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Tender der EZB : Südeuropas Banken saugen sich mit Geld voll

Bild: DPA

Die Liquiditätshilfe der Notenbank über knapp 500 Milliarden Euro ist vor allem in die Euro-Krisenländer gegangen. Insbesondere die Institute eines Landes sollen etliche Milliarden abgerufen haben.

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          Die Geldschwemme der Europäischen Zentralbank (EZB) von 489 Milliarden Euro ist zu einem großen Teil an südeuropäische Banken geflossen. Allein italienische Institute sollen 116 Milliarden Euro abgerufen haben, wie in einem Teil der Donnerstag-Auflage dieser Zeitung berichtet wurde. Diese Zahl meldete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Bankenkreise. Insgesamt haben 523 Banken aus dem Euroraum den ersten Tender der EZB über den Zeitraum von drei Jahren in Anspruch genommen. Neben der Laufzeit stellt auch die zugeteilte Summe einen neuen Höchstwert für ein EZB-Offenmarktgeschäft dar, bei dem Banken Wertpapiere als Sicherheit hinterlegen müssen. Eine Aufteilung, wie viele Mittel von den Banken der jeweiligen Euroländer beansprucht wurden, veröffentlicht die EZB nicht.

          Keine Entspannung am Geldmarkt

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Eine Entspannung am Geldmarkt, wo sich die Banken untereinander mit Krediten versorgen, war nach der EZB-Notfallhilfe nicht zu beobachten. Die Risikoprämie, also der Zinsabstand zwischen unbesicherten Dreimonatskrediten (Euribor) und sicheren Übernachtausleihungen (Eonia), verharrte mit fast 1 Prozentpunkt auf einem hohen Niveau. In normalen Zeiten sind es weniger als 0,2 Prozentpunkte. Zudem parkten die Banken mit 265 Milliarden Euro wieder mehr überschüssige Mittel bei der EZB, als diese an Konkurrenten verleihen. Dieses Geld legen sie in der sogenannten Einlagenfazilität über Nacht an, obwohl sie dabei einen Zinsverlust erleiden.

          Auch spanische Banken haben beim EZB-Pfandgeschäft kräftig zugelangt. So soll nach Angaben des Deutsche-Bank-Analysten Carlos Berastain Gonzalez die zweitgrößte Bank des Landes, die BBVA, einen Betrag entsprechend ihrer im kommenden Jahr fällig werdenden mittel- und langfristigen Verbindlichkeiten abgerufen haben. Das sind laut Berastain Gonzalez 10 bis 11 Milliarden Euro. Auch die Banco Sabadell soll ihre anstehenden Tilgungen von 4 Milliarden Euro über den EZB-Tender abgesichert haben. Santander machte keine Angaben.

          Garantie für neue Bankanleihen

          Dass Italiens Banken ein Viertel des Rekord-Tenders abrufen konnten, haben sie auch der neuen italienischen Regierung unter Ministerpräsident Mario Monti zu verdanken. Denn die Banken hatten für den Notfall-Tender der EZB nicht mehr ausreichend Wertpapiere, um sich über das Pfandgeschäft die benötigten Mittel sichern zu können. Ende November hatten sich italienische Banken bei der EZB schon mit 153 Milliarden Euro finanziert. Das war mehr als drei Mal soviel wie noch Ende Juni. Um den Engpass abzuwenden, stattete die italienische Regierung neue Bankanleihen mit einer Garantie aus. So erfüllten sie die Voraussetzung, um von der EZB als Sicherheit akzeptiert zu werden.

          Insgesamt haben die italienischen Banken staatlich garantierte Anleihen von rund 40 Milliarden Euro im Drei-Jahres-Tender der EZB eingereicht. Davon entfallen auf Intesa Sanpaolo 12 Milliarden Euro, auf Monte dei Paschi die Siena 10 Milliarden und auf die Unicredit 7,5 Milliarden Euro. Die Garantien für die Banken rücken eine Personalentscheidung Montis in ein neues Licht: Mitte November wurde Corrado Passera, bis dahin Intesa-Chef, zum Wirtschaftsminister berufen.

          Angst vor einer Kreditverknappung

          Aus Finanzkreisen verlautete, dass auch deutsche und französische Banken den Dreijahres-Tender stark nachgefragt hätten. Deutsche Banken sind im kommenden Jahr mit Fälligkeiten von 130 Milliarden Euro konfrontiert. Davon entfallen auf unbesicherte Anleihen gut 50 Milliarden Euro. Insgesamt müssen europäische Banken laut Goldman Sachs 2012 fällig werdende Anleihen über 780 Milliarden Euro tilgen. Allein im ersten Quartal laufen von Banken aus dem Euroraum begebene Schuldtitel über 220 Milliarden Euro aus. Davon entfallen auf französische Banken 37 Milliarden Euro.

          Weniger Kredite in Portugal, Italien und Spanien
          Weniger Kredite in Portugal, Italien und Spanien : Bild: F.A.Z.

          Die Anleihemärkte sind für Banken aus den Euro-Krisenländern wie Italien oder Spanien seit Monaten so gut wie verschlossen. Die Refinanzierung der fällig werdenden Schulden im kommenden Jahr über neue Anleihen hätte Banken vor allem aus den Euro-Krisenländern in existenzielle Schwierigkeiten gebracht. Es ist davon auszugehen, dass die Banken die EZB-Mittel vor allem für die Tilgung verwenden werden. Offen bleibt, ob damit auch die Kreditvergabe angekurbelt wird. Denn die europäischen Banken müssen bis Ende Juni 2012 strengere Eigenkapitalanforderungen erfüllen. Dies wollen sie auch über eine drastische Verringerung ihrer Risiken, im Wesentlichen ihrer Kreditpositionen, erreichen. EZB, Banken, Unternehmen und Politiker befürchten eine Kreditverknappung.

          Insgesamt 740 Milliarden Euro für die Banken

          In Spanien und Italien gibt es erste Anzeichen dafür. Nach Angaben des britischen Finanzdatenanbieters Dealogic sind die Konsortialkredite in Italien in diesem Jahr um 35 Prozent auf umgerechnet 27 Milliarden Euro und in Spanien um 49 Prozent auf 45 Milliarden Euro gesunken. Konsortialkredite sind Darlehen, die von mehreren Banken an ein Unternehmen vergeben werden. Ob die Banken nun ihr Kreditgeschäft ankurbeln, ist fraglich. Denn sie können aufgrund des günstigen Zinses des Dreijahres-Tenders, der sich am historisch niedrigen Leitzins von 1 Prozent orientiert, durch den Kauf italienischer oder spanischer Staatsanleihen einen attraktiven Zinsgewinn realisieren.

          Insgesamt erhöht sich durch den Dreijahres-Tender die von der EZB den Banken zur Verfügung gestellte Liquidität nicht um 489 Milliarden, sondern um 210 Milliarden Euro. Dies liegt an gleichzeitig abgelaufenen Offenmarktgeschäften über 234 Milliarden Euro und den Umschichtungen von 45 Milliarden Euro aus dem Ein- in den Dreijahres-Tender. Insgesamt finanziert die EZB die Banken gegenwärtig mit rund 740 Milliarden Euro.

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