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Tourismus : Schweizer Hoteliers fürchten Geisterstädte im Tessin

  • Aktualisiert am

Zwölf Prozent aller Wohnungen in der Schweiz sind Zweitwohnungen Bild: picture-alliance / gms

Die Zahl der Ferienwohnungen in der Schweiz steigt rasant. Viele davon sind Zweitwohnungen, die nur wenige Wochen im Jahr genutzt werden und sonst geisterhaft geschlossene Fensterläden zeigen. Die Schweizer machen nun mobil gegen die „kalten Betten“.

          Die Schweizer Baubranche freut es, doch die Bürger graust es: An den schönsten Flecken des Landes entstehen immer mehr „kalte Betten“, also Zweitwohnungen, die nur wenige Wochen im Jahr genutzt werden und sonst geisterhaft geschlossene Fensterläden zeigen. Im Oberengadin, in der Region um St. Moritz, ist schon in einem Volksbegehren gebilligt worden, den Bau von Ferienwohnungen zu begrenzen. Zermatt verfügte eine Erstwohnungsquote für Neubauten.

          Auch im Tessin, zum Beispiel am Lago Maggiore, gibt es Unmut, weil in Locarno gegenwärtig gleich drei Hotels in Zweitwohnungen umgewandelt werden. Die lokale Tourismusbranche sieht dies keineswegs mit Wohlgefallen, weil Besitzer von Ferienwohnungen weniger Wertschöpfung bringen als Hotelgäste.

          „Geisterstädte“ verhindern

          Auch Schweizer Landschaftsschützer haben jetzt Alarm geschlagen. Sie fürchten eine weitere Zersiedelung, wenn auch Ausländer unbeschränkt kaufen dürfen. Bisher gibt es für sie kantonale Kontingente (Lex Koller) von maximal 1.500 Wohnungen im Jahr. Die Regierung in Bern plant, diese Diskriminierung zu beseitigen, weil sie das Image des Landes nicht gerade hebt und irgendwann europäische Sanktionen hervorrufen könnte.

          Nach Ansicht der Stiftung Landschaftsschutz (SL) darf die Regierung die Ausländerbeschränkung nur dann aufheben, wenn in jenen Regionen, die schon jetzt in Zweitwohnungshalden zu ersticken drohten, Kontingente oder fiskalische Abgaben für alle Bauherren eingeführt werden, also für Einheimische und Fremde. Die Landschaftsschützer erhielten dabei Rückendeckung vom Schweizer Tourismus-Verband (STV). Eine Lockerung für Ausländer ohne Steuerung des Zweitwohnungsbaus, glaubt der Verband, würde sich auf den Tourismus negativ auswirken.

          1.000 neue Wohnungen pro Jahr

          Trotz des Schutzes des heimatlichen Bodens, den es seit über 40 Jahren unter diversen Bezeichnungen (Lex Friedrich, Lex Koller) gibt, hat es die Schweiz - im Gegensatz zum touristischen Konkurrenten Tirol - nicht geschafft, in Ferienregionen die Zahl der kalten Betten einzudämmen und damit saisonale „Geisterstädte“ zu verhindern. Innerhalb von 20 Jahren hat sich die Fläche von Zweitwohnungen verdoppelt, weil nicht allein reiche Zürcher gerne im Engadin oder im Tessin bauen. Die Stiftung schätzt, daß es zur Zeit 450.000 Zweitwohnungen in der Schweiz gibt; das sind 12 Prozent aller Wohnungen. Im Oberengadin sind es gar 58 Prozent, wobei wegen der Kontingente nur etwa 10 bis 20 Prozent Ausländern gehören.

          In letzter Zeit hat sich der Bauboom noch verstärkt, kommen jährlich knapp 10.000 Wohnungen hinzu. Denn die Zinsen sind auf Rekordtief; Hypotheken mit zehn Jahren Laufzeit sind in der Schweiz schon unter 3 Prozent Zins zu haben. Auch Großinvestoren parken immer mehr Kapital in Zweitwohnungen, weil die Anleiherenditen so gering sind. Teilweise wird bereits auf Vorrat gebaut, weil man eine spätere Kontingentierung auch für Schweizer fürchtet. Dabei gehen die Investoren überhaupt kein Risiko ein: Die Wertsteigerung der Immobilien war und ist hoch. Der Kauf einer Wohnung in St.Moritz ist mit 10.000 Franken (6.500 Euro) je Quadratmeter doppelt so teurer wie im Schweizer Durchschnitt und auch teurer als im österreichischen Promi-Treff Kitzbühel.

          Mehr Gebühren für die Besitzer

          Eine Beseitigung der Ausländer-Kontingente ist für die Investoren wie eine Versicherung gegen Preisrisiken. Für die Stiftung dagegen wäre dies der Bruch eines wichtigen Ventils, und ohne eine Lenkung der Nachfrage würde man, so Geschäftsführer Raimund Rodewald, den Ferienregionen „einen Bärendienst erweisen“. Denn hier ist mehr Bauland ausgewiesen als in städtischen Regionen.

          Die Stiftung verlangt daher Kontingente in Gebieten, in denen es bereits mehr als 30 Prozent Zweitwohnungen gibt. Zudem fordert man neue fiskalische Gebühren, damit Wohnungsbesitzer sich mehr als bisher an den Kosten der Infrastruktur beteiligen. Wenn Kantone gewisse Richtwerte in der Planung nicht einhalten, sollten sie keine Bundessubventionen mehr bekommen.

          Um den Einfluß der lokalen Bau- und Makler-Lobby einzudämmen, würde die Stiftung am liebsten dem Bund die Kompetenz übertragen, die Zahl der Zweitwohnungen auf jährlich 3.000 und damit auf etwa ein Drittel der jetzigen Neubauten zu begrenzen. Doch dies ist in der föderalistischen Schweiz wohl eine Illusion, denn dazu müßte die Verfassung geändert werden, die den Kantonen weit mehr Rechte zugesteht als deutschen Bundesländern.

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