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Technologie : IG Metall stimmt der 40-Stunden-Woche bei Siemens zu

  • Aktualisiert am

Vorerst gesichert: Handy-Montage in Kamp-Lintfort Bild: AP

Siemens hat mit der Gewerkschaft Vereinbarungen getroffen, die deutsche Arbeitsplätze sichern sollen. Die Einwilligung der IG Metall in die 40-Stunden-Woche gilt vielen Beobachtern als wichtiges Signal für die weitere Debatte über längere Arbeitszeiten.

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          Im Streit um die drohende Verlagerung tausender Stellen bei Siemens hat sich der Konzern mit der Gewerkschaft IG Metall auf eine konzernweite Rahmenvereinbarung und einen Ergänzungstarifvertrag für die in der Handy-Fertigung tätigen Standorte Kamp-Lintfort und Bocholt geeinigt. Siemens halte dabei am Flächentarifvereinbarung weiter als Basis fest, bestätigte der Münchener Technologie-Konzern am Donnerstag. Die Überlegungen zur Verlagerung von rund 2000 Arbeitsplätzen nach Ungarn seien für mindestens zwei Jahre vom Tisch.

          Damit ist ein Konflikt entschärft, der Ausgangspunkt für eine generelle politische Debatte über Arbeitszeit und Löhne war. Experten werteten die Zustimmung der Gewerkschaft zu längeren Arbeitszeiten am Donnerstag als wichtiges Signal für die weitere Arbeitszeit-Debatte in Deutschland. An der Börse lag die Siemens-Aktie am Nachmittag mit 57,85 Euro um 2,4 Prozent im Plus und gewann damit rund einen Prozentpunkt mehr als der Gesamtmarkt.

          Mehrarbeit ohne Lohnausgleich

          Kernstück des Übereinkommens ist die Verlängerung der Arbeitszeit auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich. Weihnachts- und Urlaubsgeld werden durch einen erfolgsabhängige Jahresbonus ersetzt. Siemens-Chef Heinrich von Pierer freute sich über die Einigung mit der Gewerkschaft: „Ich wollte die Arbeitsplätze erhalten. Das ist gelungen.“ Dies sei ein gutes Beispiel, wie Flächentarifverträge zukunftsgerecht gestaltet werden könnten. Der Ergänzungstarifvertrag gilt den Angaben zufolge für alle der mehr als 4.000 Mitarbeiter des Standorts, an dem Mobiltelefone und schnurlose Telefone gefertigt werden. Die Arbeitskosten werden laut Siemens um 30 Prozent gesenkt, die Gesamtkosten pro Handy gehen um fünf Euro zurück.

          In der Vereinbarung betonte die Unternehmensführung, daß es kein strategisches Ziel sei, das Verhältnis von Inlands- und Auslandsumsatz auch bei der Belegschaft abzubilden - also eine hohe Zahl von Stellen ins Ausland zu verlagern. Siemens hat beim Umsatz einen deutlich höheren Auslandsanteil als bei der Beschäftigtenzahl.

          Zwei Jahre Gültigkeit

          Der Vertrag soll zum 1. Juli in Kraft treten und zwei Jahre gelten. Gewerkschaft und Unternehmen gehen davon aus, daß während der Laufzeit keine betriebsbedingten Kündigungen stattfinden. Nach den zwei Jahren habe Siemens nicht vor, den Betrieb an dem Doppelstandort einzustellen, sagte Pierer. Mit der Vereinbarung habe der globale Fertigungsverbund, der neben Kamp-Lintfort/Bocholt Produktionsstandorte in Shanghai und in Brasilien zählt, eine neue
          Perspektive erhalten, teilte Siemens weiter mit.

          Von Pierer räumte ein, daß die Probleme der Siemens-Handysparte, die zuletzt gegenüber größeren Konkurrenten weiter ins Hintertreffen geriet, nicht alleine durch geringere Löhne wettzumachen sind. „Wir müssen die Kostenseite in Ordnung bringen, wir brauchen Innovationen, wir brauchen Wachstum", sagte er, auch bezogen auf den gesamten Konzern. Durch neue Handymodelle geht von Pierer für dieses und das nächste Quartal von deutlich verbesserten Absatzzahlen aus. Der Siemens-Chef warnte davor, dem Konzern nun eine Vorreiterrolle zu unterstellen: „Das Wort Modellcharakter für Deutschland nehme ich nicht in den Mund.“

          Ein Modell?

          Arbeitsmarktexperten sagten allerdings, der in anderen Branchen bereits sichtbare Trend zu längeren Arbeitszeiten könne nun auch in der Metall- und Elektrobranche neue Impulse erhalten. „Wenn das ein so großes Unternehmen wie Siemens macht, hat das eine Signalwirkung", sagte Harmen Lehment vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Die IG-Metall-Spitze betonte hingegen wie Pierer, das Siemens-Abkommen habe keinen Modellcharakter. „Der Abschluß ist weder ein Modell für andere Unternehmen oder andere Branchen, noch ein Modell für das Unternehmen Siemens. Das ist ein Abschluß, der unter ganz spezifischen und extrem schwierigen Bedingungen und unter einer akuten Standortgefährdung zu interpretieren ist", betonte deren Tarifexperte Armin Schild.

          Für Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser bedeutet der Kompromiß, daß die im Frühjahr mit der IG Metall im Rahmen des Lohnabschlusses für die Metall- und Elektrobranche vereinbarten betrieblichen Möglichkeiten für Arbeitszeitverlängerungen nun erstmals von einem namhaften Großunternehmen genutzt werden. Bislang war von Firmen kritisiert worden, der von Kannegiesser ausgehandelte Tarifabschluß eröffne den Unternehmen nicht genügend Möglichkeiten, um die Kosten zu senken.

          Der Deutsche Gewerkschaftsbund wertete die Vereinbarung als wichtigen Kontrapunkt gegen Forderungen, tarifliche Entscheidungen stärker in die Betriebe zu verlagern und die Tarifparteien damit zu entmachten. „Das ist ein Gegenpunkt zu den Forderungen von CDU und FDP nach betrieblichen Bündnissen. Hier wird im Rahmen von tariflichen Regelungen etwas vereinbart", sagte der DGB-Tarifexperte Reinhard Dombre.

          Siemens hatte im Frühjahr erklärt, in Deutschland seien rund 5000 Arbeitsplätze bedroht. Zumindest für rund die Hälfte hiervon gebe es aber Rettungsmöglichkeiten, sofern die Belegschaft zu Opfern wie längerer Arbeitszeit bereits sei, um so internationale Kostennachteile wettzumachen. Die jetzige Vereinbarung sei die Grundlage für die 105 deutschen Siemens-Standorte, teilte die IG Metall zufrieden mit.

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