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Tel Aviv : Die Start-up-Armee im Silicon Wadi

Alltag in Tel Aviv: Das Geschäftsleben und die ständigen Konflikte gehören in der israelischen Start-up-Metropole zusammen. Bild: REUTERS

In kaum einer Stadt entstehen so viele Start-ups wie in Tel Aviv. Selbst in Krisenzeiten lassen sich die Gründer nicht beirren. Ein Teil des Erfolgs hat ausgerechnet mit den Dauerkonflikten zu tun.

          Die Start-up-Szene von Tel Aviv hat sich an einem historischen Ort niedergelassen: der Rothschild-Allee. Wo vor mehr als hundert Jahren jüdische Einwandererfamilien fünf Hektar Sanddünen kauften, in 60 Grundstücke aufteilten und so die Stadt Tel Aviv gründeten, säumen heute alte Gebäude im Bauhaus-Stil die Straße. Hinter den schmucken Fassaden haben junge Gründer ihre Büros.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Die Stadt ist ein Mekka für Start-ups, es gibt kaum einen anderen Ort auf der Welt, an dem so viele Menschen ihr Glück mit kreativen Geschäftsideen versuchen. Auf der Rothschild-Allee finden sie die besten Cafés und Restaurants der Stadt, in den Hochhäusern in der Nähe haben große Finanzinstitute ihren Sitz. All das ist attraktiv – und für die Gründer notwendig, um die besten Softwareentwickler des Landes an sich binden und mit Google und Co. konkurrieren zu können. Sie bieten: kurze Wege zur Arbeit, ein kreatives Umfeld, die Möglichkeit, sich jederzeit bei einem Kaffee oder Bier mit anderen auszutauschen.

          Jederzeit ist wörtlich gemeint, nicht umsonst sprechen Einheimische von der „Non-Stop City“: Hier ist alles immer in Bewegung. So wie im Café „Benedict“ am westlichen Ende der Rothschild-Allee, wo es 24 Stunden am Tag Frühstück gibt. Auch am späten Mittag ist der Laden voller junger Leute, die mit ihren Ideen auf den ganz großen Wurf hoffen, dafür bis spät in die Nacht arbeiten, ausschlafen, sich den Magen vollschlagen und dann wieder an ihrem Unternehmen tüfteln.

          Nichts scheint die Kreativität und Innovation hier aufhalten zu können, nicht einmal die neue Gewaltwelle, die vor zwei Wochen im Land ausbrach. Erst am Dienstag sind in Jerusalem bei zwei Angriffen drei Israelis und ein Palästinenser getötet worden, mehr als 20 weitere Menschen wurden verletzt, auch in Ranana wurden zwei Messerangriffe verübt. Im Ostteil Jerusalems hat die israelische Polizei arabische Viertel abgeriegelt, Taxifahrer wollen nicht mehr in Richtung Altstadt fahren, die Angst vor einer dritten Intifada wächst.

          Konflikte als Innovationsantrieb

          Von Tel Aviv ist all das nur eineinhalb Autostunden entfernt und wirkt doch weit weg. „Tel Aviv ist sogar in Krisenzeiten eine Blase“, sagt Eyal Feder, 28 Jahre alt und einer der Gründer von Zencity, einem Start-up, das Einwohner in die Entstehung intelligenter Städte einbeziehen will. Zencity ist noch jung, die Gründer beginnen gerade erst, nach Geldgebern zu suchen. Sorgen, dass die wegen der aktuellen Konflikte ausbleiben könnten, hat er keine.

          Es ist nicht so, als wären die Unruhen in Tel Aviv kein Thema. Die Menschen beschäftigt, was passiert, mancher ist vorsichtiger geworden, dreht sich auf der Straße öfter um. Doch die Alltagsroutine läuft weiter, das kennen sie hier nicht anders. Wie kommt es, dass ein Land, das alle Welt mit Krieg und Terror verbindet, eine so starke Start-up-Szene hat? Dass Tel Aviv es in vielen Gründerstatistiken weit, wenn nicht gar ganz nach vorne schafft: das meiste Risikokapital pro Kopf, die höchste Start-up-Dichte je Einwohner, das beste Ökosystem für Gründer außerhalb der Vereinigten Staaten?

