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Teuerung : Die Sorgen von Chinas Bauern und Banken

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Morgennebel in Qinghai: Die Menschen sorgen sich um dieselben Dinge wie in den entwickelten Gebieten Chinas Bild: REUTERS

In der Krise zeigt auch China Schwächen. Am schwersten drücken die Kredit- und Inflationsrisiken, die Börsenflaute und der aufgeblähte Immobilienmarkt.

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          An Schlaf ist nicht zu denken hier oben in der Tibetischen Hochebene. Ein beißender Wind pfeift durch das Nomadenzelt, am Tag hat es geschneit, kalter Tau legt sich über das Deckenlager. Draußen schnauben und schmatzen die Yaks, völlig zu Recht heißen sie auch Grunzochsen. Keine Spur von nächtlicher Stille in der unendlichen Graslandschaft. Am schlimmsten aber ist die Höhe von fast 4000 Metern. Sie hält den Ungeübten wach, lässt die Schläfen pochen, verursacht Kopfschmerz und Übelkeit.

          Landschaft und Klima sind rauh in der westchinesischen Provinz Qinghai, das Essen nicht minder. Am Abend hat die Hirtenfamilie ihren Gästen Zanba serviert, einen trockenen Gerstenbrei mit Kügelchen von Yakbutter. Dazu gab es Wiesenpilze und Tee, wiederum mit leicht vergorener Butter. Die dreißig Bergrinder sind das wichtigste Kapital der Familie. Sie liefern Fleisch, Milch, Wolle, der Dung dient zum Heizen und Kochen.

          Qinghai, rund zweieinhalb Flugstunden westlich von Peking, gehört politisch zu China, kulturell aber zum angrenzenden Tibet. Die Provinz, von der weite Teile mehr als 4000 Meter hoch liegen, ist doppelt so groß wie Deutschland, hier leben aber nur so viele Einwohner wie in Dänemark. In den ländlichen Gebieten trifft man fast nur Tibeter oder Hui-Muslime, deren Männer Bärte tragen und weiße Kappen.

          Lebensmittel 13,4 Prozent teurer

          Jenseits der Baumgrenze ist Peking weit weg. Und doch sorgen sich hier oben viele Menschen um dieselben Dinge wie in den entwickelten Gebieten im Norden und Osten Chinas. Dazu gehört vor allem die Teuerung. Zwar hat sich der Anstieg der Verbraucherpreise im September auf 6,1 Prozent abgeschwächt, wie das Statistikamt am Freitag mitteilte. Aber Lebensmittel waren 13,4 Prozent teurer als vor einem Jahr. Das spüren die einfachen Menschen besonders, zum Beispiel in Zeku, einem grauen Handelsflecken viereinhalb Autostunden oberhalb der Provinzhauptstadt Xining. Hierher knattern die Hochlandnomaden auf ihren Motorrädern, früher kamen sie zu Pferd.

          Auf einem matschigen Innenhof, der als Markt dient, laden sie ihre Waren ab. Einer öffnet einen Sack mit einem zentnerschweren Quader aus Yakbutter. Ein Käufer bohrt eine daumendicke Ahle in den gelben Block, zieht sie heraus, prüft Konsistenz und Geschmack. 17 Yuan soll das Pfund kosten, mehr als 1,90 Euro. Vor einem Jahr seien es nicht einmal 15 Yuan gewesen, mault der Kunde, 12 Prozent weniger. Der Verkäufer wiegelt ab, weist auf sein Motorrad. Der Benzinpreis sei hoch, sagt er, seine Weidegründe lägen weiter entfernt als früher.

          Markt in China: Seit Jahren wachsen die Westprovinzen schneller als die Industriehochburgen

          In der Nähe des Marktes hat sich die Landwirtschaftsbank ABC niedergelassen. In ganz China betreut das staatliche Institut rund 320 Millionen Kunden. Selbst im Hochland unterhalten viele Bewohner Konten und Aktiendepots oder nehmen Kredite auf. Die Nomaden brauchten keine feste Adresse, sagt ein Mitarbeiter, solange sie einen gültigen Ausweis vorlegten. Auch unser Yakhirte und seine Frau haben ein Konto. Mit ihrem Ersparten und der staatlichen Kaufbeihilfe aus dem Konjunkturpaket konnten sie sich ein steppentaugliches Auto kaufen, für rund 50000 Yuan oder 5700 Euro.

          50 Prozent der Immobilien überbewertet

          Auch beim zweiten großen Wunsch der meisten Chinesen, der eigenen Wohnung, hilft die Regierung. Das ist nötig, denn die Häuserpreise sind aus dem Ruder gelaufen. Getrieben von Spekulationen, gelten in den Städten bis zu 50 Prozent der Immobilien als überbewertet. Einen ähnlichen Wert erreichte der Markt in den Vereinigten Staaten, bevor er zusammenbrach. Würde die Blase auch in China platzen, hätte das gravierende Folgen für das Finanzsystem, die Wirtschaft und die Gemeindehaushalte, die von der Verpachtung oder Beleihung staatlicher Grundstücke abhängen.

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