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Stahl-Kommentar : Zeitenwende für Thyssen-Krupp

Ein Mitarbeiter auf dem Gelände eines Stahlkonzerns in Salzgitter. Bild: dpa

Das unberechenbare Stahlgeschäft passt nicht mehr ins Programm. Denn die nächste Krise wird kommen.

          Wenn es ein bildstarkes Symbol dessen gibt, was gern als „Old Economy“ bezeichnet wird, ist es die Stahlindustrie: Arbeiter in silberglänzenden Schutzanzügen, funkenstiebende Eisenschmelze, Hochöfen mit einer Patina aus Rost und Staub. Aber das Kopfkino zeigt auch Hüttenwerke, die nur noch als Industriedenkmal dienen, und es weckt Erinnerungen an Krisen vergangener Jahre, als wütende Stahlkocher um ihre Arbeitsplätze kämpften. Im Augenblick scheinen diese schwierigen Zeiten sehr weit zurückzuliegen. Ob Thyssen-Krupp, die Salzgitter AG als deutsche Nummer zwei oder die Werke an der Saar: Überall sind die Auftragsbücher prall gefüllt und sprudeln die Gewinne wie seit Jahren nicht mehr. Ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Stahlkonjunktur also verabschiedet sich Thyssen-Krupp von Hochöfen und Hüttenwerken, die den Ruhrkonzern einst groß gemacht haben.

          Mehr als 200 Jahre nach dem ersten Hochofen-Anstich soll eine neue Zeitrechnung anbrechen. Konzernchef Heinrich Hiesinger sucht sein Heil in der New Economy aus Hochtechnologie: in einer neuen Generation von Aufzügen, in Autolenkungen, intelligenten Dämpfersystemen und Leichtbaukomponenten, in Industrieanlagen, Schiffen und U-Booten. Das unberechenbare und konjunkturabhängige Stahlgeschäft passt da nicht mehr ins Programm. Für den Schwenk gibt es gute Gründe, zumal für einen bilanziell so schwachen Konzern wie Thyssen-Krupp, der sich große Rückschläge nicht erlauben kann. Noch glänzen die Hochöfen, aber beim Stahl gilt auch: Die nächste Krise wird kommen. Denn noch immer belasten Hunderte Millionen Tonnen Überkapazitäten die weltweiten Märkte. Die EU-Schutzzölle halten die asiatische Konkurrenz vorerst auf Distanz, dafür droht eine Eskalation des Handelsstreits mit den Vereinigten Staaten. Die Hochkonjunktur an den Hochöfen steht auf brüchiger Grundlage. Dann ginge es weiter wie in all den Jahren vordem: mit einer Sparrunde nach der anderen, um Margen und Gewinne zu sichern – auch zu Lasten der Beschäftigten.

          Mit dem Gemeinschaftsunternehmen entsteht hinter Arcelor-Mittal ein zweiter starker europäischer Kern der Stahlindustrie. Perspektivisch macht ihn der angepeilte Börsengang sogar zum Kristallisationspunkt für weitere Zusammenschlüsse. Für wichtige Branchen der deutschen Industrie steckt darin eine positive Entwicklung. Wenn Autohersteller und Maschinenbauer technisch an der Spitze bleiben wollen, brauchen sie die von Umweltschützern angeprangerte und von der Politik vernachlässigte Old Economy des Stahls: in Form von Hochqualitäts-Werkstoffen, maßgeschneidert legiert, gewalzt und verarbeitet für die Bedürfnisse der jeweiligen Kunden, am besten just in time von den Produktionsbändern der Stahlindustrie angeliefert. Die enge Verzahnung zwischen Hüttenwerken, Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Zuliefersparten und ihrer Kunden ist nicht die unwichtigste Zutat zum Erfolgsrezept. Stahl gibt es überreichlich in der Welt, aber solche engen Wertschöpfungsketten funktionieren nun einmal am besten mit Partnern in der Nähe. Mit seiner Bündelung von Kapazitäten, Finanz- und Forschungskraft kann der neue Stahlverbund dazu beitragen, dieses für die deutsche Industrie entscheidende Zusammenspiel abzusichern.

          Keine Ruhe

          Für Thyssen-Krupp wiederum ist nun der Weg frei für den eigenen Kurswechsel. Hiesinger steht unter wachsendem Erfolgsdruck. Als Retter hat er sich bewiesen, als es 2001 Spitz auf Knopf für den Traditionskonzern stand, aber dieser Lorbeer wird welk. Jetzt muss er eines der wohl größten Umbauprojekte in der deutschen Industriegeschichte hinbekommen. Ungeduldige Investoren sitzen ihm im Nacken, vorneweg die Beteiligungsgesellschaft Cevian und der aggressive Elliott-Fonds. Immer wieder gab es Rückschläge, von den angepeilten Margen oder gar den Werten der branchenbesten Unternehmen ist Thyssen-Krupp weiterhin ein gutes Stück entfernt. Nicht einmal der größte Hoffnungsträger, die Aufzugssparte, erfüllt bisher die Erwartungen. Im Anlagen- und Schiffsbau hält nur ein schmerzhaftes Sanierungsprogramm, dem auch zahlreiche Arbeitsplätze zum Opfern fallen, die Margen halbwegs über Wasser.

          Zum Gemischtwarenladen Thyssen-Krupp gehört auch immer noch der direkt vom Stahl abhängige Werkstoffhandel. In dieser Konglomerat-Struktur wird nicht alles so bleiben können, wie es ist. Das Industrie-Portfolio umfasst durchweg Sparten, in denen Thyssen-Krupp riesigen Aufwand betreiben muss, um am Ball zu bleiben und irgendwann ganz vorne mitspielen zu können. Allein Forschung und Entwicklung verschlingen jedes Jahr viele hundert Millionen, die sich bei den üblichen Innovationszyklen erst nach sechs bis acht Jahren bezahlt machen. Und es wollen neue Werke und Anlagen gebaut und instand gehalten werden. Hiesingers Stahllösung verschafft finanziell Luft, möglicherweise sogar für kleinere Übernahmen. Trotzdem stellt sich immer drängender die Frage, ob es nicht besser wäre, sich auf ausgewählte Wachstumsfelder zu konzentrieren. Solange es darauf keine überzeugende Antwort gibt, wird bei Thyssen-Krupp keine Ruhe einkehren.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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