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Zehn Jahre Tsunami : „Es würde wieder genauso enden wie beim letzten Mal“

Vor zehn Jahren wurde dieses Polizeiboot vom Tsunami an Lang geschleudert - nun wird es in Khao Lak zum Denkmal. Bild: Reuters

Vom Ort der Apokalypse, der Khao Lak in Thailand vor zehn Jahren war, ist vor den Gedenkfeiern nichts mehr zu sehen. Inzwischen ist der Ferienort wohlhabender denn je. Doch auch die neue Idylle ist trügerisch.

          Som ist jetzt 31 Jahre alt und hat einen Traumjob. Im Rücken das Andamanische Meer, mixt er in einer Bambushütte eine Bloody Mary für die Gäste des Edelhotels „La Flora“. Willi aus Regensburg blickt derweil aufs Meer und freut sich am Sonnenuntergang. Er radebrecht mit Som und gibt ihm später ein sattes Trinkgeld. Willi weiß aber nichts von Som.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Streift Som, der eigentlich Sedyusob Mouhammad heißt, seine Hoteluniform nach Schichtende ab, betritt er eine andere Welt. Der Luxus der fünf Sterne ist weg, das Dauerlächeln des Barmixers verschwunden. Wenn er sich in seinem Quartier auf die Matratze legt, ahnt er, dass die Träume wiederkehren. „Es ist kein richtiger Albtraum. Aber ich sehe mich immer wieder rennen, flüchten vor der Welle“, sagt er. Seine Augen röten sich. Damals, am zweiten Weihnachtstag 2004, riss der Tsunami seine Schwester, ihren Sohn und ihre Tochter mit sich. „Wir haben sie nie gefunden.“

          Sinnbild des Grauens

          Sedyusob ist der einzige der Überlebenden, der immer noch im „La Flora“ im thailändischen Khao Lak arbeitet. 13 seiner damaligen Kollegen sind tot, viele vermisst. Das Hotel hatte an Weihnachten 2004 gerade erst zwei Monate geöffnet, und die thailändische Prinzessin Ubol Ratana Rajakanya war mit ihrem Sohn und ihrer Tochter zu Gast. Bhumi Jensen, der Sohn, kehrte an jenem Morgen am zweiten Weihnachtstag gerade von einer Ausfahrt mit dem Jetski zurück, als die Welle heranrollte. Seinen Körper fanden sie einen Tag später am Strand. Das Polizeiboot, das Bhumi Jensen schützen sollte, wurde vom Wasser fast zwei Kilometer landeinwärts geschwemmt. So stand es vor genau zehn Jahren in dieser Zeitung:

          Das Sofitel in Khao Lak wurde zum Sinnbild des Grauens

          Das Sofitel wird zum Sinnbild des Grauens, ein Bild wie von Breughel oder Bosch. Fast 400 Zimmer hatte das Haus, etwa 200 Urlauber – viele von ihnen angeblich Deutsche – werden am Dienstagmittag noch vermisst. Atmacan Zeynel, der türkisch-deutschstämmige Besitzer des Hotels, irrt in der Ruine umher. „Es geht nicht um meine Investition – auch wenn der Wert des Hauses wohl bei 100 Millionen Dollar lag. Es geht um meine Gäste, meine Mitarbeiter.“ Dann kann er nur noch schluchzen.

          Geschätzt 230.000 Menschen verloren durch den Tsunami entlang der Küsten des Indischen Ozeans ihr Leben. Die Riesenwelle zerschmetterte 430.000 Häuser und fast 4000 Kilometer Straße in wenigen Minuten. Mindestens 10 Milliarden Dollar wurden vernichtet. Fast 5400 Menschen sollen allein an den Stränden der thailändischen Ferieninsel Phuket und im etwas weiter nördlich liegenden Khao Lak gestorben sein. Der damalige thailändische Ministerpräsident Thaksin Shinawatra sprach zudem von „etwa einhundert toten Burmesen“. Rund 1,2 Millionen Burmesen arbeiteten allerdings schwarz oder als unterbezahlte Gastarbeiter in den Hotels oder als Fischer in Thailand. Hilfsorganisationen schätzen: Der Tsunami tötete etwa 3000 von ihnen. Ihre Leichen sollen die Thais rasch verbrannt oder verscharrt haben, denn die illegale Beschäftigung durfte es von Staats wegen nicht geben.

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          Phukets Klientel hat sich verändert

          Die Wunden, die die Welle schlug, sind heute in Khao Lak gut verdeckt. Verheilt sind sie nirgends. „Mindestens einmal am Tag fragen Gäste, ob wir hier auf einen neuen Tsunami vorbereitet sind“, erzählt Nannasiri Phopan, die Managerin des „La Flora“. „Wir haben viel getan. Jedes halbe Jahr haben wir eine Fluchtübung, unser Hotel hat nun drei Stockwerke, und oben lagern Medikamente und Verbandszeug. Am Ende aber vertrauen wir darauf, früher vor einem neuen Seebeben gewarnt zu werden, um rechtzeitig flüchten zu können.“ Einen Blick auf die Räume mit Medikamenten verwehrt sie, weil deren Verfallsdatum überschritten sei und gerade umgeräumt werde. Auch diejenigen, die auf die frühe Warnung vertrauen, könnten irren. Das zumindest fürchtet Dirk Naumann. Er war über Jahre der deutsche Honorarkonsul in Phuket und ist mit seinen nun 73 Jahren alles andere als altersmilde. „Es würde wieder genauso enden wie beim letzten Mal“, sagt Naumann. „Bei den Thais hat sich kaum etwas geändert.“

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