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Terror in Bombay : Indien nach dem Angriff

Die Auswirkung des Terrors auf Indiens Wirtschaft ist noch nicht abzusehen Bild: REUTERS

Die Anschlagserie in Bombay ist nur ein weiterer Grund für Unternehmen, dem indischen Markt fern zu bleiben. Korruption, mangelnde Infrastruktur und eine unberechenbare Politik: Die Risiken für Investoren gehen weit über den Terror hinaus.

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          Die Trümmer sind noch nicht geborgen, da stellt sich die Frage nach den Auswirkungen der Terroranschläge auf die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens. Indien ist, nach China, der zweite große Wachstumsmarkt der Erde. In Zeiten der globalen Finanzkrise hat jede Destabilisierung Indiens mehr denn je Auswirkungen auf den Rest der Welt.

          Diese Destabilisierung war es, die die Täter angestrebt haben. Die Mörder hätten die Orte ihrer Anschläge kaum treffsicherer wählen können. In den beiden führenden Luxushotels des Landes in Bombay, der Handels- und Finanzmetropole des Subkontinents, steigen jene ab, die Verträge aushandeln und Abkommen unterschreiben. Mit dem Traditionscafé Leopolds zerstörten die Attentäter zudem den beliebtesten Treffpunkt aller Rucksackreisenden entlang der Marktstraße.

          Doch nur ein Schwellenland

          Dass Attentäter den wirtschaftlichen Aufschwung treffen wollen, ist eine neue Dimension des lange währenden Terrors in Indien. Anschläge, Bomben, Feuerüberfälle gehören hier zum Alltag. So reagierte die Börse in Bombay denn auch unerschrocken - lediglich Hotelwerte brachen ein, der Index notierte nur leicht im Minus. Hinter dem Gleichmut der Börsianer steht die richtige Überzeugung, dass kein Investor aufgrund der Anschläge seine über Jahre angelegten Vorhaben aufschieben wird.

          Dennoch geben die Attacken der Wirtschaftselite zu denken. Grausam decken sie auf, was das "glänzende Indien" in Wirklichkeit ist: ein Schwellenland mit hohen Risiken in einer Region, die brennt.

          Nicht so stabil wie Ostasien

          Keine Dekade ist es her, da standen Indien und Pakistan vor dem Atomkrieg. Trotz ihrer Annäherung sind die Nachbarn von einer friedlichen Koexistenz weit entfernt. In Nepal hat eine Revolution das System aus den Angeln gehoben. In Sri Lanka tobt ein Bürgerkrieg. Bangladesch ist in politischen Wirren verfangen.

          Hier liegen die Gründe, warum Südasien mit den meisten Armen der Welt so weit hinter der Entwicklung Ostasiens zurückbleibt. Gemessen am beklagenswerten Zustand Südasiens, ist der Osten der Region ein Hort der Stabilität.

          Die radikale Antwort wird kommen

          Diese verheerende Politik kostet Südasien Ressourcen, Handelspotentiale, Wachstum. Damit fördert sie Armut und Elend. Ethnische und religiöse Konflikte vermengen sich mit dem enormen Sozialgefälle. Die Entwicklungs- und Verdienstchancen der 150 Millionen Muslime in Indien bleiben weit hinter denjenigen der dominierenden Hindus zurück. Beide Religionsgemeinschaften lieferten sich schon in der Vergangenheit brutale Auseinandersetzungen, die den Charakter von Pogromen erreichten.

          Hellseher muss niemand sein, der nach den Anschlägen von Bombay nun die Rache radikaler Hindus erwartet. Armut und Ungleichgewicht sind der Nährboden für weitere Anschläge. Eine korrupte Polizei, ein Justizapparat, der vor den Anforderungen kapituliert, Politiker, die sich Fanatismus zunutze machen, bilden ihren Rahmen.

          Ein hartes Pflaster für ausländische Investoren

          Jeder, der in Indien investiert, jeder, der die Region bereist, jedes Unternehmen, das Mitarbeiter entsendet, muss sich der Risiken bewusst sein. Der Straßenverkehr ist die größte Gefahr in Indien. Anschläge aber können nirgendwo ausgeschlossen werden.

          Die Risiken für Investoren in Indien aber gehen weit über den Terror hinaus. Sie beginnen mit der Struktur des Landes, in dem 600 Millionen Menschen kaum das Nötigste zum Leben haben. Sie liegen in der Unberechenbarkeit der Politik, die auch indische Unternehmen trifft. Die erzwungene Verlagerung der Fabrik für den Kleinwagen Tata Nano oder das Tauziehen um die Ansiedlung des 2,6 Milliarden Dollar teuren Stahlwerks von JSW Steel sind nur Beispiele.

          Volkswagen ringt für die größte Investition der Deutschen in Indien noch um einen Eisenbahnanschluss - obwohl die Fabrik in einem Vierteljahr anfahren soll. Jahrelang wurde Metro eine Lizenz zum Verkauf von Alkohol vorenthalten - gegen ein siebenstelliges Bestechungsgeld wäre sie sofort zu bekommen gewesen.

          Demokratie ist nicht das Problem

          Zu einfach werden diese Schwachstellen Indiens auf die Demokratie als Staatsform zurückgeführt. Richtig ist, dass diese Entscheidungsprozesse verlangsamt. Dafür aber verankert sie sie besser.

          Die Risiken Indiens liegen nicht in seiner Staatsform, sondern in überbordender Bestechung, der Führung des Landes durch eine abgehobene Elite von gut eintausend Familien, einem maroden öffentlichen Dienst, einem Dickicht der Bürokratie, ungelösten Religionskonflikten und einem unerträglichen Gefälle von Arm und Reich. Damit ist Indien schlecht gerüstet für einen Wachstumseinbruch.

          Indiens Feind bleibt Indien

          Zwar treffen die Auswirkungen der Finanzkrise das Land nur am Rande. Das indes verdankt es nicht etwa klugen Politikern oder weisen Bankiers - Indiens Öffnung war schlicht nicht weit genug fortgeschritten, um die Fehlgriffe westlicher Banken zu duplizieren. Nur ein Fünftel seiner Wirtschaftsleistung erzielt Indien über die Ausfuhren - in China sind es fast 60 Prozent.

          Ein Abflachen des heimischen Konsums aber würde gefährlich. Zum Einbruch des Aktienmarktes und dem Platzen der Immobilienblase kommt der zermürbende Terror. Indiens größter Feind bleiben also die Zustände im eigenen Land.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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