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Treffen der G 20 : Die Gipfel-Chance

Donald Trump und Angela Merkel im Vorfeld des G-20-Gipfels am Donnerstagabend Bild: AFP

In Hamburg zeigt sich eine merkwürdige Allianz aus trotzigem Trump und tumben Trotzern. Trump attackiert die multilaterale Welt, zu der die G 20 gehören. Der Protestler verortet auf dem Gipfel alle Übel der Welt. Beide blenden wichtige Lehren aus. Ein Kommentar.

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          Die Bühne ist bereitet: Polizisten in Kampfanzügen, verkohlte Edelkarossen, jede Menge Demonstrationen, Gewalt. Zum Vorprogramm gehören auch bilaterale Gespräche: Merkel mit Xi, Merkel mit Erdogan, Merkel mit Trump. Und natürlich der Ausflug mit Chinas Präsidenten in den Berliner Zoo zu den putzigen Pandas. Das Publikum schaut auf das Großereignis, das jedes Gipfeltreffen der G20 (der 19 wichtigsten Wirtschaftsmächte plus EU) nun einmal ist, mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu, bevor es richtig losgegangen ist. Natürlich gibt es viele Fragen: Warum Hamburg? Was bringt die Gipfelerklärung? Und ganz grundsätzlich: Was soll das mit der G20?

          Die erste ist am leichtesten zu beantworten. Es gibt nur wenige Plätze in Deutschland, die für einen solchen Massenauflauf in Frage kommen. Vertreter aus 19 Mitgliedstaaten und der Europäischen Union, sieben Gastländern und acht internationalen Organisationen kommen in die Hansestadt. Alles in allem etwa 10.000 Teilnehmer einschließlich der Journalisten. Auch die Vorgängergipfel fanden daher zumeist in Großstädten statt, ob in Washington, London, Pittsburgh, Toronto, Seoul, Sankt Petersburg, Brisbane und zuletzt Hangzhou. Für Hamburg sprachen der Hafen und die Historie. Die Kaufleute der Stadt unterhielten schon Handelsbeziehungen mit der Welt, als das Wort Globalisierung noch nicht existierte.

          Vom Finanzgipfel zum Allheilmittel?

          Die anderen beiden Fragen sind schwieriger zu beantworten. Nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers 2008 wurde die G20 erstmals auf die Ebene der Staats- und Regierungschefs gehoben. Vorher trafen sich nur die Finanzminister in diesem Format. Daher ging es anfangs allein darum, die Finanzkrise einzudämmen und die Märkte zu beruhigen. Mit dem Abklingen der Krise wurde die Themenpalette bunter.

          Jede Präsidentschaft ist frei, eigene Schwerpunkte zu setzen. Die Australier warben vor zwei Jahren für frische Impulse für das globale Wachstum. Jedes Land legte Pläne vor, natürlich war nicht alles neu. Die Deutschen verwerteten den noch jungen Koalitionsvertrag, allerdings verzichteten sie darauf, die Wachstumseffekte der Rente mit 63 und Mütterrente genauer zu erläutern. Den Chinesen ging es im Jahr darauf um nachhaltiges Wachstum, von dem möglichst viele profitieren. Inklusion lautete das Schlagwort.

          Die Bundesregierung will auf den Bemühungen der Vorgänger aufbauen. Gleichzeitig setzt sie eigene Akzente. Niemand soll ihr nachsagen können, dass sie die Welt nicht besser machen wolle: Ein Pakt mit Afrika soll mehr Menschen ein würdiges Leben erlauben und nebenbei den Migrationsdruck über das Mittelmeer senken. Als Folge der schweren Ebola-Krise soll nun der Kampf gegen Pandemien aufgenommen werden, genauso wie der gegen multiresistente Bakterien infolge zu viel verschriebener Antibiotika. Außerdem will man das Klima retten, ein Aktionsplan lag schon ausgearbeitet auf dem Tisch, als Präsident Donald Trump kürzlich den Austritt seines Landes aus dem Pariser Abkommen ankündigte.

          Zwischen trotzigem Trump und tumben Trotzern

          Der Amerikaner hat die Agenda des Gipfels umgeschrieben. Jetzt geht es darum, ob die anderen Länder sich nicht beirren lassen in dem kostspieligen Bemühen, den Ausstoß von Treibhausgasen einzudämmen. Ganz oben auf der Liste der Konfliktthemen steht aber der Handel. Soll er frei sein, soll er fair sein? Wer bestimmt die Regeln? Welches Gewicht hat das Wort der Welthandelsorganisation? Der Konflikt ist nicht zu übersehen: Trump droht mit Importzöllen etwa auf Stahlimporte, während sich die EU und Japan unmittelbar vor dem Gipfel auf ein Freihandelsabkommen geeinigt haben. Die Wortwahl im Abschlussdokument der G20 wird Hinweise liefern, wohin die handelspolitischen Bestrebungen in den nächsten Wochen und Monaten gehen könnten – mehr aber auch nicht. Gipfeldokumente sind schnell vergessen, Versprechen, die darin gemacht werden, nicht einzuklagen.

          So zeigt sich in Hamburg eine merkwürdige Allianz aus trotzigem Trump und tumben Trotzern. Der Mann aus dem Weißen Haus attackiert die multilaterale Welt, zu der die G20 gehören. Der Protestler auf der Straße greift mindestens verbal den Gipfel an, weil er dort alle Übel der Welt verortet und um die armen Länder fürchtet. Beide blenden wichtige Lehren aus der Vergangenheit aus: Amerika wurde mit Freihandel groß. Und auch die jüngere Geschichte kennt bemerkenswerte Aufsteigergeschichten. Japan, Südkorea und zuletzt China haben Wohlstand für Massen geschaffen, als sie sich dem Westen öffneten und auf den Handel setzten.

          Für die wahlkämpfende Bundeskanzlerin gibt es sicherlich Schöneres als ein Gipfeltreffen in der Heimat mit einem mürrischen Gast aus Washington, der die Inszenierung bedroht. Doch für die Weltwirtschaft bietet das Treffen auch eine Chance. Wenn es hilft, drohende Handelskonflikte einzudämmen, wird sich jede Million, die der Gipfel kostet, mehrfach bezahlt machen.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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