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Transition Towns : Schrumpfen von unten

Erst in den vergangenen Jahren sind diese Gedanken für den allgemeinen Wachstumsdiskurs wieder eingefangen worden. Der Oldenburger Ökonom Niko Paech hat in seinen Büchern den Begriff der Postwachstumsökonomie in Deutschland verankert. Auch der Soziologe Meinhard Miegel hat sich mit Untersuchungen wie „Exit: Wohlstand ohne Wachstum“ intensiv in die Debatte eingeschaltet. Der frühere wissenschaftliche Partner des langjährigen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf hat das „Denkwerk Zukunft“ gegründet – ein Netzwerk von Denkern, die über alternative Leitkonzepte zum Wachstum nachdenken.

Für einige Stoffe sind die Wachstumsgrenzen schon überschritten

In den vergangenen Jahren war er auch Mitglied der Bundestags-Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, die massenweise Papier ausgestoßen hat, aber eine unerfreuliche Erkenntnis transportiert hat: Für den Ausstoß einiger Stoffe wie Kohlendioxid und Stickstoff seien die Wachstumsgrenzen längst überschritten. Weil Einsparungen beim Energie- und Materialverbrauch immer wieder durch Zuwächse in ihrer Nutzung überkompensiert werden (die sogenannten Rebound-Effekte), sei eine Entkopplung von Wachstum und Umweltverbrauch so schwer, wie es einst die Ökologischen Ökonomen durch ihre Grundlagenarbeiten analysiert haben.

Rund 20 aktive Mitarbeiter umfasst die Transition-Initiative in Witzenhausen, die sich 2009 gegründet hat, nachdem die Idee von England herüberschwappte. „Wir hinterfragten die Hierarchie in der Gruppe und wurden basisdemokratisch“, sagt Hable, die erst zwei Jahre nach der Gründung dazu stieß. Immer wieder stellen sie sich strukturelle Fragen: Sollen sie eine lose Gruppe von Freiwilligen sein oder ein kommunalpolitisch ernstzunehmender Akteur?Die Ziele sind hochgesteckt. „Wir sehen Witzenhausen als Degrowth-Modellstadt“, sagt Hable und spielt damit auf ein ökonomisches Modell an, das durch freiwilligen Wachstumsverzicht auf Ölknappheit und Klimawandel reagiert. In einer strukturschwachen Region mit aufgeschlossenen Menschen könne man vieles ausprobieren, was andernorts nicht gehe.

Heike aus Bielefeld, Karin aus Göttingen

Ein sonniger Herbsttag in der Schwäbischen Alb: Auf halber Strecke zwischen Würzburg und Ulm liegt Schloss Tempelhof. In den vergangenen drei Jahren hat sich das frühere Dorf zu einem privat bewirtschafteten Öko-Kibbuz entwickelt. Hier finden Schulungen statt und Workshops zu Themen irgendwo zwischen Ökolandbau und Esoterik. Auf dem Abstelltisch vor einem Seminarraum liegt die Bibel der Transition-Bewegung ihres Gründers Rob Hopkins neben Christian Felbers „Die Gemeinwohl-Ökonomie“ und „Bescheidenheit – Für eine neue Ökonomie“ von Tomas Sedlacek und David Orrell.

An diesem Wochenende kommen die wichtigsten Protagonisten der deutschen Transition-Szene zusammen. Es stehen wichtige Debatten an: Wie muss man eine gemeinsame Charta formulieren, welche Rolle soll die Schaltzentrale in Bielefeld um Michael Schem und den Netzwerksprecher Gerd Wessling spielen, der einst von Rob Hopkins gebeten wurde, die Idee in Deutschland zu verbreiten. In einem turnhallengroßen Raum tröpfeln die Teilnehmer ein. Vom Band kommen seichte Jazz-Klänge, die man auch in einem Entspannungsseminar hören könnte. „Hallo, ich bin Heike aus Bielefeld“ – „Hallo, Karin aus Göttingen“.

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