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Insolvenz von Thomas Cook : Tränen am Last-Minute-Schalter

Warten am Check-In-Schalter von Condor im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens am Montag nach der Pleite von Thomas Cook Bild: AP

Am Terminal 1 des Frankfurter Flughafens hat sich die Welt mit der Pleite von Thomas Cook geteilt: In jene, die noch fliegen können, und in jene, die auf einmal nicht mehr dürfen. Ein Besuch.

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          Neckermann Reisen, Öger Tours und all die anderen Tochtergesellschaften, die von der Insolvenz des Reiseanbieters Thomas Cook betroffen sind, werden an diesem Montagmittag im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens mit Wörtern beschimpft, die nicht zum Aufschreiben gedacht sind. Es ist nicht so, dass jemand schreit, viele harren einfach nur stumm neben ihren für zehn, zwölf, dreizehn Tage gepackten Koffern aus, während der Mitreisende am Telefon in irgendeiner Warteschleife hängt.

          Sarah Obertreis

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Ein Flughafenmitarbeiter erklärt einer alten Dame im Rollstuhl das Problem und dass sie ihr Geld bestimmt wiederbekomme, auch wenn es etwas komplizierter werden könnte, sie reibt sich das Kinn und sagt „Ja“, mit einem Fragezeichen hinten dran. Die Servicecenter der Reiseanbieter, die von der Insolvenz betroffen sind, bleiben unbesetzt, die Lichter sind aus, die Glastüren zugezogen.

          Für diejenigen, die einfach nur mit Condor gebucht haben, ist das kein Problem. „Wenn sie das nicht im Radio gehört hätte, hätte ich von dieser Insolvenz gar nichts mitbekommen“, sagt eine Mutter, auf ihre Tochter deutend, mit der sie nach New York unterwegs ist. Sie lacht ein Urlaubsvorfreudelachen.

          Eine andere Mutter, drei Meter entfernt, lacht auch, aber es ist ein verzweifeltes Was-sollen-wir-tun-Lachen. Ihr Mann telefoniert gerade mit dem Rechtsanwalt, Öger Tours war nicht mehr zu erreichen. Das Ehepaar wollte mit seinen beiden Kindern, dem Schwiegersohn und dem kleinen Enkel für 13 Tage nach Antalya. Die Schwester der Mutter wartet dort schon auf den Rest der Familie.

          Das Hotel ist reserviert, aber Öger Tours hat es noch nicht bezahlt. Die Familie könnte den ganzen Urlaub noch mal buchen – 300€ pro Person für den Flug und ein Vielfaches für das Hotel –, aber so viel muss man erst einmal spontan ausgeben können.

          Nebenan streitet ein Paar gerade über den gemeinsamen Kontostand, er sagt, er sei zu niedrig, sie sagt, er sei hoch genug. Sie setzt sich durch, und die beiden gehen zum Last-Minute-Ticket-Schalter von Condor. Dort warten heute keine Spontan-Urlauber, sondern Menschen, die sich minutiös auf ihre Reise vorbereitet haben – eigentlich. Einige geben sich Mühe, nicht in Tränen auszubrechen. Das klappt nicht immer und manche sind kurz vor dem Nervenzusammenbruch.

          Der DJ Michael Schüler steht neben dem Schalter. „Mir ist das scheißegal, ob ich heute, am Mittwoch oder gar nicht fliege, aber für die Urlauber ist das richtig übel“, sagt er. Ihn störe eigentlich nur, dass am Morgen noch nichts davon bekannt war, dass Condor nicht alle mitnehmen würde. Jetzt ist er extra von Köln zum Flughafen gefahren.

          Schüler sollte in einem Neckermann-Club auf Zypern auflegen, aber der Flug nach Lanarca geht in einer halben Stunde – und er darf nicht mit. In Deutschland sind von der Pleite mindestens 340.000 Reisende betroffen, 21.000 wollen Montag oder Dienstag losfliegen und kommen nun, wie hier in Frankfurt, voraussichtlich nicht weg.

          „Es ist die Hölle“

          „Wir sind nicht im System, einfach nicht drin“, formuliert es ein älterer Herr, dem in der klimatisierten Abflughalle ein einzelner Schweißtropfen über die Stirn läuft. Seine Frau kann noch lachen, sie hat schon Palmenohrringe passend für Antalya angelegt, aber die Überraschung darüber, wie viel Pech man haben kann, steckt auch ihr sichtbar in den Knochen. Öger Tours ist auch hier nicht zu erreichen, und der Sohn ist schon seit zwei Tagen in der Türkei.

          An den Backpackern, die mit einem nervösen Anruf bei Condor davon gekommen sind, weil sie aus Prinzip keine Pauschalreisen buchen, laufen zwei  Männer vorbei, die versuchen, was die meisten Betroffenen schon aufgegeben haben: Hilfe vor Ort zu finden.

          Einer dieser Männer, Mitte 30, sagt: „Ich bin das erste Mal auf einem Flughafen, und es ist die Hölle.“ Zehn Tage Mallorca – einfach so gestrichen. Über den Bildschirm am Flughafen-Regionalbahnhof läuft die Nachricht: „Pleite bei Thomas Cook: Wie es nun weitergeht“.

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