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Sorgen wegen teurem Diesel : Transportbranche fürchtet Insolvenzwelle

Die steigenden Preise für Diesel haben die finanzielle Belastungsgrenze für viele Speditionen erreicht. Bild: dpa

Viele Branchen in Deutschland sind geplagt von Sorgen über Öl- und Gaspreise. Die Transportbranche warnt vor Insolvenzen.

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          Wegen der steigenden Öl- und Dieselpreise schlagen die Vertreter des Güterkraftverkehrs Alarm: „Es droht eine Insolvenzwelle im deutschen Transportlogistikgewerbe“, sagt Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbandes Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL). „Dann wäre die Versorgung von Bevölkerung und Wirtschaft in Gefahr.“ Wegen der stark steigenden Preise für Diesel sei die finanzielle Belastungsgrenze vieler Transportunternehmen erreicht. Zwar gibt es in manchen Transportverträgen eine Absicherung gegen steigende Dieselpreise. Doch diese wirkten in der Regel erst nach Monaten, heißt es im Verband. Selbst solche Vertragsklauseln böten keinen Schutz gegen die hohen Dieselpreise.

          Helmut Bünder
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.
          Bernd Freytag
          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.
          Timo Kotowski
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Tobias Piller
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Manche Transportunternehmer versuchten, ihren vertraglichen Verpflichtungen nachzukommen, während sie wegen der hohen Treibstoffpreise eigentlich einem Konkurs entgegenführen und den Betrieb einstellen sollten, lautet eine dramatische Beschreibung aus dem BGL. In Deutschland gibt es derzeit 46 900 Unternehmen des Straßengüterverkehrs mit rund 400 000 schweren Lastwagen. Im Verband BGL sind dabei 7000 Mittelständler mit durchschnittlich 20 Lastwagen je Unternehmen organisiert.

          Höhere Ticketpreise

          In normalen Zeiten mache der Treibstoff im Fernverkehr 25 Prozent der Kosten aus, doch nun sei dieser Anteil dramatisch gestiegen. Zur Abmilderung der Auswirkungen des hohen Ölpreises und der daraus folgenden hohen Dieselpreise für die Transportunternehmen fordert BGL-Vorstandssprecher Engelhardt eine für die Branche verringerte Mineralölsteuer und damit einen günstigeren „Gewerbediesel“.

          Ohne dramatische Rhetorik reagieren dagegen die großen Logistikkonzerne. Von denen werden üblicherweise in langfristigen Verträgen Preisanpassungsklauseln vereinbart, um steigende Kosten an die Kunden weitergeben zu können. Konkrete Einschätzungen, wie sich die aktuelle Lage auswirkt, will aber etwa die Deutsche Post DHL nicht geben. Unter anderem stellt sich die Frage, ob und wie stark sich der Versand von Online-Bestellungen verteuern könnte.

          Die Deutsche Lufthansa versuchte schon, Reisende auf steigende Ticketpreise einzustimmen. Der höhere Ölpreis sowie steigende Gebühren an Flughäfen und für Sicherheitskontrollen machten das nötig. Ungewiss bleibt aber, ob eine Erhöhung in gewünschtem Maße gelingt. Weil Airlines weiterhin Geschäftsreisende fehlen, planen viele Gesellschaften mit mehr Flügen zu Urlaubszielen im Mittelmeerraum, was auf den Strecken dorthin für mehr Konkurrenz sorgen dürfte. Lufthansa-Finanzvorstand Remco Steenbergen zeigte sich dennoch zuversichtlich.

          Schwarzes Gold: eine Mineralölraffinerie am Oberrhein
          Schwarzes Gold: eine Mineralölraffinerie am Oberrhein : Bild: dpa

          Die Lufthansa habe den Treibstoffeinkauf stärker durch Termingeschäfte abgesichert – es gebe Hedging-Kontakte für 63 Prozent des Kerosinbedarfs. Während der Pandemie hatten Airlines Termingeschäfte zurückgefahren, da sie sich in Zeiten geringer Kerosinnachfrage mitunter auch als ungünstig erwiesen hatten. Lufthansa beteuert, schneller als andere wieder umgesteuert zu haben, 2021 hatte der Konzern nur 24 Prozent des Kerosinbedarfs über Hedging abgesichert.

          Straßenbau ist Öl-Nebenprodukt angewiesen

          Die Frage nach der Versorgung mit russischem Öl und nach dem Ölpreis plagt dagegen die Baubranche, vor allem die Straßenbauer. Das Bindemittel Bitumen ist essenzieller Bestandteil von Asphalt. Es fällt sozusagen als Nebenprodukt in Raffinerien ab. Das für die Bitumenherstellung besonders gut geeignete schwere Öl aus Russland macht nach Angaben des Deutschen Asphaltverbandes knapp ein Drittel der Lieferungen aus. „Die Abhängigkeit macht uns große Sorgen“, sagt Verbandsgeschäftsführer Marco Bokies der F.A.Z.

          Sollte also entweder Russland oder Deutschland die Ölzufuhr stoppen, wäre eine Ersatzbeschaffung nach seinen Worten schwierig. Raffinerien, die nicht an russischem Öl hängen, könnten nicht ohne weiteres ihre Kapazitäten erhöhen, schon weil viele von ihnen auch benachbarte Auslandsmärkte beliefern. Die Sorgen zeigen sich schon jetzt in einem erheblichen Preisanstieg: Seit vorigem Herbst habe sich der Bitumenpreis fast verdoppelt. Die besonders auf Öl und Gas angewiesene chemische Industrie warnt vor erheblichen wirtschaftlichen Folgen, sollten die Lieferungen aus Russland ausfallen. Nach den Worten von Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Chemieverbandes VCI, könnte die Lage für energieintensive Unternehmen „äußerst problematisch werden“. Die Gaspreise, ohnehin auf einem „historisch extrem hohen Niveau“ würden nach seinen Worten „explodieren“.

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