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Textilindustrie : Ein Stoff für Alpträume

Bild: F.A.Z.

Die Schranken sind gefallen. China darf fortan soviele Textilien liefern, wie es will. Doch viele Produzenten in anderen Ländern fürchten um ihre Zukunft. Jobs in Bangladesh und in der Türkei sind in Gefahr.

          3 Min.

          Jetzt ist wieder die Zeit für die Großbuchstaben S-A-L-E angebrochen. Überall werden die Versalien auf die Schaufenster von Bekleidungsfilialisten gepappt, um kaufmüde Menschen aus ihren warmen Stuben herauszulocken. Die mannshohen Klebelettern sind Boten einer neuen Preissenkungsrunde. Diesmal wird sie ausgelöst durch eine internationale Handelsvereinbarung. Seit dem 1. Januar 2005 gibt es keine Importquoten für Textilien mehr.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          So klingen gute Nachrichten für die Kunden, die nun Anoraks, Daunenjacken und Kinderkleidung vor allem "Made in China" deutlich billiger bekommen können. Fünf bis zehn Prozent je nach Produktgruppe sind möglich. Bisher hatten die Importquoten vor allem China und Indien daran gehindert, mehr Textilien als ohnehin schon an die beiden größten Märkte der Welt zu liefern: die Vereinigten Staaten und die Europäische Union.

          Weltmarktanteil von 50 Prozent möglich

          Das wird anders. Fest steht jetzt schon, daß China zu den Gewinnern der Liberalisierung gehören wird. Nun kann das Land, jetzt schon der größte Textilproduzent der Welt, Bestellungen annehmen, die früher wegen der Quoten abgelehnt wurden. Gravierender ist, daß Chinas billige Textilien ohne Quoten noch billiger werden. Denn bisher wurden die Quoten dort unter den Textilhändlern gehandelt wie Aktien. Die Preise für die Quoten haben die Waren um bis zu 100 Prozent verteuert, berichtet Udo Wietrychowski, Chef der Konzernimporte der Karstadt-Quelle AG. Eine Studie der Welthandelsorganisation WTO kommt zum Ergebnis, daß China langfristig einen Weltmarktanteil von 50 Prozent erringen könnte, nach 15 bis 20 Prozent jetzt.

          Wo es Gewinner gibt, gibt es Verlierer. Haben die Einfuhrbeschränkungen vor allem China gebremst, haben sie gleichzeitig Investitionen in andere Billiglohn-Länder gelenkt und Textilindustrien zum Blühen gebracht, die mit dem Fall der Quoten plötzlich nicht mehr wettbewerbsfähig sein werden. Ägypten, Bangladesh, El Salvador, Honduras, Kambodscha und Nepal gehören auf die Länderliste der kritischen Kandidaten. Und sie müssen im Gegensatz zu dem asiatischen Riesen einen großen Teil der Baumwolle zur Weiterverarbeitung einführen.

          Jobs in Bangladesh und in der Türkei in Gefahr

          Im bitterarmen Bangladesh sind nach Berechnungen des Hilfswerks Christian Aid eine Million Jobs bedroht, weil China billiger und womöglich zuverlässiger liefern kann. 85 Prozent der Exporte des Landes kommen aus der Textilindustrie. In Ägypten fürchten einige Experten eine Halbierung des Absatzes im Ausland. In seiner Verzweiflung kooperiert das Land, innenpolitisch hochbrisant, sogar mit Israel: Textilien, die mit israelischen Stoffen hergestellt werden, können zollfrei in die Vereinigten Staaten geliefert werden.

          Betroffen wird wohl auch die Türkei sein, deren Wirtschaft Textilien für 20 Milliarden Euro ausführt. Das Land hat vor wenigen Tagen eigenmächtig die Einfuhren aus China gedeckelt und riskiert damit einen offenen Streit mit Peking, das nun die Welthandelsorganisation anrufen will. Im Preiswettbewerb können die türkischen Hersteller selbst auf dem eigenen Markt mit den Chinesen nicht mehr mithalten. Die Vereinigten Staaten selbst fürchten ebenfalls um Hunderttausende Jobs in der heimischen Textilwirtschaft, nachdem dort in den vergangenen drei Jahren schon 350000 Arbeitsplätze verlorengegangen sind.

          Niemand steckt alle Eier in einen Korb

          Was kann die Chinesen noch stoppen? Neue Marktbeschränkungen zum Beispiel. Zum Vertragspaket, das die Eliminierung der Quoten vorsieht, gehören auch Sicherungen, die betroffene Länder nach bestimmten Regeln nutzen können. Sie deckeln den Zuwachs an Einfuhren aus dem Reich der Mitte um 7,5 Prozent. Vor allem in den Vereinigten Staaten werben die Lobbyisten unermüdlich für die Handelsbeschränkungen. Auch in der EU wurden die Stimmen lauter, besonders aus Italien und Griechenland. China selbst hatte Befürchtungen dämpfen wollen mit dem Erlaß von Ausfuhrzöllen. Doch diese sind, wie vergangene Woche bekannt wurde, so gering ausgefallen, daß sie den Boom kaum dämpfen dürften.

          Eine weitere Hoffnung kleiner Textilerzeuger-Länder ruht auf dem Prinzip, daß niemand gerne alle Eier in einen Korb steckt. Oder anders ausgedrückt: Die großen Einkäufer wie die Amerikaner Wal-Mart oder Penney verteilen ihre Budgets auf viele Länder. Das könnte sich aber als Illusion erweisen, wie Karstadt-Quelle-Einkäufer Wietrychowski deutlich macht. Der Wegfall der Quoten erleichtert die kostengünstigere Konzentration: "Es ist einfacher, wenige große Einkaufsbüros in wenigen großen Ländern zu haben als viele kleine in vielen kleinen."

          Alles eine Preisfrage

          Vorteile haben Betriebe in Bangladesh und Nepal, wenn sie eng in eine globale Wertschöpfungskette eingebunden sind, die den Einzelhandelsriesen ohne großen Aufwand die Beschaffung erleichtert. Auch die Türkei muß nicht verzweifeln. Sie gewinnt durch die Nähe zur EU. Sechs Tage nach Bestellung können Lastwagen aus der Türkei die deutschen Hochregallager der Einzelhändler anfahren. Ein Import aus China dauert per Schiff 25 Tage. In der inzwischen extrem feinfühligen Modewelt, in der die Sortimente alle sechs Wochen wechseln, ist Schnelligkeit ein wichtiger Faktor - etwa, wenn der orangefarbene Pullunder viel besser einschlägt als erwartet.

          Am Ende ist alles eine Preisfrage. Solange der Preis das Hauptargument für die Kunden bleibt und Händler wie Wal-Mart in den Vereinigten Staaten oder Aldi und Tchibo mit Billigaktionen Ware losschlagen, müssen die Einkäufer eben auch günstig einkaufen: in China, Vietnam oder Indien. Chancen haben Länder, die technisch anspruchsvoller und modischer produzieren können. Manchen Herstellern wird von Experten allerdings nahegelegt, sich lieber auf andere Produkte als Textil zu konzentrieren. Kambodscha zum Beispiel will sich wieder stärker landwirtschaftlichen Erzeugnissen zuwenden.

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