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Zukunft des Kapitalismus : Gefährliche Investoren im Anflug

  • -Aktualisiert am

Vielleicht ginge es dem Unternehmen besser, hätte es auch den Weg für schnelle Investoren gesperrt. Bild: dpa

Ist Thyssen-Krupp die Blaupause für einen Aktionärs-Kapitalismus angelsächsischer Prägung? Dafür gibt es Anzeichen. Politik und Gesellschaft sollten das verhindern. Ein Gastbeitrag.

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          Nein, der aufeinander folgende Rücktritt des Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzenden der Thyssen-Krupp AG ist kein rein mikroökonomisches Ereignis, sondern eine Entwicklung von zutiefst makroökonomischer Dimension. Sie markiert auch nicht den vorläufigen Tiefpunkt in der traurigen Geschichte einer deutschen Industrie-Ikone, sondern setzt den Auftakt zu einer fundamentalen Veränderung unserer Unternehmenslandschaft mit weitreichenden Auswirkungen bis hin ins Gesellschaftliche.

          Die Frage, wer bei Thyssen-Krupp wann in der Vergangenheit welche Fehlentscheidungen getroffen hat, ist dabei müßig. Entscheidend ist vielmehr, dass mit dem abrupt entstandenen Führungsvakuum die Türen für diejenigen Kräfte im Aktionariat weit, zu weit, geöffnet wurden, die das Ende des Konzerns zu exekutieren und im Rahmen von Zerlegung und Schlussverkauf in Einzelteilen sich an seinen Werten zu laben suchen. Was auf dem Spiel steht, ist nichts Geringeres als das, was dieses Land nach dem Zweiten Weltkrieg gesellschaftlich wie ökonomisch auf stabilem Pfad dorthin gebracht hat, wo es heute steht, nämlich von vielen draußen in der Welt beneidet zu werden für seinen Wohl- und Anstand.

          Beides, Wohlstand und Anstand, sind Errungenschaften, die unmittelbar Ausfluss und Bedingungen zugleich unseres Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells, der sozialen Marktwirtschaft, darstellen. Errungenschaften, denen die beteiligten Fonds angelsächsischer Prägung mit nüchterner Irrelevanz begegnen. Auf die bevorstehende Zerlegung von Thyssen-Krupp als Blaupause zur Restrukturierung der Deutschland AG und damit auch der Erschütterung unserer gelebten sozialen Marktwirtschaft haben die Apologeten eines radikalen Kapitalismus lange gewartet.

          Jetzt ist sie da, die Stunde des Aktionärs-Kapitalismus angelsächsischer Prägung, und ein erfolgreicher Vollzug im Falle Thyssen-Krupp wird die Nachahmer in Scharen wie das Licht die Fliegen anziehen. Eliot & Co. wird dabei nur der Lorbeer des Pioniers und Eisbrechers verbleiben. Viele werden folgen. Die nächsten Zielscheiben sind dabei bereits ausgemacht, und ein Blick in Dax und M-Dax wirft diese Schatten mannigfaltig voraus. Bis hin zum Giganten Siemens wird nichts mehr sicher sein vor den messerscharf und in ihrer eigenen Logik stringent geführten Angriffen der aktivistischen Fonds. Somit wird aus einem vermeintlich mikroökonomischen Event die Gefahr eines fundamentalen Paradigmenwechsels, der unser Land in der langen Linie vielleicht so sehr verändern wird wie das allseits leidige Thema Migration.

          Es tut daher not, den Fokus der politischen und gesellschaftlichen Debatte darauf umzulenken und mikro- wie makroökonomische Strategien zu entwickeln, um das zu bewahren und gleichsam zu modernisieren, was uns bis heute wirtschaftlich und moralisch getragen hat, nämlich eine auf sozialen Ausgleich, dem konstruktiven Miteinander von Arbeit und Kapital sowie an ordnungspolitischen Leitprinzipien ausgerichtete soziale Marktwirtschaft deutscher Prägung. Dafür lohnt es sich zu kämpfen, und in diesem Lichte erscheinen die persönlichen Entscheidungen der beiden Topmanager zwar menschlich nachvollziehbar, im Kern aber erschreckend verantwortungslos.

          Dirk Notheis ist Geschäftsführer von Rantum Capital.

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          Dirk Notheis ist Geschäftsführer bei Rantum Capital

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