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Pandemiefolgen für Näherinnen : Der Hunger der Textilarbeiterinnen

Näherinnen arbeiten in einer Textilfabrik in Dhakar, Bangladesch. Bild: dpa

Die Folgen der Pandemie setzen vielen Branchen zu. Auch Näherinnen für Weltmarken wie Adidas und H&M sind betroffen. Sie geben in einer Befragung an, nicht einmal genug Geld für Essen zu haben.

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          Rund um die Erde leiden die Textilarbeiterinnen unter dem Stornieren von Aufträgen. Die Corona-Krise, das Schließen der Geschäfte, nun auch noch die mehr als verzehnfachten Preise für Luftfracht, zwingen die Unternehmen zur Vorsicht. Für immer mehr Textilarbeiterinnen in Bangladesch, Burma (Myanmar), Indonesien oder Pakistan aber bedeutet das, dass sie und ihre Familien nicht mehr genug zu essen haben. In einer Umfrage gaben gerade vier von fünf Eltern aus der Branche an, Mahlzeiten ausfallen zu lassen, damit ihre Kinder noch volle Teller haben. „Hunger und Unsicherheit bei der Ernährung scheint schon verbreitet und wächst weiter entlang der Lieferkette“, schreibt die Politologin Genevieve LeBaron von der Sheffield-Universität in einer Studie. Zeitgleich warnt das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen (UN) vor einer „Hunger-Pandemie“: „270 Millionen Menschen sind auf dem Weg ins Verhungern.“

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Autoren der Textil-Studie gehen die Industrie hart an: „Marken und Handel ist es gelungen, die wirtschaftliche Not der Pandemie in die Lieferketten zu drücken, auf den Rücken der Lieferanten und Arbeiterinnen abzuwälzen.“ Die Untersuchung, angelegt zusammen mit der Nichtregierungsorganisation Worker Rights Consortium aus Washington, beruht auf nur knapp 400 Interviews. Das Ergebnis ist alarmierend. Denn die Autoren geben auch die Namen der Auftraggeber wieder, für die die Arbeiterinnen in besseren Tagen eigenen Angaben zufolge arbeiten konnten. Unter ihnen sind Unternehmen wie Adidas und Hennes&Mauritz, die von der F.A.Z. mit den Studienergebnissen konfrontiert wurden. Ein Adidas-Sprecher erklärte: „Wir sind unseren Zahlungsverpflichtungen uneingeschränkt nachgekommen. Grundsätzlich gilt, dass bei allen unseren Zulieferern auch in Zeiten der Pandemie verbindliche Arbeitsplatzstandards gelten, die konkrete Vorgaben für faire Arbeitsbedingungen, angemessene Löhne sowie ein sicheres und umweltverträgliches Arbeitsumfeld machen.“

          Dreimal täglich Reissuppe

          Die Unternehmen der Branche betonen ihre Anstrengungen, ihre Lieferanten so gut als möglich zu versorgen. Hennes&Mauritz etwa drängte mehrfach auf das Anheben des Mindestlohns in Bangladesch, dem zweitgrößten Textilherstellerland der Erde. Auch bemühen sich die Firmen nicht zuletzt durch den Druck des von Entwicklungsminister Gerhard Müller angeregten Lieferkettengesetzes, ihre Unterlieferanten in den Griff zu bekommen. Die Autoren der Studie aber geben Ihnen dennoch die Schuld: „Die sinkenden Einkommen der Textilarbeiterinnen führen zu verbreitetem Hunger unter den Arbeiterinnen und ihren Familien. Diese Entwicklung ist eine direkte Folge der Antworten der Bekleidungsindustrie auf die Corona-Pandemie, wie auch des Langzeittrends der Niedriglöhne in den Lieferketten der Marken, die die Arbeiterinnen ungeschützt lassen.“ Eine Textilarbeiterin aus Burma erklärte, sie müsse dreimal täglich Reissuppe essen, weil sie sich nichts anderes leisten könne.

          Schon seit dem Frühjahr ringen die Lieferanten um Zahlungen für aufgrund von Corona stornierte Bestellungen. Einige der Auftraggeber, wie Adidas, H&M, Ikea oder C&A hätten der vollen Zahlung zugestimmt, erklärt das Worker Rights Consortium und bestätigt damit die Angaben des Adidas-Sprechers. 20 Konzerne hätten indes bislang keine Verpflichtungserklärung abgegeben. Studien ergaben, dass Europa und Amerika dank der Abbestellungen in diesem Jahr Textilien im Gesamtwert von rund 16 Milliarden Dollar weniger abnehmen.

          Mehr als ein Viertel der Arbeiterinnen haben ihren Angaben zufolge ihr Einkommen verloren, weitere 11 Prozent sind zumindest dauerhaft beurlaubt und damit ebenfalls oft nicht versorgt. Für die rund 60 Prozent, die weiterhin nähen, haben sich die Bedingungen aber noch einmal verschärft: Brachten sie vor dem Ausbruch der Pandemie noch durchschnittlich 187 Dollar nach Hause, fiel ihr Einkommen danach auf nur noch 147 Dollar im Monat. Ihr Einkommen schrumpfte „um 21 Prozent zwischen März und September“, heißt es in der Untersuchung. Das aber macht für einige einen lebensentscheidenden Unterschied: Denn schon zuvor reichten die Löhne kaum, um eine Familie durchzubringen. Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) warnte gerade, Corona werde Asien in diesem Jahr schon bis zu 166 Millionen Arbeitsplätze kosten. Die UN befürchten, dass weltweit 150 Millionen Menschen wieder unter die Grenze zur extremen Armut von 1,90 Dollar am Tag fallen werden. 30 Prozent der für die Studie befragten Textilarbeiterinnen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, gaben an, danach keinerlei Geld mehr bekommen zu haben. Nur ein knappes Viertel bekam demnach, was ihnen unter ihren Verträgen zustand.

          Schulden für Nahrung aufgenommen

          Für jene, die mit dem tagtäglichen Überleben ringen und keinerlei Ersparnisse haben, sind solche Einbußen brandgefährlich: 77 Prozent der Arbeiterinnen berichten, sie oder andere Familienmitglieder litten seit Ausbruch der Pandemie Hunger, ein Fünftel sogar täglich seit Ausbruch von Corona. Die wachsende Not führt zu einer Welle: Drei Viertel der Arbeiterinnen erklärten, sie hätten sich Geld leihen müssen, um Nahrung zu kaufen. In den meisten Ländern leben die Arbeiterinnen weiterhin von der Hand in den Mund. „Die Löhne in der Industrie – die von 25 Dollar im Monat in Äthiopien und 93 Dollar im Monat in Bangladesch bis zu ein paar hundert Dollar im Monat in Ländern mit höheren Löhnen wie El Salvador oder Indonesien reichen – schaffen für die meisten Arbeiterinnen nicht genug Kapital, um irgendwelche Ersparnisse anzulegen“, sagt LeBron.

          Fällt das Einkommen dann aus, wie während der Pandemie, bleibt nur das Borgen. Denn etwaige staatliche Hilfen hätten die Einkommensverluste nicht ausgleichen können. Kredite in den Entwicklungsländern werden aber – trotz der weltweiten Niedrigzinsen – teils mit 15 Prozent pro Monat und mehr verzinst. Damit bleiben die Schuldner oft auf Jahre abhängig von ihren Gläubigern, die meist professionelle Geldverleiher sind.

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