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Tourismus auf Mallorca : Champagner statt Sangria

  • -Aktualisiert am

Vorbild: Der Yachthafen von Portal Nous ist nach dem Geschmack des Tourismusdezernenten von Palma de Mallorca. Von Eimern ist weit und breit nichts zu sehen Bild: LAIF

Mallorca will keinen Billig-Tourismus mehr, sondern Qualität. Das Manöver ist riskant. Nur vom Jetset und deutschen Managern kann die Insel nicht leben. Die Chinesen müssen her.

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          Eine Strandkirche und ein paar Sommerhäuschen: Viel mehr existierte nicht, als die ersten Deutschen die Balearen-Insel Mallorca eroberten. 1956 waren am Strand von El Arenal noch Schilder aufgestellt, auf denen es hieß: „Dies ist ein Land mit höchster Moral“. Bikinis waren verboten, nur Badeanzüge erlaubt, Männer und Frauen gingen getrennt baden. Diese prüden Zeiten sind lange vorbei. Seit den neunziger Jahren ist Mallorca eher für exzessives Feiern und das Trinken von Eimern voller Alkohol am Ballermann 6 bekannt, der berüchtigten Party-Meile an der Playa de Palma.

          All das soll nun endgültig vorüber sein? „In den nächsten fünf bis sechs Jahren werden wir das Erscheinungsbild an der Playa de Palma um 180 Grad drehen. Den Ballermann wird es in dieser Form nicht mehr geben“, sagte Alvaro Gijon, Vize-Bürgermeister von Palma de Mallorca Anfang dieser Woche der „Bild“-Zeitung. Die Party-Meile auf der Insel solle ein edleres Gesicht erhalten: Hotels sollen auf 4 und 5 Sterne hochgerüstet werden, gute Restaurants und Sportangebote den Strand säumen, in einem Touristen-Casino soll künftig um Tausende gespielt werden. Statt auf deutsche Pauschaltouristen will er in Zukunft auf Reisende aus Dubai setzen. Vorbild für das neue Mallorca seien Orte wie St. Tropez und Miami. Denn: „Dieser Sauf-Tourismus ist nicht mehr zeitgemäß“, weiß Gijon. Während der Woche ruderte er wieder ein wenig zurück und sprach nur noch davon die Exzesse einzudämmen. Deutsche seien natürlich weiterhin willkommen. Eine Neuausrichtung hält er dennoch für nötig, sagte er dieser Zeitung im Gespräch.

          600.000 Urlauber reisen jährlich an die Playa de Palma

          Soll es also keinen Wodka oder Sangria mehr aus Eimern geben? Feines Iberico-Schwein mit Datteln gefüllt statt Sauerkraut mit Würstchen? Fünf-Sterne Hotels statt Bettenburgen ? „Dieser Schwenk wird schwierig“, sagt Karl Born, ehemaliger Chef des Reiseveranstalters Tui Deutschland und nun Professor für Touristik an der Hochschule Harz in Wernigerode. Mallorca sei zwar wunderschön, habe aber wegen des Ballermanns immer noch ein schlechtes Image. Der Konkurrenzkampf zur Türkei sei hart. Ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Problem: In Ibiza feiert man schon seit Jahren mit cooler elektronischer Musik und zieht damit ein anderes Klientel an, das gerne mal 100 Euro als Eintritt für eine Party mit einem weltbekannten DJ hinlegt.

          Trinken aus Eimern - ein öffentliches Ärgernis am Playa de Palma auf Mallorca?
          Trinken aus Eimern - ein öffentliches Ärgernis am Playa de Palma auf Mallorca? : Bild: dpa

          Als Wiege des Pauschaltourismus gefeiert, war die Playa de Palma einst ein Aushängeschild Mallorcas. Doch in den achtziger Jahren verkam der sechs Kilometer lange Strandabschnitt zwischen Can Pastilla und El Arenal. Etwa 600.000 Urlauber reisen jedes Jahr an die Playa de Palma, um den Mix aus Sonne, Strand und Parties zu genießen.

          Dabei bietet die Anzahl der Besucher für die verantwortlichen Tourismusbehörden auf den ersten Blick eher kein Anlass für Klagen. Mittlerweile verbringen mehr als 4 Millionen Deutsche jährlich ihren Urlaub dort. „Für die deutschen Airlines und Reiseveranstalter ist Mallorca, insbesondere der Ballermann, ein Urlaubsort mit verlässlicher Nachfrage“, sagt Karl Born. 1960 besuchten rund 360.000 Besucher die Insel, 1970 waren es bereits mehr als 2 Millionen. 2012 kamen rund 10 Millionen Touristen. Deutsche und Briten bleiben die Hauptkundschaft, die Zahl der Urlauber aus den beiden Ländern stieg um 4,8 beziehungsweise 10,5 Prozent. Auch immer mehr Skandinavier entdecken die Insel für sich.

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