          Ein Teil der Antwort liegt ausgerechnet in jenen Konflikten, die das Land gerade wieder zu einem Dauerthema in den Nachrichten machen. Eben weil Israel seit seiner Gründung immer wieder im Krieg mit seinen Nachbarländern war, hat es eine Armee aufgebaut, die junge Frauen und Männer zu Top-Experten auf dem Gebiet Cyber-Sicherheit ausbildet und somit zugleich ein Brutkasten für junge Unternehmen ist. Als legendär gilt die Eliteeinheit 8200: Gil Shwed, einer der Gründer des Unternehmens Checkpoint, das die Firewall für Computer erfunden hat, hat diese Ausbildung durchlaufen, viele weitere Beispiele ließen sich aufzählen.

          „Israelis packen Probleme an“

          Hinzu kommt, dass israelische Soldaten etwas lernen, das für eine Armee ungewöhnlich klingt: selbständig zu denken und ihre Vorgesetzten und deren Entscheidungen laufend in Frage zu stellen. Das Prinzip von Befehl und Gehorsam gilt hier nur begrenzt. Es gibt dafür einen eigenen Ausdruck: „Rosh Gadol“ nennen es Israelis, wenn jemand über seine eigentliche Aufgabe hinaus Verantwortung übernimmt und keine Risiken scheut. In der Armee führen auch junge Leute kleine Einheiten, sie müssen lernen, in teils dramatischen Situationen schnell und flexibel zu entscheiden.

          All das sind Eigenschaften, die sich auch in der Zeit nach der Armee auszahlen. „Israelis packen Probleme an. Läuft etwas schlecht, suchen sie nach einer Lösung“, sagt Guy Horowitz, der für Deutsche Telekom Capital Partners, eine Tochtergesellschaft des Bonner Konzerns, der zu dieser Reise eingeladen hat, nach lohnenden Investments in Start-ups sucht. Diese Lösungen haben oft einen ungewöhnlichen Ansatz, wie das Beispiel Morphisec zeigt: So sind bei Cyber-Attacken in der Regel die Hacker als Angreifer im Vorteil.

          Den Unternehmen bleibt oft nur, zu versuchen, die Lücke im Nachhinein zu schließen. Morphisec dreht den Spieß um: „Wir versuchen nicht, die Hacker zu jagen. Wir machen sie zu Jägern“, sagt der Chef Ronen Yehoshua. Dabei arbeitet das Unternehmen mit genau dem Ansatz, den auch Hacker nutzen: Viele Schadprogramme verändern sich ständig, damit sie nicht entdeckt werden können. So macht es Morphisec nun mit dem gesamten Arbeitsspeicher eines Computers: Schon bei dem Doppelklick auf ein schadhaftes PDF-Dokument wird der Speicher in eine Art Irrgarten verwandelt, der für den Hacker undurchschaubar ist, weil er sich ständig verändert.

          Gelernt, mit den Sorgen zu leben

          Wie alle israelischen Start-ups ist das junge Unternehmen darauf angewiesen, besonders schnell Märkte in Asien, den Vereinigten Staaten oder Europa zu erobern, weil der Heimatmarkt mit nur rund acht Millionen Einwohnern klein ist. Halten sich Investoren und Kunden aus dem Ausland fern, könnte das für Start-ups das Ende bedeuten, bevor es richtig losgegangen ist.

          Das weiß auch Omri Dotan, der bei Morphisec für die Unternehmensentwicklung zuständig ist. Eine starke Abkühlung wegen der aktuellen Konflikte spürten sie nicht, sagt er, aber ein Gefühl von Unbehagen liege in der Luft. „Machen wir uns Sorgen? Ja, ich habe einen Sohn, der zweimal in Gaza war, meine Tochter ist gerade der Armee beigetreten. Ändert das etwas an unserer Entschlossenheit? Nein. Unglücklicherweise haben wir gelernt, damit zu leben.“

