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Kritiker Steffen Schorcht an der Tesla-Baustelle in Grünheide

Ein Riss namens Tesla

Von JULIA LÖHR, Fotos MATTHIAS LÜDECKE
Kritiker Steffen Schorcht an der Tesla-Baustelle in Grünheide Foto: : Matthias Lüdecke

14. August · Der eine befürchtet einen Wassernotstand, der andere träumt von einem deutschen Silicon Valley: Je weiter der Bau der Elektroautofabrik in Grünheide voranschreitet, desto mehr spaltet er die Gesellschaft.

Steffen Schorcht könnte hier der Förster sein, so gut kennt er sich aus im Wald von Grünheide. Eben noch hat er am Rand der Landstraße auf einer Karte die Wasserschutzgebiete rund um die brandenburgische Kleinstadt erklärt. Dann sitzt er schon wieder im Auto und prescht über die holprigen Waldwege. An einer Lichtung stoppt Schorcht, steigt raus, stapft über eine Blumenwiese, auf der es von Insekten nur so wimmelt und die Feuchtigkeit des Bodens in der Mittagssonne verdunstet. „Etwas weiter, und wir stehen im Morast“, ruft er und schiebt ein unheilschwangeres „noch“ hinterher. Schorcht ist überzeugt: Wenn der amerikanische Elektroautohersteller Tesla erstmal seine Fabrik gebaut hat, wird das malerische Löcknitztal austrocknen.

Seit Tesla-Gründer Elon Musk im vergangenen November angekündigt hat, dass die vierte Fabrik seines Unternehmens in der Nähe von Berlin entstehen soll, ist der 59 Jahre alte Schorcht im Dauereinsatz. Er wohnt nur einige hundert Meter vom künftigen Deutschlandsitz entfernt in Erkner, dem Nachbarort von Grünheide. Tagsüber arbeitet er als Kundenbetreuer für einen Pharmakonzern, in seiner Freizeit arbeitet er gegen Tesla. 

Steffen Schorcht am Flüsschen Löcknitz
Steffen Schorcht am Flüsschen Löcknitz
Steffen Schorcht am Flüsschen Löcknitz
Brunnenanlage nahe derTesla-Baustelle in Grünheide
Brunnenanlage nahe derTesla-Baustelle in Grünheide
Brunnenanlage nahe derTesla-Baustelle in Grünheide

Er hat eine Bürgerinitiative gegründet, Demonstrationen organisiert, sich in viele tausend Seiten Genehmigungsunterlagen und Gutachten eingelesen. Er kann aus dem Stand heraus Vorträge über die Baumarten halten, die für das Werk weichen müssen, über die Pegelstände der umliegenden Seen und Flüsse und wie nahe die Pfähle der Fabrik dem Grundwasser kommen sollen. Aber kann er auch Elon Musk und die Brandenburger Landesregierung stoppen, die der Weile eint, dass diese „Gigafactory“ so schnell wie möglich fertig wird? „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt Schorcht.

Keine zehn Autominuten von der feuchten Blumenwiese entfernt liegt die derzeit wohl umstrittenste Baustelle Deutschlands. 300 Hektar ist das Areal direkt am Rand der Autobahn A10 groß, Tesla hat es für etwas mehr als 40 Millionen Euro gekauft. Auf rund einem Drittel der Fläche wird schon gearbeitet. Unentwegt rollen Lastwagen mit Baumaterial an den Sicherheitsposten vorbei auf das Gelände. Dort nehmen schon die ersten Produktionshallen Gestalt an. Kräne hängen vorgefertigte Bauteile aus Beton zwischen bereits stehende Pfeiler, ein Güterzug mit Nachschub steht bereit. Musk hat für das Projekt einen ehrgeizigen Zeitplan vorgegeben: Schon im Juli kommenden Jahres, nach nur gut einem Jahr Bauzeit, soll die Fabrik in Betrieb gehen. Das wäre ähnlich schnell, wie das Werk im chinesischen Schanghai fertig wurde.

