert Trinkgeld respektive die Aussicht darauf dem Kunden eine freundliche Bedienung und einen guten Service.

          Das klingt einleuchtend, erklärt aber lediglich, warum Stammgäste Trinkgelder geben: Hier weiß die Bedienung zuverlässig, dass diese auch das Trinkgeld geben, das sie versprechen, da sie dies bei ihren bisherigen Besuchen mehrmals bewiesen haben. Gibt ein Stammgast einmal kein Trinkgeld, ist die Bedienung gewarnt und wird ihn das nächste Mal nicht mehr so freundlich und prompt bedienen, was auch wiederum der Stammgast weiß. Die wiederholten Besuche der Stammgäste sind damit eine vertrauensbildende Maßnahme, mit deren Hilfe die Idee des Trinkgeldes als Anreiz für einen besseren Service funktioniert.

          Vorteile für alle

          Bei einem wildfremden Gast, der vielleicht nur ein einziges Mal kommt, funktioniert das nicht: Hier muss sich die Bedienung immer fragen, ob dieser denn wirklich auch ein Trinkgeld geben wird. Eigentlich muss er das nicht - wer ein Restaurant, eine Gaststätte nur ein einziges Mal besucht, tut am besten so, als würde er Trinkgeld geben, ergaunert sich damit den besseren Service und geht dann ohne Trinkgeld. Das wiederum kann sich ja auch die Bedienung ausrechnen und wird sich nach diesen einfachen Überlegungen keine Mühe geben - sie weiß ja im Voraus, dass der Gast kein Trinkgeld geben wird. Damit steht man vor einem theoretischen Dilemma: Anhand dieser einfachen Überlegungen ist klar, dass eine Trinkgeldsitte eigentlich nur bei Stammgästen Sinn macht. Aber wieso geben auch Menschen ein Trinkgeld, die keine Stammgäste sind und das Lokal vielleicht nie wieder betreten? Hierzu bieten sich verschiedene Erklärungsansätze:

          Löst er das Trinkgeldrätsel?

          Idee Nummer eins zur Erklärung des Trinkgeldrätsels sieht im Trinkgeld eine Versicherung gegen zu gierige Restaurantbesitzer: Das bis zum Schluss ausstehende Trinkgeld sichert, dass der Gast sein Essen oder Getränk ganz in Ruhe einnehmen kann, ohne dass man ihn drängt, den Tisch rasch für den nächsten Gast freizumachen. Hier erfüllt das Trinkgeld eine Schutzfunktion für den Gast gegenüber dem Besitzer einer Gaststätte. Darüber hinaus kann die Trinkgeldkonvention dazu beitragen, dass die ganz schlechten Bedienungen diesem Job fernbleiben: Wer von sich selbst weiß, dass er eine schlechte Bedienung ist, kann sich ausrechnen, dass er in diesem Job nicht sonderlich reich werden kann. Also verzichtet er darauf, Kellner zu werden, und die Trinkgeldkonvention führt dazu, dass nur diejenigen diesen Beruf ergreifen, die darin auch eine Berufung sehen. Beide Ideen klingen plausibel, lösen aber nicht das grundsätzliche Problem der Trinkgeldökonomie: Die Konvention, Trinkgelder zu geben, ist offenbar für alle Beteiligten vorteilhaft, aber sie erklärt nicht, wie sich die Sitte, Trinkgelder zu geben, etablieren konnte und warum wir alle uns daran halten.

          Das Gefangenendilemma in der Gaststätte

          Das Problem ist klar: Auch wenn alle Kunden wissen, dass diese Konvention für alle sinnvoll ist, so gibt es doch für den Einzelnen Anreize, dagegen zu verstoßen. Man bekommt den guten Service, weil die Bedienung auf ein Trinkgeld spekuliert, spart sich dann aber das Trinkgeld - ein klassisches Trittbrettfahrerproblem beziehungsweise ein Gefangenendilemma. Halten sich alle an die Konvention, so geht es allen besser, da aber für den Einzelnen immer ein Anreiz besteht, sich nicht an die Konvention zu halten - also kein Trinkgeld zu geben -, kommt diese Konvention nicht zustande und es geht allen schlechter, weil der Service ohne Trinkgelder eben schlechter wird. Solange jeder weiß, dass dieses Trittbrettfahrerproblem besteht, wird sich eine Trinkgeldkultur nicht etablieren.

          Aber vielleicht gibt man Trinkgelder auch aus anderen Gründen, beispielsweise aus Sympathie und Empathie: Menschen sind empathisch, und ein höheres Einkommen der Bedienung schafft bei ihnen einen zusätzlichen Nutzen - man will aus Sympathiegründen, dass die Bedienung ein höheres Einkommen hat. Diese Idee passt zu einigen empirischen Trinkgeldbefunden: So weiß man, dass die Höhe des Trinkgeldes zunimmt, wenn die Bedienung sich mit ihrem Namen vorstellt, wenn sie die Namen der Gäste sagt (die sie vom Kreditkartenbeleg kennt) oder wenn sie die Gäste leicht berührt - alles Maßnahmen, welche die Verbundenheit zwischen dem Gast und der Bedienung verstärken und damit die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Gast das Wohlbefinden des Kellners auch ein Stück weit zu seiner eigenen Angelegenheit macht - und höhere Trinkgelder gibt. Aber vielleicht geben wir auch aus menschlicher Schwäche Trinkgelder: Der Gast will mit seiner Handlung Anerkennung und Respekt einheimsen, deswegen gibt er Trinkgeld.

          Diese Idee deckt sich mit der Beobachtung, dass Gäste dann hohe Trinkgelder geben, wenn die Bedienung gutaussehend ist und wenn sie vom anderen Geschlecht ist - beides Personengruppen, deren Anerkennung wir verstärkt suchen.

          Eindeutig lässt sich das Trinkgeldrätsel also nicht lösen. Den Bedienungen kann das egal sein, solange die Gäste nicht allzu knauserig sind, und den Gästen kann es egal sein, solange der Service stimmt. Ab und an kann man Dankbarkeit eben auch in Münzen ausdrücken.

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