          So denken viele. In einer Studie, die Deloitte im vergangenen Jahr über das Vertrauen von Wagniskapitalgebern in verschiedene Länder erhoben hat, lag Israel sogar auf dem zweiten Platz hinter Amerika. Fragt man Israelis, woran das liegt, erzählen sie die Geschichte, die auch Dan Senor und Saul Singer in ihrem Buch „Start-up Nation Israel“ schildern: Dass nämlich der Großinvestor Warren Buffett sein erstes Unternehmen außerhalb Amerikas ausgerechnet in Israel kaufte – zwei Monate bevor 2006 der Krieg mit dem Libanon begann. Obwohl das Maschinenbauunternehmen Iscar während des Krieges zeitweise nur mit halber Belegschaft weiterarbeitete, gelang es, stets pünktlich zu liefern. Seitdem, so scheint es, kann das Vertrauen von Investoren so schnell nichts erschüttern.

          Die Regierung stützt die Start-up-Szene

          Auch deshalb hat Israel es geschafft, ein Ökosystem aus etwa 5000 Start-ups, mehr als 100 Wagniskapitalfonds, 31 Inkubatoren und mehr als 30 Acceleratoren aufzubauen, das im Land in Anlehnung an das Silicon Valley gerne als „Silicon Wadi“ bezeichnet wird, wobei Wadi das hebräische Wort für Tal ist. Mehr als 275 multinationale Konzerne sind heute in Israel vertreten, viele haben eigene Forschungszentren eröffnet: IBM, Intel, Google.

          Gestützt wird das Ökosystem von der israelischen Regierung, die ein Programm aufgelegt hat, in dem die Inkubatoren nur 15 Prozent des Budgets für ein Start-up selbst aufbringen müssen, 85 Prozent übernimmt die Regierung in Form eines Darlehens, das das Unternehmen nur im Erfolgsfall zurückzahlen muss. In einem Land ohne natürliche Ressourcen sieht die Regierung in den Gründern gute Chancen für wirtschaftliches Wachstum.

          Auch die Stadt Tel Aviv ist in der Start-up-Szene sehr aktiv. Geld gibt sie nicht, dafür hat sie einen „Co-Working Space“ in einer früheren Bibliothek eröffnet, in den alle sechs Monate zehn Start-ups aufgenommen werden. Gerade hat die Stadt zudem Austauschprogramme mit anderen Städten gestartet, in deren Rahmen Gründer für eine gewisse Zeit woanders hingehen können: Die Vereinbarungen mit Paris und Berlin sind frisch unterzeichnet, viele weitere sollen folgen.

          ICQ ist eine der vielen Erfolgsgeschichten

          Das Silicon Wadi hat viele Erfolgsgeschichten hervorgebracht: Eine der bekanntesten ist der schon 1996 gegründete Chatdienst ICQ, außerdem der Kartendienst Waze, den Google vor zwei Jahren für mehr als eine Milliarde Dollar übernahm. Vor einem Jahr legte Mobileye, das kamerabasierte Software für fahrerlose Autos entwickelt, den größten Börsengang eines israelischen Unternehmens in Amerika hin.

          Doch auch wenn israelische Start-ups an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq stark vertreten sind und einige von ihnen eine Milliardenbewertung erreichen: Das nächste Facebook oder Google ist in Israel noch nicht entstanden. Und auch Arbeitsplätze für die breite Masse sind aus den Start-ups bislang nur in Ausnahmefällen hervorgegangen. „Große Unternehmen zu gründen, haben die Israelis noch nicht gelernt“, sagt Dudu Mimram, technischer Direktor der T-Labs sowie des Forschungszentrums für Cybersicherheit an der Ben-Gurion-Universität.

          Nicht jede Idee geht auf. Wenn auf der Rothschild-Allee junge Israelis neue Unternehmen hochziehen, stampfen andere ihre Ideen gleichzeitig wieder ein. Doch während Gründer in Deutschland immer noch gebrandmarkt sind, wenn eine Idee scheitert, gibt es in Israel sogar Manager, die aus Prinzip nicht in das erste Unternehmen eines Gründers investieren – so gut die Idee auch sein mag. Soll er erst mal machen, scheitern, dazulernen, was Neues probieren, ist die Philosophie. Sicher ist: Die Investoren werden auch im zweiten Versuch Schlange stehen.

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