Video: F.A.Z., Matthias Lüdecke

Sowohl die schiere Größe des Projekts als auch das Tempo von Elon Musk polarisieren seit Monaten die Menschen in der Region. Gegner der Ansiedlung wie Steffen Schorcht warnen vor den negativen Folgen für die Umwelt. Der viele Wald, den Tesla schon gefällt hat und noch fällen wird. Das viele Wasser, das für die Produktion benötigt wird, in einer Region, die jetzt schon unter Trockenheit leidet. Aber auch die vom Land in Aussicht gestellten Fördermittel in dreistelliger Millionenhöhe sind ein Thema. Die Befürworter verweisen dagegen auf die mehr als 10000 neuen Arbeitsplätze, die in Grünheide entstehen sollen, in einer Zukunftsbranche wie der Elektromobilität, die heimische Autohersteller bekanntlich zu lange ignoriert haben. Nicht zu vergessen die zu erwartenden Einnahmen aus der Gewerbesteuer. Natur oder Hightech, Stillstand oder Wachstum – Grünheide ist zum Symbol für eine Grundsatzfrage geworden: Wohin steuert der Standort Deutschland?

Einer, dem es gar nicht schnell genug gehen kann, ist Albrecht Köhler. Auch er kennt sich im Wald von Grünheidbestens aus. Anders als Steffen Schorcht zieht es ihn aber nicht so sehr ins Grüne, sondern möglichst nah an die Baustelle heran. Der 33 Jahre alte Krankenpfleger aus Grünheide gehört zu einer Gruppe von Tesla-Fans, die mehrmals in der Woche zu dem Gelände kommen, um die neuesten Baufortschritte zu verfolgen. Der Weg zu seiner Lieblingsstelle führt zuerst ein Stück an der Landstraße entlang, nur durch die Leitplanke von den vorbeidonnernden Lastwagen getrennt, dann eine mit Unkraut zugewucherte Treppe hinunter, über die Bahngleise in den Wald, immer weiter, bis der Baumbestand abrupt endet und sich der Blick auf die Baustelle öffnet. „Da wären wir“, sagt er und macht eine einladende Handbewegung, so als wäre dies sein zweites Zuhause.

Mit geübten Handgriffen klappt Köhler seine Drohne aus und setzt sie auf eine selbstgebaute Plattform aus Holz, dann surrt sie auch schon in die Höhe. Vierzig Minuten wird sie als kleiner schwarzer Punkt in fünfzig Metern Höhe die Bauarbeiten filmen, Köhler wird daraus später ein zweiminütiges Video machen und über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreiten. Doch erstmal ist Zeit zum Erzählen. Köhlers Tesla-Geschichte beginnt im Jahr 2010 während eines Urlaubs in der norwegischen Hauptstadt Oslo. Dort sieht er zum ersten Mal mehrere Teslas und ist „hin und weg“. Er beginnt, sich mit Elon Musk zu beschäftigen, ist fasziniert von dessen Visionen. „Deutschland ist gut darin, etwas Neues in etwas Altes zu implementieren, aber nicht darin, etwas komplett Neues zu machen.“ Letzteres verkörpert für ihn Tesla. Wie ein Fremdenführer erklärt Köhler, wo in Grünheide das „Casting“ (die Gießerei), das „Stamping“ (das Presswerk) und das „Painting“ (die Lackiererei) geplant sind. Dann muss er über sich selbst schmunzeln. „Das wirkt jetzt wahrscheinlich etwas nerdig.“


300 Hektar für mehr als 40 Millionen Euro

Es gibt nicht vieles, was Steffen Schorcht und Albrecht Köhler eint. Zwei Gemeinsamkeiten haben sie aber. Zum einen nehmen beide für sich in Anspruch, nicht oder zumindest nicht nur für ihre eigenen Interessen zu kämpfen, sondern für das große Ganze. Im Fall von Steffen Schorcht ist das der Naturschutz, für den er sich schon seit den neunziger Jahren engagiert. Albrecht Köhler wiederum hofft darauf, dass die Ansiedlung von Tesla Deutschland moderner und schneller macht, dass Dauerbaustellen wie der BER und Stuttgart21 sich nicht wiederholen. Worin sie sich ebenfalls einig sind: Wenn hier nicht Tesla, sondern ein anderes Unternehmen bauen würde, die Aufregung wäre vermutlich nur halb so groß.

