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Tourismus : Ägypten spaltet die Reisebranche

Wie gefährlich sind Reisen nach Ägypten? Die Reiseveranstalter sind uneins. Bild: dpa

Reisen nach Ägypten absagen oder nicht? So viel Uneinigkeit herrschte selten unter den Touristikern. Vordergründig geht es um unterschiedliche Einschätzungen zur Sicherheit, hinter den Kulissen befeuern wirtschaftliche Interessen den Streit.

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          Mit dem Frieden in der Reisewelt ist es vorbei. Und das hat nicht mit Straßenschlachten in Nordafrika, wohl aber mit Ägypten zu tun. Von den größten Reiseveranstaltern hierzulande haben TUI, Thomas Cook und Alltours bis vorerst zum 15. September sämtliche Reisen an das Rote Meer abgesagt. Die Kunden des Münchner Anbieters FTI und von Schauinsland-Reisen aus Duisburg dürfen hingegen weiter nach Hurghada, Marsa Alam und Scharm Al Scheich aufbrechen. Und DER Touristik aus der Rewe-Gruppe hat angekündigt, Mitte September von einem Branchenlager ins andere zu wechseln. Für die Marken ITS, Tjaereborg und Jahn-Reisen soll am 15. September der zunächst ausgerufene Reisestopp enden.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Von der sonst üblichen Einigkeit der Branche in möglichen Krisenfällen ist nicht viel geblieben. „Wir sind zu unterschiedlichen Einschätzungen der Sicherheitslage gekommen“, sagt der für Vertrieb und Marketing zuständige FTI-Geschäftsführer Ralph Schiller. Andere wettern, FTI und auch Schauinsland seien aus dem „Branchenkonsens“ ausgeschert. Und hinter den Kulissen beharken sich die Touristiker mit allerlei Vorwürfen.

          Der Konsens endete mit einer Telefonkonferenz

          Der so genannte Branchenkonsens endete mit einer Telefonkonferenz, zu der Vertreter der Urlaubsunternehmen und das Auswärtige Amt am 16. August zusammengeschaltet waren. Das Auswärtige Amt machte - so lauten übereinstimmende Schilderungen - den Reiseveranstaltern unmissverständlich klar, dass man es im für die Einschätzung von Sicherheitsrisiken zuständigen Amt nicht mehr wünscht, dass noch Urlauber aus Deutschland nach Ägypten gebracht werden. Andernfalls müsse das Ministerium von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) eine Reisewarnung aussprechen. Die Touristiker hätten dann eine Rückholaktion starten müssen. Ein Kraftakt mitten in der Hauptferienzeit. Sonderflüge für bis zu 50.000 Urlauber, Gedränge, Zusatzkosten und möglicherweise Panik von verängstigten Urlaubern inklusive.

          Das wollten die um das Ansehen der Pauschalreise besorgten Touristiker verhindern. Kurz nachdem die Telefonkonferenz beendet war, verkündeten die ersten, ihr Ägyptengeschäft zu unterbrechen. Allerdings nicht komplett: Urlauber vor Ort durften wie gebucht bleiben, was auch Tumulte in den Flughafenterminals verhindern sollte. Ähnlich schnell wurde aber auch klar, dass das Auswärtige Amt nicht alle Anbieter von seiner Linie - keine neuen Urlauber, aber keine offizielle Reisewarnung wie 2011 - überzeugt hatte.

          „Wir sahen einen Widerspruch darin, die Reiseverträge für künftige Urlauber zu kündigen, die Verträge mit Urlaubern vor Ort aber nicht“, sagt FTI-Geschäftsführer Schiller. „Nach unseren Erkenntnissen hat sich die Sicherheitslage am Roten Meer in den vergangenen Wochen nicht verändert“, fügt er hinzu. Also räumte man Kunden nur das Recht zum Stornieren oder Umbuchen ein. Die Mehrzahl soll diese Möglichkeit genutzt haben. Wer aber im Roten Meer schwimmen und schnorcheln wollte, wurde und wird weiter hingeflogen - zum Missfallen der Konkurrenten.

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