https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/teller-und-tank-11863591.html

: Teller und Tank

  • Aktualisiert am

Keine Lebensmittel in den Tank! Wer in Zeiten der Dürre anderer Meinung ist, der steht weitgehend allein auf weiter Flur.

          3 Min.

          Keine Lebensmittel in den Tank! Wer in Zeiten der Dürre anderer Meinung ist, der steht weitgehend allein auf weiter Flur. Denn das Gebot der Stunde lautet: Du sollst den Biosprit E10 abschaffen. Das glauben jedenfalls Grüne, Christen und Entwicklungshilfeminister Niebel.

          Die neue ideologieübergreifende Entrüstung steht in einem merkwürdigen Missverhältnis zur Tragweite und Komplexität der Frage, was künftig auf welchen Feldern wachsen soll. Die Fakten: Etwa sieben Prozent des auf der Welt geernteten Getreides werden derzeit zu Bioethanol verarbeitet. Auf etwa sechs Prozent der deutschen Ackerfläche wächst Energiemais - wobei die Kritik an um sich greifenden Monokulturen (“Vermaisung“) ein Nebenaspekt ist, da der Maisanteil an der Biomasse durch andere Energiepflanzen gesenkt werden könnte. Der Anbau von Energiepflanzen, verstärkt auch wegen großer Fehlanreize durch milliardenteure Subventionen unter dem Dach des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, macht die Lebensmittel aber teurer. Ist das nicht pervers?

          In den kommenden vierzig Jahren wird sich in der Landwirtschaft entscheiden, ob die Zivilisation in ihrer heutigen Form überlebensfähig ist, also „nachhaltig“. Die rapide wachsende Menschheit will ernährt werden. Weizen, Reis und Mais müssen dafür schneller wachsen als die Weltbevölkerung. Mindestens bis zum Jahr 2050 soll der Wettlauf nach Berechnungen der UN dauern. Dann soll das Bevölkerungswachstum zum Stillstand kommen. Bis dahin aber muss auf Ackerflächen, deren Umfang nicht mehr beliebig ausgedehnt werden kann, mindestens 40 Prozent mehr geerntet werden, vielleicht noch mehr - bei knapp werdendem Dünger. Das Düngemittel Phosphor, vor allem aber das Erdöl, das über Stickstoffdünger oder Diesel in jedem Weizenkorn steckt, werden immer teurer. All das spricht dafür, auf Energiepflanzen zu verzichten und so viel Getreide, Mais, Reis und Kartoffeln wie möglich anzubauen.

          Doch muss die Erzeugung von Nahrungsmitteln prinzipiell überall Vorrang haben? Dann dürften auch nicht mehr als 50 Prozent des Getreides an Tiere verfüttert, neue Wohn- und Gewerbegebiete erschlossen und bis zu sieben Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der EU zu Blumenwiesen umgewandelt werden, wie es die kommende Agrarreform vorsieht. Überall könnten ja auch Roggen, Gerste oder Weizen wachsen.

          Mit der Erörterung von Zielkonflikten und Wertungswidersprüchen ist in Zeiten der Dürre aber kein Blumentopf zu gewinnen. Wer aber die Frage, ob Flächen in einem Ausmaß wie heute für den Anbau von Energiepflanzen genutzt werden dürfen, prinzipiell mit Nein beantwortet, müsste konsequenterweise sagen, dass die Zukunft weitgehend den fossilen Energieträgern gehört - oder sagen, dass die Menschheit sich in Zukunft erheblich einschränken muss. Schon heute frisst jedes elektronische Gerät Energie vom Acker, morgen das E-Auto - Biomasse ist hierzulande heute nach der Windkraft der zweitwichtigste erneuerbare Energieträger.

          Wofür das Ackerland genutzt wird, dürfte umso hitziger erörtert werden, je knapper es wird. Ernährung und Wohlstand sind am wichtigsten, aber es gibt auch andere Ziele, etwa die Pflanzenvielfalt oder den Klimaschutz, nicht zu vergessen - so verlangten es führende Grüne noch vor wenigen Jahren - den Anbau nachwachsender Rohstoffe. Damals war man sicher, dass die Ära fossiler Energieträger unwiderruflich zu Ende gehe. Inzwischen sind die Reserven an Öl und Gas nicht geschrumpft, sondern dank neuer Techniken gewachsen. Doch die Ölförderung in der Tiefsee und im Schiefersand stößt wie das Herauspressen von Erdgas (“fracking“) auf ökologisch motivierten Widerstand.

          Den Energiepflanzen ist auch zugute zu halten, dass der Hunger in der Welt derzeit kaum auf hohe Lebensmittelpreise zurückzuführen ist. Anders als der Getreidepreis sind die Lebensmittelpreise insgesamt niedriger als 2011. Und anders als 2008, als es in vielen Ländern zu Hungerrevolten kam, ist der Preis für Reis, das wichtigste Grundnahrungsmittel, stabil. Die Lager sind gefüllt, eine Rekordernte steht ins Haus. Hunger, so sagen die UN, gebe es dort, wo die politischen Verhältnisse nicht in Ordnung seien.

          In diesem Sommer gibt es Dürren, aber keine weltweiten Missernten. Im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten werden voraussichtlich zwölf Prozent weniger Mais geerntet, auch in Osteuropa sieht es nicht gut aus. Doch der Welthandel sorgt für Ausgleich. Die weltweite Getreideernte wird wohl knapp drei Prozent geringer ausfallen als im Rekordjahr 2011. Das ist nicht die Apokalypse.

          Lebten die deutschen E10-Gegner in den Vereinigten Staaten, hätten sie vielleicht recht. Da hungert schon das Vieh, weil Futtermais knapp ist. Die Welternährungsorganisation FAO fordert einen Produktionsstopp für Bioethanol - für Amerika. In Deutschland gibt es weder eine Dürre, noch kann die EU den Welthunger abschaffen. Wurde nicht von denselben Grünen und Christen oft kritisiert, dass subventionierte Nahrungsmittel aus der EU die Bauern in Entwicklungsländern ruinierten? Dogmen wie „Teller statt Tank“ sind einer vernünftigen Debatte über das Für und Wider von Energiepflanzen nicht förderlich.

          Topmeldungen

          Das kleine Wasserkraftwerk Schwaigerloh1: 160 Kilowatt bei einer Fallhöhe von 5,7 Metern

          Umstrittene Förderung : Der große Streit um die kleine Wasserkraft

          Klimaminister Habeck will kleine Wasserkraftanlagen nicht mehr fördern, die Betreiber fühlen sich an den Pranger gestellt. Für sie geht es um ein Stück Kulturgeschichte und Familientradition.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.