Die Person Elon Musk sorgt für Diskussionen, obwohl der Unternehmer noch gar nicht auf der Baustelle gesichtet wurde – vielleicht aber auch gerade deshalb. Ein Südafrikaner, der als Teenager nach Kanada auswandert, weiter nach Kalifornien zieht, sein Studium abbricht und ein Unternehmen nach dem anderen gründet, den Bezahldienst Paypal, das Raumfahrtunternehmen SpaceX, schließlich Tesla, und damit zum Milliardär wird: In den Vereinigten Staaten lieben die Menschen Geschichten wie diese, in Deutschland erregen sie eher Misstrauen. „Wenn ein kiffender Kollege in den USA von Peterchens Mondfahrt spricht, ist er ein bestaunter Visionär“, stichelte Siemens-Chef Joe Kaeser vor einiger Zeit auf Twitter. Während Albrecht Köhler davon schwärmt, wie der Amerikaner die deutsche Autoindustrie vor sich hertreibt, ist Steffen Schorcht diese Verehrung unheimlich. Von einer „Religion Musk“ spricht er.

Schorcht sitzt inzwischen wieder im Auto, durch mehrere Kreisel geht es zurück auf die Landstraße, vorbei an der Tesla-Baustelle – „schrecklich“ – hinein in den nächsten Waldweg zu der Brunnenanlage, welche die Gegend mit Wasser versorgt. Das Gelände wirkt unscheinbar, ein blaues Tor, ein Zaun, dahinter mehrere im Boden versenkte Betondeckel und ein Stromkasten, das war’s. Kein Geräusch ist zu hören, abgesehen vom Gezwitscher der Vögel. Doch glaubt man Schorcht, brodelt es unter der Oberfläche gewaltig, zumindest sinnbildlich. „Das Wasser ist der Casus knacksus“, sagt er. „Wenn das Ganze noch scheitert, dann daran.“ 

Tatsächlich waren die Auseinandersetzungen um den Kiefernwald und die dort lebenden Fledermäuse im Frühjahr eher ein Nebenschauplatz. Zwei Umweltverbände, einer davon aus Bayern, klagten damals gegen die Rodungsarbeiten. Das Oberverwaltungsgericht entschied jedoch schnell: Die Bäume dürfen fallen, zumal Tesla an anderer Stelle dreimal so viele neu anpflanzen will. Der Hauptkritikpunkt der Menschen vor Ort war und ist dagegen der Wasserbedarf von Tesla und dass die Fabrik in einem Trinkwasserschutzgebiet entsteht. Zwar hat das Unternehmen seinen Anfang des Jahres eingereichten Bauantrag mittlerweile überarbeitet und die benötigten Wassermengen deutlich nach unten korrigiert. Doch viele Anwohner fürchten: Die 1,4 Millionen Kubikmeter im Jahr sind immer noch zu viel. Bestätigt fühlen sie sich vom örtlichen Wasserverband. Der warnt, spätestens mit einem weiteren Ausbau der Fabrik werde die Versorgung schwierig.

Der Unternehmer Elon Musk sorgt für Diskussionen, obwohl er noch gar nicht auf der Baustelle gesichtet wurde.


Hinzu kommt, dass Tesla in Grünheide schon eifrig baut, obwohl das zuständige Landesumweltamt das Projekt als Ganzes noch gar nicht genehmigt hat. Zwar gehen die meisten Beobachter davon aus, dass diese Genehmigung kommen wird – sicher ist das aber nicht. Erstmal muss der im März wegen Corona abgesagte öffentliche Erörterungstermin mit Tesla-Vertretern nachgeholt werden. Dies ist für den 23. September geplant. Bis auf Weiteres baut Tesla in Grünheide auf der Basis von vorläufigen Einzelgenehmigungen und mit der Auflage, dass es notfalls alle Eingriffe in die Natur wieder rückgängig machen muss. Doch je weiter der Bau voranschreitet, desto schwieriger wird das. Als nächstes will das Unternehmen für Teile der Fabrik Pfähle in den Boden treiben, um das Fundament zu stabilisieren, „Wenn das Landesumweltamt das erlaubt, werden wir klagen“, sagt Schorcht.

Der brandenburgische Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) und der Bürgermeister von Grünheide, der parteilose Arne Christiani, argumentieren, dass auf der Fläche schon vor zwanzig Jahren eine Autofabrik gebaut werden sollte – die von BMW, die heute in Leipzig steht. Beide halten das Wasserproblem für technisch lösbar. Die benötigten Mengen könnten auch aus Fürstenwalde nach Grünheide gelenkt werden. Für die Pfähle müsse Tesla einen Spezialbeton verwenden, der in Wasserschutzgebieten zugelassen sei. Die Gegner des Projekts geben sich damit nicht zufrieden. „Die wollen das Problem kleinreden“, ist Schorcht überzeugt. Für jeden Landwirt gälten strengste Düngeregeln, die Bürger würden ständig zum Wassersparen ermahnt. „Aber Tesla kann hier machen, was es will. Da geht viel Vertrauen in die Politik verloren.“

