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Telekom : Der Gezeichnete

  • -Aktualisiert am

René Obermann Bild: Edgar Schoepal - F.A.Z.

Sieben Monate an der Spitze der Telekom und schon müde. Noch nie wurde ein Top-Manager so schnell verschlissen wie René Obermann. Doping-Skandale im Radsport, Streiks der Mitarbeiter und Querschüsse aus der Politik rauben ihm den Schlaf.

          Dieser Job hinterlässt Spuren. René Obermann verliert Kraft. Erst der Streik bei der Telekom, dann das Massen-Outing seiner Fahrradfahrer als Doping-Sünder. Und schließlich die Querschüsse aus der Politik, die Spekulationen, wie fest er noch im Sattel sitze. Das zehrt. Er schlafe schlecht, gibt der Telekom-Chef zu. Mehrere Kilo Gewicht hat er in den vergangenen Wochen verloren, der Hemdkragen sitzt lockerer als noch vor einem halben Jahr, als Obermann voller Elan das neue Büro als Vorstandsvorsitzender bezogen hat.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wohl noch nie wurde ein Konzernchef in so kurzer Zeit so erkennbar verschlissen. Eben noch der smarte, frische Aufsteiger, wirkt Obermann, mit 44 Jahren immer noch jung in seiner Position, jetzt bisweilen fahrig. Die Anspannung ist zu spüren, die Mühe, die es ihn kostet, seinen Stil nicht zu ändern. Nicht in Hektik auszubrechen, sich zu beherrschen, egal, was kommt. „Er hat gelernt einzustecken“, sagt einer, der den Top-Manager seit Jahren aus der Nähe erlebt. „Wenn es mal schwierig wird, fliegen einem halt die Kugeln um die Ohren“, gibt der Chef sich standhaft.

          Kampfansage an die Betriebsräte

          50.000 Angestellte, fast jeden dritten Telekom-Beschäftigten in Deutschland, will Obermann in konzerneigene Servicegesellschaften verlegen, zu „marktgerechten“, also schlechteren, Bedingungen: Neun Prozent weniger Lohn gibt es dort, die Arbeitszeit dauert vier Stunden länger. Als Kampfansage haben das die Betriebsräte verstanden in Zeiten, in denen dank brummender Konjunktur andernorts die Gehälter wieder steigen. Da half auch Obermanns Versprechen nichts, im Gegenzug den Kündigungsschutz um drei Jahre, bis 2011, zu verlängern.

          Telekom-Streik I: Beschimpfung als Dobermann

          Viel hat Obermann abbekommen in dem nun fünf Wochen währenden, härtesten Arbeitskampf in der Geschichte der Deutschen Telekom. Als Dobermann wurde er beschimpft, als aalglatter Job-Killer und gewissenloser Abzocker, der sich die Taschen vollstopft und dann weiterzieht. Die Demonstrationen der Gewerkschaft endeten regelmäßig in Kundgebungen direkt vor seinem Vorstandstrakt, damit er ja alle Vorwürfe mit eigenen Ohren hört. Das schmerzt.

          In Talk-Shows wurde er plötzlich als Ackermann-Ersatz in der Rolle des kalten Kapitalisten eingesetzt. Nach einer Diskussion in Hamburg musste er den Saal auf Anraten der Polizei durch den Hinterausgang verlassen; Verdi-Demonstranten hatten die Türsteher überrannt und Obermann mit unflätigen Beschimpfungen überhäuft. Immer schwingt dabei eine Portion Neid mit und der Hass auf die Managerkaste im Allgemeinen. Ob einer wie er noch wisse, wie lange eine Fachkraft im Call-Center telefonieren muss, um auf die 2,6 Millionen Euro Gehalt zu kommen, die er im Jahr kassiert, haben sie den Aufsteiger aus bescheidenen Verhältnissen gefragt. Als er aus Solidarität mit der Belegschaft auf zwei Monatsgehälter verzichtete, wurde Obermann von Gewerkschaftern ausgebuht ob der hilflosen Geste.

          Zwei Millionen Kündigungen 2006

          Keine Frage, der Telekom-Chef hat eine der schwierigsten Aufgaben in der deutschen Wirtschaft. Die Technologie in der Branche ändert sich so rasant, dass der ehemalige Monopolist kaum Schritt hält, die Kunden sind entsetzt über hohe Preise und den miesen Service. „Es ist Mode geworden, sich über uns lustig zu machen“, räumt Obermann ein. Zwei Millionen Bundesbürger haben allein 2006 ihren Festnetzanschluss bei der Telekom gekündigt, die internen Zahlen für dieses Jahr lassen Düsteres erahnen. Und als wäre dies nicht ökonomische Herausforderung genug, hat es ein Telekom-Chef auch zehn Jahre nach dem Börsengang mit einem hochpolitischen Laden zu tun.

          Der Bund hält noch immer 32 Prozent der Aktien. Karrieren in der Bonner Unternehmenszentrale werden im Berliner Regierungsviertel entschieden. Der Finanzminister dringt auf steigende Kurse der T-Aktie und satte Ausschüttungen, die Sozialpolitiker auf behagliche Arbeitsbedingungen im Konzern. Und in Zeiten, in denen den Sozialdemokraten die Wähler in Richtung Linke entfleuchen, müssen die Genossen erst recht auf gebührenden Abstand zu den Bossen achten. So beschließen SPD-Landesparteitage munter, was Obermann zu tun und zu lassen habe. Und der SPD-Fraktionschef Peter Struck reiht sich verbal in die Streikfront ein. Öffentlich hat er den Telekom-Chef vorige Woche ermahnt, die Einkommen der Angestellten nicht anzurühren und sie nicht „notorischen Lohndrückern“ auszuliefern. Und niemand hat aufgeschrieen: Was mischt sich die Politik da ein? Was geht sie die Strategie eines privaten Konzerns an?

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