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Tourismusbranche : Urlaub in Zeiten des Terrors

Unbesorgt am idyllischen Strand liegen: In Zeiten des Terrors hat das für viele Urlauber einen bitteren Beigeschmack. Bild: dpa

Tunesien, Ägypten, Türkei, Paris – so eine Ballung an erschütterten Zielen gab es noch nie. Das bekommt besonders die Tourismusbranche zu spüren. Die Attentäter haben bei den Urlaubern Angst gesät.

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          Angst ist ein schlechter Ratgeber – und ein schlechter Reisebegleiter. 2016 beginnt auch für deutsche Urlauber, die langjährigen Reiseweltmeister, mit der Sorge, sich für die schönsten Tage des Jahres vielleicht für das falsche Ziel zu entscheiden. In Istanbul, Paris, Port al Kantaoui in Tunesien und Scharm El-Scheich in Ägypten, aber jüngst auch in Indonesien und Burkina Faso gab es statt Erholung oder Anregung Terror mit Toten. Dass an anderen Tagen sich dort nichts Schlimmes ereignete, wischt die Angst nicht weg, zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.

          Timo Kotowski
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wann und wo das nächste Mal die Urlaubsidylle durch Terror ins Gegenteil verkehrt werden wird, ist für den einzelnen Urlauber unvorhersehbar. Die Verunsicherung ist ein Ziel der heimtückischen Attentäter. Deshalb ist nachvollziehbar, dass jeder fünfte Deutsche wahrscheinlich oder sicher seine Reisepläne ändern will. Andere zögern ihre Buchungen für den Sommer hinaus. In Reisebüros ist daher die Stimmung so schlecht wie seit Jahren nicht im Januar, in dem traditionell das Frühbuchergeschäft auf Hochtouren läuft.

          Dieses Jahr geht es um nüchterne Gefahreneinschätzung

          Natürlich begleiten Unruhen den Tourismus schon länger. Doch als in Kairo Regimetreue und Gegner kämpften, war der Urlaub am Roten Meer für manche mehr eine moralische Frage. Ist es ethisch zu rechtfertigen, in einem Land am Strand an der Bar den Cocktail zu genießen, wenn an anderer Stelle blutige Auseinandersetzungen toben? Oder trägt die Reisebranche vielleicht sogar zur Befriedung bei, weil Urlauber Geld ins Land bringen und Einheimischen Arbeit geben?

          Dieses Jahr geht es nicht mehr um Gewissensfragen, sondern um eine nüchterne Gefahreneinschätzung und Risikobewertung. Attentäter haben Angst gesät. Es ist leicht gesagt, dass eine Urlaubernation sich nicht von Terroristen die Reisefreiheit nehmen lassen soll. Doch welcher Reisende stellt seinen privaten Urlaub in den Dienst eines übergeordneten Ziels? Außerdem haben solche Appelle den Opfern und ihren Angehörigen nicht geholfen.

          Lange konnte die deutsche Reisebranche darauf verweisen, dass es mit ihr mehr als ein Jahrzehnt Urlaubsvergnügen ohne Terroropfer gegeben hatte. Dann aber starben auch deutsche Urlauber am Strand von Port El-Kantaoui und in Istanbul. Tunesien, Ägypten, Türkei, Paris – so eine Ballung an erschütterten Traumzielen gab es noch nicht. In der Vergangenheit hatte die Branche stets Ausweichziele parat. TUI, Thomas Cook und deutschen Reisebüros konnte es egal sein, wohin es die Reisenden zog. Denn die haben zuverlässig viel und früh gebucht.

          Reisehinweise des Auswärtigen Amtes reichen nicht mehr

          Nun dämpft die Angst das Geschäft mit dem Urlaub. Die Reisebranche muss lernen, damit umzugehen. Schon heute gilt: Wer eine Pauschalreise bucht, ist besser abgesichert als der Urlauber, der seine Unterkunft im Internet bei Booking.com oder Airbnb sucht. Die Pauschalreise enthält immer eine Pauschalzusage an die Kunden. Doch Pauschaltouristen genügt es nicht, dass die Anbieter ihre Kunden zurückholen, wenn es knallt. Sie möchten den Knall gar nicht erst erleben.

          Das kann in Zeiten des globalen Terrors niemand garantieren, aber in das Sicherheitsgefühl lässt sich investieren. Es reicht nicht mehr, auf Reisehinweise des Auswärtigen Amtes zu verweisen, um die Gefahren in einem Land zu beschreiben. Reiseanbieter müssen ergänzend informieren, zumal Europa bei Lageeinschätzungen nicht mit einer Stimme spricht. Kein Urlauber kann nachvollziehen, warum aus Behördensicht eine Reise für Belgier gefährlicher sein soll als für Deutsche. Vollends verwirrend wird es, wenn Deutschland Ägypten 2014 risikoreicher einstuft als Großbritannien und es 2015 genau andersherum ist.

          Die Bundesbürger hören nicht auf zu reisen. Die aktuellen Buchungseingänge sind mäßig, ein Desaster sind sie nicht. Aber Urlauber fordern mehr Flexibilität, wollen sich kurzfristiger festlegen. Daher sollte das Beispiel erster Reiseveranstalter Schule machen, die einfache Umbuchungen bis kurz vor der Anreise möglich machen. Diese Zugeständnisse kosten die Unternehmen zwar ein Stück Planungssicherheit und Geld. Doch auch die Idee, ein Umbuchungsrecht bis wenige Tage vor Hinflug zu verkaufen, werden Urlauber akzeptieren, wenn sie sich dadurch sicherer fühlen. Treue Kunden haben die Anbieter nötiger denn je: Der Pauschalreise-Badeurlaub ist kein Wachstumsmarkt mehr. Das Plus, das die Branche vermeldet, verdankt sie dem wachsenden Kreuzfahrtsegment.

          Die Tourismusbranche muss offen kommunizieren. Es war falsch, dass im Sommer Maulkörbe verteilt wurden, als publik wurde, wie stark die Tunesien-Buchungen einbrachen. Jeder, der es sehen wollte, konnte beobachten, wie über Nacht tunesische Flughäfen aus den Plänen von Fluggesellschaften verschwanden, weil Reisekonzerne Kontingente abbestellten. Manager, die in Tunis vorsprachen, machten dort deutlich, dass das Land selbst mehr in Sicherheit investieren muss. Solch ein ehrlicher Umgang mit den Risiken bringt langfristig mehr als fragwürdiges Schönreden. Das will der aus gutem Grund verunsicherte Urlauber sowieso nicht mehr hören.

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