Visualisierung der fertigen Tesla-Fabrik
Visualisierung der fertigen Tesla-Fabrik Foto: dpa

Enttäuscht ist er nicht nur von der SPD, die in Brandenburg die Regierung anführt, sondern vor allem von den Grünen, die er viele Jahre unterstützt hat – bis diese die Tesla-Ansiedlung unterstützten. „Die wollen die Bundestagswahl gewinnen“, sagt Schorcht mit bitteren Ton in der Stimme. „Die Ökopartei wird zur Wirtschaftspartei.“ Die einzige Partei, die gegen das Tesla-Werk aufbegehrt, ist die AfD. Von ihr distanzieren sich Schorcht und seine Mitstreiter in der Bürgerinitiative ausdrücklich. Er ist aber überzeugt, dass viele Menschen bei der nächsten Wahl ihr Kreuz dort machen werden. „Es stimmt einfach nicht, dass die Mehrheit für die Tesla-Fabrik ist“, sagt Schorcht.

Wasser wird nicht verbraucht, es wird nur anders verteilt“, sagt Albrecht Köhler. Er ist überzeugt: „Die meisten Menschen stehen hinter Tesla, sie sind nur nicht so laut wie die Gegner.“ Über den Baumwipfeln ertönt ein energisches Piepen, der Akku der Drohne geht zur Neige. Behutsam steuert Köhler sie zwischen den Bäumen wieder herunter. Unterdessen nähern sich auf der anderen Seite des Bauzauns zwei Männer mit Bauhelmen und gelben Westen, auf denen das Tesla-Logo prangt. Es entspannt sich ein Wortwechsel auf Englisch, der Ton ist freundlich, die drei kennen sich offensichtlich. Die Tesla-Mitarbeiter dürfen nicht sagen, wer sie sind und was sie auf der Baustelle tun. Nur so viel: „He’s a good guy“, sagt der eine und deutet anerkennend zu Köhler.

Es ist kein Zufall, dass der Zaun, der die Baustelle umschließt, nicht sonderlich hoch ist, dass die Maschen groß genug sind,  um hindurch zu fotografieren.
Es ist kein Zufall, dass der Zaun, der die Baustelle umschließt, nicht sonderlich hoch ist, dass die Maschen groß genug sind, um hindurch zu fotografieren.

„Es stimmt einfach nicht, dass die Mehrheit für die Tesla-Fabrik ist“
Steffen Schorcht

Tesla macht das ziemlich geschickt. Die Pressestelle kommuniziert kaum etwas zu dem Projekt, den Großteil der Öffentlichkeitsarbeit überlässt das Unternehmen der Landesregierung und seinen Anhängern in den sozialen Netzwerken. Es ist kein Zufall, dass der Zaun, der die Baustelle umschließt, nicht sonderlich hoch ist, dass die Maschen groß genug sind, um hindurch zu fotografieren. Die Bilder sind kostenlose Werbung für das Unternehmen. Wie groß das Interesse von Tesla-Chef Elon Musk daran ist, zeigte sich, als die Sicherheitsleute einem Teenager das Filmen mit der Drohne untersagen wollte. Kaum hatte Silas Heineken alias „Tesla Kid Grünheide“ sein Problem publik gemacht, kam auch schon die Freigabe von Musk persönlich: „Fine by me“, twitterte er.

Um Schorchts Bürgerinitiative etwas entgegenzusetzen, hat Albrecht Köhler das Bündnis „Grünheide for Future“ gegründet. Die Zukunft des 8300-Einwohner-Orts hat er schon ziemlich genau vor Augen. Er sieht einen autonom fahrenden Shuttleservice von Tesla, der die sechs Ortsteile von Grünheide miteinander verbindet. Forschungsinstitute und weitere Unternehmen, die sich im Umfeld der Fabrik ansiedeln. Junge Leute aus aller Welt, die in Grünheide arbeiten wollen. Vielleicht kommt dann auch endlich die elektronische Gesundheitsakte, auf die er und seine Kollegen im Krankenhaus schon so lange warten. „Ich stelle mir hier so ein zweites Silicon Valley vor“, sagt Köhler, bevor er sich auf den Heimweg macht. „Aber vielleicht ist das auch ein bisschen viel verlangt.“


Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 13.08.2020 19:17 Uhr