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Thyssen-Krupp und Dofasco : „Herr Mittal hat uns angerufen“

  • -Aktualisiert am

Lachender Dritter: Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz Bild: dpa/dpaweb

Die Nachricht vom Mittal-Gebot für Arcelor schlug auf der Jahreshauptversammlung des Thyssen-Krupp-Konzerns ein wie eine Bombe. Jetzt rückt für Thyssen-Krupp das schon aufgegebene Ziel, Dofasco zu übernehmen, in greifbare Nähe.

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          Einen spannenderen Termin als den Tag, an dem die gesamte Stahlwelt auf den Kopf gestellt wurde, hätte sich der Düsseldorfer Thyssen-Krupp-Konzern für seine diesjährige Hauptversammlung kaum aussuchen können. Und so schlug die Nachricht vom feindlichen Mittal-Gebot für den Luxemburger Stahlriesen Arcelor im Bochumer Kongreßzentrum ein wie eine Bombe. Denn jetzt rückt für Thyssen-Krupp das schon aufgegebene Ziel, das kanadische Stahlunternehmen Dofasco zu übernehmen, in greifbare Nähe.

          Die Aktionärsaussprache war längst in vollem Gange, als Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme als Versammlungsleiter die Diskussion wegen einer „wichtigen Mitteilung“ unterbrach. Und dann ergriff Vorstandschef Ekkehard Schulz das Wort: Thyssen-Krupp habe mit der Mittal Steel Company Ltd. eine Vereinbarung unterzeichnet, wonach der britische Stahlkonzern Thyssen-Krupp den Erwerb von Dofasco anbiete, erklärte Schulz den rund 6000 versammelten Aktionären.

          „Nach unserer Pressekonferenz am Dienstag hat Herr Mittal angerufen und uns seinen Vorschlag unterbreitet. Er gilt für den Fall, daß er mit seinem Übernahmeangebot für Arcelor erfolgreich ist.“ An besagtem Dienstag hatte der Düsseldorfer Stahl- und Investitionsgüterkonzern seinen Ausstieg aus dem am Ende zu teuer gewordenen Bietergefecht um Dofasco erläutert. Auf die von Arcelor zuletzt offerierten 71 Euro je Dofasco-Aktie wollten Schulz und seine Vorstandskollegen nicht mehr eingehen. Nun haben sich Mittal und Thyssen-Krupp auf einen Übernahmepreis von 68 kanadischen Dollar je Aktie oder insgesamt rund 4 Milliarden Euro geeinigt. Das entspricht dem letzten von Thyssen-Krupp abgegebenen Gebot. „Damit bleibt für den Konzern die Möglichkeit bestehen, in wirtschaftlich sinnvollem Rahmen diesen strategisch bedeutsamen Schritt für profitables Wachstum in der Nafta-Region zu tun“, sagte Schulz in der Hauptversammlung.

          „Thyssen muß man küssen“

          Die Aktionäre quittierten die unerwartete Nachricht mit reichlich, aber nicht unbedingt frenetischem Applaus. Zuvor hatten sich einige Aktionärsvertreter in ihren Redebeiträgen damit abgefunden, daß es mit dem Engagement in Kanada nichts würde, hatten den Vorstand für seine Preisdisziplin gelobt. „Thyssen muß man küssen, das habe ich schon immer gesagt“, kommentierte Aktionär Bernd Günther, der in diesen wichtigen Minuten gerade das Glück hatte, am Rednerpult zu stehen, die plötzliche Wende.

          An der Börse kamen die neuen Übernahmephantasien im Stahlmarkt gut an. Die Thyssen-Krupp-Aktie zog am Morgen um mehr als 8 Prozent auf zeitweise über 22 Euro an und war damit Gewinner im Dax. Der Kurs sei hart wie Stahl, meinte ein Händler dazu. „Thyssen-Krupp kann die Übernahme aus eigener Kraft finanzieren“, sagte ein Unternehmenssprecher am Rande der Hauptversammlung. Auch Schulz hatte in seiner Eingangsrede darauf verwiesen, daß der Konzern im Geschäftsjahr 2004/2005 (30. September) nicht nur den höchsten Vorsteuergewinn seit der Fusion erzielt, sondern auch die Netto-Finanzverbindlichkeiten vollständig abgebaut habe. Das Unternehmen wird auch das mit Dofasco für den Fall einer Niederlage vereinbarte Ausfallgeld von 215 Millionen Euro einstreichen, wurde dieser Zeitung bestätigt.

          „Wir haben nichts zu verschenken“

          Wie Schulz den Aktionären weiter berichten konnte, ist der Konzern gut in das neue Geschäftsjahr gestartet. Nach den ersten vorläufigen Eckdaten lag der Auftragseingang in den ersten drei Monaten mit 11,6 Milliarden Euro um 6,7 Prozent über dem Vorjahr. Beim Umsatz wurde ein Plus von mehr als 8 Prozent auf 10,9 Milliarden Euro erreicht. Das Vorsteuerergebnis wird nach seiner Darstellung voraussichtlich bei mehr als 400 Millionen Euro liegen. Auch für das Gesamtjahr zeigte er sich zuversichtlich gestimmt. „Unser Ziel beim Ergebnis vor Steuern liegt im laufenden Jahr in der Größenordnung von 1,5 Milliarden Euro. Das wäre das dritte Jahr in Folge, in dem wir diese Gewinnmarke erreichen, und ein Zeichen für unsere nachhaltige Ertragskraft.“

          Beim Umsatz peilt der Konzern eine Größenordnung von 43 Milliarden Euro an. Mittelfristig haben sich die Düsseldorfer allerdings weit ehrgeizigere Ertragsziele gesetzt. „Wir wollen ein nachhaltiges Ergebnis vor Steuern von 2 Milliarden Euro erwirtschaften“, legte Schulz die Meßlatte hoch. Der Umsatz soll zwischen 45 und 50 Milliarden erreichen, wobei die rund 4,2 Milliarden Euro Dofasco-Umsatz noch nicht berücksichtigt sind. Finanzvorstand Stefan Kirsten beruhigte mehrere Aktionärssprecher, die sich skeptisch zu Planungen von RAG-Chef Werner Müller geäußert hatten, wonach die Altgesellschafter Thyssen-Krupp, RWE und Eon ihre Anteile im Rahmen des RAG-Börsengangs zu einem symbolischen Preis von einem Euro abgeben sollen: „Wir haben nichts zu verschenken und werden das genau prüfen.“

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