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Terror-Finanzierung : Wie das Öl den „Islamischen Staat“ reich macht

Ölförderung in Syrien, aufgenommen im April 2010: Der IS hat in der Region wichtige Ölfördergebiete unter seine Kontrolle gebracht Bild: Reuters

Der „Islamische Staat“ verfügt über einen Milliarden-Etat. Er braucht aber auch Geld. Nicht zuletzt, um sein Heer an Kämpfern zu bezahlen.

          3 Min.

          Dem internationalen Terrorismus den Geldhahn abzudrehen ist leichter gesagt als getan. Nach den Anschlägen von Paris mangelt es den Regierungen der 20 Industrie- und Schwellenländer gewiss nicht an Entschlossenheit dazu. Am Montag haben amerikanische Kampfflugzeuge erstmals Tanklaster der Terror-Miliz IS bombardiert und zerstört.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch auf ihrem G20-Treffen nahe der türkischen Hafenstadt Antalya muss allen klar gewesen sein, dass große Erfolge bislang ausgeblieben sind. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist es gewiss nicht entgangen, dass der IS von ausländischen Finanzströmen kaum abhängig ist. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung aus diesem Frühjahr auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken hervor.

          Diese Erkenntnis ist alles andere als beruhigend, weil die internationale Staatengemeinschaft größere Erfolgsaussichten hätte, über bestimmte Maßnahmen die Geldflüsse von ausländischen Banken auf Konten des IS oder ihm nahestehender Personen oder Organisationen zu unterbinden. Doch die herkömmlichen Instrumente zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung helfen beim IS kaum weiter.

          Denn Spenden und andere Überweisungen von Sympathisanten sind für die Terrororganisation von nachrangiger Bedeutung. Allerdings liegen der Bundesregierung Hinweise vor, nach denen der IS durch private Finanziers in den Golf-Staaten finanziert wird. Spenden würden auch unter dem Deckmantel von Hilfsorganisationen eingesammelt. Das wirft natürlich Zweifel an den Kontrollen in den Banken von Kuweit, Qatar oder Saudi-Arabien auf.

          1,1 Milliarden Barrel

          Doch auf diese Mittel ist der IS nicht angewiesen. Denn er finanziere sich weitgehend aus eigener Kraft in den von ihm kontrollierten Gebieten, heißt es in der Antwort der Bundesregierung. Bei der Wahl der Mittel sind die Terrormilizen nicht zimperlich: Menschenhandel, Lösegeld und Schutzgelderpressung gehören ebenso dazu wie der Verkauf von erbeuteten Antiquitäten.

          Die mit Abstand wichtigste Geldquelle ist der Verkauf von Erdöl, schließlich hat der IS im Irak und Syrien wichtige Ölfördergebiete unter seine Kontrolle gebracht. Die in den syrischen und irakischen Ölfeldern vorhandenen Reserven belaufen sich nach Schätzung der Bundesregierung auf mehr als 1,1 Milliarden Barrel. Damit sitzt der Islamische Staat auf einen Milliardenvermögen, selbst wenn der Ölpreis weiter deutlich sinken wird.

          Das Öl soll über Mittelsmänner in den Nachbarländern verkauft werden, größtenteils in der Türkei. „Der größte Teil der IS-Ölproduktion dürfte für die Versorgung der eigenen Truppen und Gebiete verbraucht werden. Für den Export dürften im Höchstfall nur noch 10.000 Barrel/Tag zur Verfügung stehen“, schreibt die Bundesregierung. Die Einnahmen aus dem Ölgeschäft schätzt sie auf „höchstens 200.000 Dollar pro Tag“.

          10 Millionen Dollar für Sold

          In ihrer Antwort verweist die Bundesregierung auf eine Einschätzung von David Cohen, dem für die Bekämpfung der Terrorismusfinanzierung zuständigen Staatssekretär im amerikanischen Finanzministerium. Den IS betrachtet er als „die kapitalkräftigste terroristische Organisation, mit der wir bislang konfrontiert wurden“. Er beziffert den Jahresetat des IS auf 2,2 Milliarden Dollar.

          Doch der IS braucht auch Geld. Seine 30.000 bis 40.000 Kämpfer umfassenden Truppen sollen nach einer Studie der Financial Action Task Force (FATF), des bei der OECD in Paris angesiedelten Arbeitskreises zur Geldwäschebekämpfung, im Monat zwischen 350 und 500 Dollar pro Kopf erhalten. Das wären deutlich mehr als 10 Millionen Dollar allein an Sold im Monat.

          Geplünderte Banken

          Die Frage stellt sich, ob der IS in seinen Territorien dauerhaft stabile Einnahmequellen erzielen kann. So führte er in seinem Gebiet die traditionelle islamische Almosensteuer („Zakat“) ein. Die Bewohner müssen 5 bis 15 Prozent ihres Einkommens abführen. Darüber hinaus gibt es eine Steuer für nichtmuslimische „Schutzbefohlene“ („Dschizya“), Gebühren, zum Beispiel für Strom und Wasser, Telekommunikation oder Straßen.

          So sollen am Tag eine Million Dollar zusammenkommen. Menschenhandel und Lösegeld dürften einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag im Jahr einbringen, der Verkauf von Antiquitäten einen niedrigen dreistelligen.

          Den Kapitalstock des IS schätzt die Bundesregierung auf bis zu 2 Milliarden Dollar. Allein 1,5 Milliarden Dollar stammen nach Recherchen der Vereinten Nationen aus der Plünderung der Banken in den eroberten Städten Syriens und des Iraks.

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