https://www.faz.net/-gqe-a6rn9

Technologischer Fortschritt : Die verschlafene Revolution

Die Corona Warn-App der Bundesregierung Bild: Lando Hass

In der Corona-Krise zeigt sich, wie wenig die Politik der Technik vertraut. Das ist ein Versäumnis.

          3 Min.

          Eine Pandemie bekämpft man nur mit dem Holzhammer. Appelle müssen Verboten weichen, Beschränkungen dem völligen Verzicht. Das leuchtet inzwischen vielen ein, und doch wäre es beruhigender, wenn sich die Politik nicht allein darauf verließe. Denn ein – völlig schmerzfreies – Mittel schöpft sie im Kampf gegen das Virus kaum aus: den guten alten Computer.

          Damit allein ist es natürlich nicht getan, gemeint ist ein hochleistungsfähiges Netzwerk, ausgestattet mit dynamischen digitalen Lösungen, intuitiv zu bedienen, die im laufenden Prozess ständig verbessert und erweitert werden. Sie vernetzen Gesundheitsämter, Labore, Ärzte und Corona-Infizierte. Sie verfolgen Infektionsketten auf Knopfdruck, analysieren Hotspots, verhängen und überwachen Quarantäne. Diese Lösungen gibt es längst. Eine zentrale Anwendung ist die digitale Plattform Sormas, die regelmäßig neue Funktionen bekommt, aber nur langsam Einzug in die Gesundheitsämter erhält. Und das, obwohl sie schon vor sechs Jahren entwickelt wurde: vom deutschen Helmholtz-Zentrum zur Bekämpfung der Ebola-Pandemie in Afrika.

          In Deutschland wurde Sormas lange Zeit übersehen, um nicht zu sagen: ignoriert. Nicht einmal das einheitliche Meldesystem Demis ist schon flächendeckend im Einsatz. Die Gründe dürften in einer Mischung aus Chaos, nachvollziehbarer Überforderung, fehlendem Sachverstand und mangelnder Kreativität liegen. Die Kleinteiligkeit, die der Föderalismus mit sich bringt, dürfte dazu beigetragen haben. Erst im November einigten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten darauf, alle Gesundheitsämter in Deutschland nach und nach auf Sormas umzurüsten, von den rund 400 Gesundheitsämtern arbeiten derzeit gerade einmal 80 damit. Die restlichen 320 stürzen sich nicht gerade mit Verve darauf, weil sie ihre systemrelevante Arbeit auch bisher schon nicht nur mit Papier und Stift erledigen, sondern mühsam eigene Lösungen entwickelt oder teuer eingekauft haben. Die haben den unschlagbaren Vorteil, dass sich die Mitarbeiter nicht noch daran gewöhnen müssen.

          Der Datenschutz ist nicht das Haupthindernis

          Das wirft ein Schlaglicht auf ein generelles Problem, das mit dem Hinweis auf die Mängel der Corona-Warn-App längst nicht hinreichend beschrieben ist. Auf das Prestigeprojekt der Bundesregierung, die Warn-App, stürzen sich gerade alle, die glauben, dass man mit dieser Technik gegen die Pandemie wesentlich mehr erreichen könnte, als bisher gelungen ist. Der Datenschutz ist dabei nicht einmal das Haupthindernis, auch nicht die technischen Unzulänglichkeiten, die bei einer Anwendung von solcher Komplexität am Anfang keine Überraschung sind. In Deutschland gilt eine App nur dann als erfolgreich, wenn sie von Anfang an so reibungslos funktioniert wie Amazon nach zwanzig Jahren. Die echte Hürde liegt in der Erwartungshaltung, eine x-beliebige App könne in wenigen Monaten Kontaktbeschränkungen quasi im Alleingang überflüssig machen.

          Gegen diese überzogene Erwartung hat sich die Bundesregierung immer zu Recht gewehrt. Sie hat dem aber auch nichts entgegengesetzt. Sie hat weder mit Engagement nach weiteren Lösungen gesucht noch diese stringent verfolgt. Ein eilig vom Bundeskanzleramt anberaumter Hackathon hat zwar im Frühjahr interessante Lösungsansätze zutage gefördert, aber keine dieser Ideen hat auch nur annähernd die Aufmerksamkeit einer Corona-Warn-App bekommen.

          In der Politik fehlt eine zentrale Anlaufstelle

          Diese Erfahrung reiht sich ein in eine lange Liste von Versäumnissen, von denen Start-up-Gründer auch schon vor Corona-Zeiten berichteten. Da sind die Schulen, die kaum Anstalten machen, Kinder für Technik zu begeistern. Politische Entscheider sammeln lieber Erfahrungsberichte von E-Government-Projekten in Singapur ein, als sich mit den Vorschlägen hiesiger Programmierer auseinanderzusetzen. Ministerien und Behörden schieben die Zuständigkeiten wahlweise weg oder ignorieren sie. In der Corona-Krise kommt noch eine weitere Marotte hinzu: Die Politik hält den technologischen Fortschritt für ein Schönwetterprojekt, das man vorantreibt, wenn man keine anderen Sorgen hat. Die digitale Revolution gedeiht allerdings auch – und gerade – in Krisenzeiten. Das zeigen Asien und Afrika auf eindrückliche Weise. Dort haben Pandemien die Bevölkerung immer wieder vor große Herausforderungen gestellt. Die Technik hat ihren Beitrag geleistet, weil man sich dort beherzt darauf eingelassen hat.

          In Deutschland gibt es viel Potential, das nicht ausgeschöpft wird. Viele IT-Experten sind frustriert darüber: Sie sehen, was alles möglich wäre. Doch in der Politik fehlt eine zentrale Anlaufstelle, die den Überblick behält und Großprojekte wie einen Sormas-Rollout mit den Ländern koordiniert. Es wird höchste Zeit, dass sich das ändert, denn jetzt steht ein Impfmarathon bevor, bei dem digitale Hilfe dringend benötigt wird.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Jetzt mit F+ lesen

          Hessens Innenminister Peter Beuth und SEK-Beamte im Jahr 2017

          Polizeiskandal in Hessen : Muckibude von Rechtsextremen

          Der Skandal um rechtsextreme Chats bei der Polizei wird immer größer. Im Zentrum steht ausgerechnet das SEK. Wer dessen Räume betrat, sollte staunen. Ein Fall von übersteigertem Elitebewusstsein?
          Das Wahlplakat der Grünen

          #Allesistdrin : Die schöne Welt mit Lastenrad

          Ein Wahlplakat der Grünen zeigt eine vierköpfige Familie, die mit einem Lastenfahrrad durchs Grüne fährt. Und es zeigt ein Problem, das die Partei in ihrer Ansprache hat.

          Die Welt des neuen Geldes : Der Bitcoin hat es in sich

          Viele betrachten Kryptowährungen wie Bitcoin als gefährliche Spekulationsobjekte – die aktuellen Kursrückgänge bestärken sie. Doch dahinter steckt viel mehr. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Dieser Artikel wurde Ihnen von einem Abonnenten geschenkt und kann daher kostenfrei von Ihnen gelesen werden.
          Zugang zu allen F+Artikeln